Tratsch im Treppenhaus
Tratsch im Treppenhaus

Tratsch im Treppenhaus

Beitrag von wize.life-Nutzer

Tratsch im Treppenhaus

„Ring, Ring“, die Klingel läutet 2x hintereinander. Für mich das Zeichen, dass meine Nachbarin Frau Meyerdierks vor der Tür steht, die mir sicherlich das Neueste aus dem Haus erzählen will. 2 Tage habe ich sie nun schon nicht gesehen, und da hat sich sicherlich viel aufgespart.

Mit leicht gerötetem Gesicht steht sie vor mir. „Also, so langsam tut mich das mit Emmi reichen!. Sie hat immer wieder was zu nörgeln ! Es ist bald nicht mehr auszuhalten ! Nun hat sie schon wieder Verstopfung!

Ich bin extra für ihr zur Apotheke gefahren, um was dagegen zu holen. Aber da kann ja nichts kommen, wenn sie immer nur auf ihrem Stuhl sitzen tut und sich nicht bewegt. Das hat die vom Pflegedienst auch gesagt !“

Ich versuche einzulenken, dass Frau Brinkmann doch auch schon 94 Jahre alt sei, und nach einer Beinoperation sicher noch sehr geschwächt ist. Doch das lässt Frau Meyerdierks nicht gelten. „Ach, das ist doch nun schon 4 Wochen her, und sie soll sich gefälligst ein bisschen zusammen reißen. Ich tu mich ja auch nicht so gehen lassen.“

Da hat sie sicherlich recht, denn Frau Meyerdierks ist auch schon stolze 84 Jahre alt und fit wie ein Turnschuh. Sie macht noch alle ihre Einkäufe und Arztbesuche mit dem Fahrrad. Doch 10 Jahre sind schon ein Unterschied. Das versuche ich ihr, schon auf Widerspruch wartend, wohl zum 20. Mal klar zu machen.

„Nein Frau Homann, ich tue ja auch jeden Morgen zu ihr in den 3. Stock hoch gehen und ihr die Zeitung bringen.“

Sie hat das Privileg den „Weser Kurier“ zuerst lesen zu dürfen. Dafür muss sie die Zeitung dann zu Frau Brinkmann bringen, die Abonnentin ist und sie auch bezahlt.

„Übrigens habe ich meinen Kindern erzählt, dass sie uns beide gestern um 22.30 raus geklingelt hat, weil ihre Sicherung vom Kühlschrank raus gesprungen ist. Das kann sie doch nicht machen !! Und tun sie sich mal vorstellen, sie wären nicht da ! Was hätte sie dann gemacht. Ich hatte doch schon mein Nachthemd an. Und ich wäre zu dieser Zeit auch nicht hoch gegangen! „Aber was sollte sie denn sonst machen“, erwiderte ich, „ihre TK-Sachen wären ja alle aufgetaut !“ „Dann hätte sie eben ihren Sohn anrufen müssen. Und überhaupt, wenn ich den mal zu fassen kriege, den tue ich aber mal meine Meinung sagen. Der hat sich mehr um seine Mutter zu kümmern. Der muss mehr für ihr da sein“. Das würden meine Kinder nie machen ! Mich so meinem Schicksal zu überlassen !“

Ich denke so bei mir, dass sie ja 4 Kinder hat, die sich die Aufgabe teilen, doch ihren Redefluss zu unterbrechen, wage ich nun doch nicht.

„Und dann ist Marios Freundin, die von oben, mit einer großen Tüte herunter gekommen. Ich habe gesehen, dass da ein Kopfkissen drin war. Ob die sich wohl wieder getrennt haben? In letzter Zeit haben die sich auch immer gezankt, hat mir seine Mutter gesagt. Na, das würde mich auch nicht wundern. Der tut ja schon einmal geschieden sein. Mit dem kann es ja keine aushalten . Der hat ja sogar schon mal seine eigene Mutter geschlagen !! Aber die Freundin hat ja Gott sei Dank noch ihre alte Wohnung behalten.“

Ich bin immer wieder erstaunt, was Frau Meyerdierks so alles weiß. Aber es ging noch weiter. „Die kleine Türkin von oben ist übrigens mit ihrem Vater in die Türkei gefahren. Das hat mir ihre Schwester erzählt. Ich glaube nicht, dass die noch bei der Lufthansa arbeiten tut, denn ich habe sie ewig nicht mehr in ihrer Uniform gesehen. Die hat in letzter Zeit ja immer das Kopftuch getragen. Sie hat zwar immer gesagt, sie tut das vor der Arbeit abnehmen, aber wer weiß----.

Vielleicht bringt die sich ja noch nen Türken mit. Die will ja unbedingt heiraten ! „Das würde ich ihr aber gönnen,!“ versuche ich einzulenken, werde aber im nächsten Moment eines Besseren belehrt. „Die hatte ja schon mal einen Türken geheiratet, das hat nur 3 Monate gedauert. Der hat nur auf ihre Kosten gelebt. Und tun sie sich mal vorstellen, die tut noch ein paar Kinder kriegen mit dem. Das Geschrei hier im Haus! Na, vielleicht erlebe ich das ja nicht mehr ! Mir reicht das schon hier überall in der Nachbarschaft!“.

Ich beeile mich, ihr zu versichern, dass sie mit ihrer Kondition mindestens 100 Jahre alt wird, was sie mit einem Strahlen quittiert.

Zum Glück klingelt in diesem Moment das Telefon bei mir und mit einer Entschuldigung kann ich mich erleichtert in meine Wohnung zurückziehen mit dem Versprechen später weiter reden zu können. Enttäuschung macht sich in ihrem Gesicht breit

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.