Ihr letzter Wille

Beitrag von wize.life-Nutzer

Uwe Siegfried Drogoin


Ihr letzter Wille


Vor Jahren hatte ich eine Arbeitsstelle in Düsseldorf angenommen.
Um mir, zeitbegrenzt, eine Bleibe etwa 600 Km von meinem Heimatort Dresden zu schaffen, mietete ich eine kleine Wohnung in der Nähe meiner Dienststelle an.
Nachdem ich mich halbwegs eingelebt hatte, lernte ich einige Leute aus meiner Umgebung kennen.
Dabei fiel mir eine alte Dame auf, die offenbar dem ohne Unterlass fließenden Strom an Autos hilflos gegenüber stand. Sie brauchte für gewöhnlich sehr lange, bis sie sich traute die Straße zu überqueren.
Wenn ich sie bemerkte, nahm ich sie am Arm und geleitete sie sicher auf die andere Straßenseite. Nach mehreren solchen Hilfeleistungen lud sie mich eines Tages zu Kaffee und Kuchen ein und erzählte mir ihre Lebensgeschichte.

Hanna war zweimal verheiratet, beide Partner waren inzwischen gestorben. Ihre beiden Kinder aus erster Ehe waren durch einen schlimmen Autounfall ums Leben gekommen. Freundschaften hatte sie nie aufgebaut, weil man ihr eingeredet hatte, sie brächte ihrer Umgebung nur Unglück.
Da Hanna merkte, dass ich schriftstellerische Ambitionen habe, lieh sie mir des Öfteren Bücher aus ihrem reichhaltigen Fundus. Hanna freute sich, mit mir über die Veröffentlichung meines ersten Buches „Ich bin ein Berliner“.
Sie konnte sich noch deutlich an damals erinnern, als John F. Kennedy 1963 in Berlin seine flammende Rede gehalten hatte.

Eines Tages klagte Hanna über starke Leibschmerzen und ich brachte sie auf dem schnellsten Wege in ein nahegelgenes Krankenhaus.
Dort stellte man als Ursache eine geplatzte Gallenblase fest. Es bestand akute Lebensgefahr. Hanna gab mir ihre Schlüssel und bat mich Handtücher und etwas Wäsche zu bringen.
Aus ihrer Wohnung zurückgekehrt erfuhr ich, dass Gefahr im Verzuge und die Gallenoperation in vollem Gange war. Am nächsten Tag sagte man: sie wäre noch nicht aus der Narkose aufgewacht. Aus Sicht der Ärzte war das ungewöhnlich.
Am darauf folgenden Tag hatte ich aus zeitlichen Gründen keine Möglichkeit des Besuches.
Der dritte Tag war ein Samstag und ich eilte besorgt in Richtung Krankenbett.
Schon die Stationsschwester empfing mich mit einer besorgten Miene und den Worten: „Der behandelnde Arzt will sie sprechen“.
„Sie sind offenbar der einzige Mensch, der ihr nahe stand“, begann er. „In ihrem letzten undeutlichen Gemurmel konnten wir ihren Namen heraushören. Sie sind doch Siegfried? Oder ?“
Hanna Link ist in der letzten Nacht eingeschlafen.“
Mit dieser Nachricht hatte ich offen gestanden nicht gerechnet. Hanna war Mitte achtzig geworden, also ein respektables Alter, aber ich hatte auf noch einige Jahre mehr gehofft.
Als ich schließlich den Haushalt auflösen musste, entdeckte ich ein Testament mit folgendem Inhalt:

Mein letzter Wille

Herr Siegfried Drogoin erbt alles, was ich habe. Er war in meinen letzten Jahren ein treuer Begleiter und guter Freund. Ich habe ihn und seine Art lieb gewonnen.

Hana Link

Ein Notar bestätigte später die Echtheit des Testamentes und erklärte es für gültig.
Ich veranlasste das Begräbnis und da Hanna nicht in der Kirche eingebunden war, verweigerte der zuständige Geistliche die Grabrede.
So hielt ich die Grabrede selbst. Ich war auch der Einzige, der am Begräbnis teilnahm, außer den Mitarbeitern des Friedhofes.
Und ich denke, dass ich freundliche Abschiedsworte gefunden habe.
Vielleicht hat sie von oben aus Wolke sieben zugehört und ein mildes Lächeln für mich übrig gehabt.

Die hatte jahrelang eine goldene Armbanduhr getragen und war damit gestürzt.
Ich ließ diese Uhr als Erinnerungsstück und Hanna zu Ehren wieder in Ordnung
bringen und diese Uhr begleitet mich noch immer.

Hanna war Zeit ihres Lebens bettelarm geblieben, doch sie hat sich nie beklagt.
Wenn ich täglich auf die Uhr schaue, habe ich ein Lächeln auf den Lippen: „Möge es Hanna dort gut gehen, wo sie heute ist, wo unsere irdischen Werte keinerlei Bedeutung mehr haben“.