Wünscht sich, dass sie in ihrem Zuhause bleiben kann: Berta Mägerlein (links ...
Wünscht sich, dass sie in ihrem Zuhause bleiben kann: Berta Mägerlein (links) mit ihrer Tochter Edith Kernstock.Foto-Quelle: Liebmann

Wenn die Kinder um jede Pflegestufe kämpfen müssen

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Berta Mägerlein will ihren Lebensabend in ihrem eigenen Haus verbringen. Das klingt einfach, ist aber eine Herausforderung

Berta Mägerlein braucht kein Liederbuch, das Lied „Gar herrlich ist die Jugendzeit“ kennt sie auswendig. Was es zum Mittagessen gegeben hat, hat sie allerdings schon längst vergessen, ebenso, ob sie ihre Medikamente eingenommen hat. Dass die Krankenkasse ihre Pflegebedürftigkeit anerkannt hat, ist der Hartnäckigkeit ihrer Tochter zu verdanken. Edith Kernstock hat mit Unterstützung des VdK weitergekämpft, als die Anträge abgelehnt wurden.

Auf den ersten Blick wirkt Berta Mägerlein topfit, ihre Demenzerkrankung merkt man ihr nicht an. Die gepflegte 91-Jährige aus dem bayerischen Dentlein am Forst im Landkreis Ansbach studiert mit wachem Blick ihre Umgebung und freut sich über jeden Besuch. Abwechslung liebt sie. „Meine Mutter war ihr Leben lang selbstständig und viel unterwegs“, erklärt Edith Kernstock. Bis vor vier Jahren sei sie noch Auto gefahren, doch dann habe sie fast einen Unfall gebaut und sich immer schlechter zurechtgefunden. „Einmal war sie beim Einkaufen in Feuchtwangen. Als sie aus dem Geschäft kam, kannte sie sich nicht mehr aus“, erinnert sich Kernstock.

Auch im Haushalt wurde die Mutter schusselig: Sie vergaß, die Herdplatten auszuschalten, und verursachte zwei Kleinbrände. „Im Herbst 2012 haben wir den Herd abgestellt“, berichtet Edith Kernstock. Damals beantragte ihre Schwester bei der Krankenkasse erstmals die Pflegestufe 1. Berta Mägerlein will in dem Haus wohnen bleiben, in dem sie viele Jahre mit ihrem Mann gelebt und fünf Kinder großgezogen hat. Das ist ihr größter Wunsch. Die Einrichtung stammt noch aus den 1970er-Jahren, an den Wänden hängen Dutzende von Familienfotos. Hier lebt sie mitten in ihren Erinnerungen, „hier ist es am schönsten“, sagt sie.

Auf dem Grundstück nebenan wohnte die jüngste Tochter mit ihrem Mann. Eigentlich hätte sie die Mutter pflegen wollen, doch dann erkrankte sie an Krebs. Letzten Sommer starb sie. Seither kümmert sich Edith Kernstock, die älteste Tochter, um Berta Mägerlein. Sie lebt im 28 Kilometer entfernten Leutershausen und kann ebenso wie ihre Geschwister die 91-Jährige nicht rund um die Uhr selber pflegen. Stattdessen kämpfte die 66-Jährige, seit einem Jahr stellvertretende Vorsitzende des VdK-Ortsverbands Leutershausen, dafür, dass ihre Mutter als pflegebedürftig anerkannt wurde. Das war nicht immer einfach. „Ohne den VdK hätte ich das nicht geschafft“, sagt sie.

Erster Antrag abgelehnt

Den ersten Antrag auf Pflegestufe 1 im Herbst 2012 lehnte die Kasse ab. Im März 2013 stellte Kernstock den zweiten Antrag. Inzwischen war die Mutter nicht nur vergesslich, sondern brauchte mehr Betreuung. Immer wieder war sie hilflos, stürzte und verletzte sich, fiel auch aus dem Bett. Sie vergaß zu essen und ihre Medikamente zu nehmen, oder nahm alle Tabletten auf einmal. Den ganzen Tag wollte sie nur schlafen. Eine Jugendfreundin von Mägerlein zog vorübergehend ein und kümmerte sich vor allem nachts um die alte Dame. Im Juni 2013 wurde die Pflegestufe 1 rückwirkend bewilligt, nicht aber die zusätzlichen Betreuungsleistungen, die laut Kernstock „unbedingt notwendig waren“.

Denn die ältere Freundin war nicht in der Lage, der Mutter die Medikamente zu geben oder 24 Stunden am Tag für sie da zu sein. Um Berta Mägerlein auch nachmittags zu betreuen, wechselten sich die Geschwister ab. „Das war auf die Dauer auch keine Lösung“, sagt Edith Kernstock, denn alle Kinder wohnen bis zu 35 Kilometer weit weg und sind voll berufstätig. Sie legte mit Hilfe des VdK Widerspruch ein, die Kasse genehmigte die Betreuungsleistungen. Daraufhin besorgten die Geschwister eine Kraft, die zweimal wöchentlich kam. Im Herbst 2013 stürzte Berta Mägerlein schwer und musste in ein Pflegeheim zur Kurzzeitpflege.

Danach hatte sie ihren Lebensmut verloren und so gut wie alles verlernt: Sie brauchte Hilfe beim Waschen und Anziehen und konnte nicht mehr alleine auf die Toilette gehen. Edith Kernstock stellte einen Antrag zur Höherstufung, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) lehnte ab. „Und das alles, weil angeblich 21 Minuten am Tag zur Grundpflege fehlten“, empört sie sich noch heute. Kernstock legte Widerspruch ein – mit Erfolg: Im Februar wurde die Pflegestufe 2 schließlich doch genehmigt. Viel ist es nicht, was die alte Dame nun für ihre Pflege bekommt – etwas mehr als 500 Euro. Schon wesentlich mehr, nämlich knapp 1600 Euro kostet die Pflegekraft, die sich seit Herbst um die Mutter kümmert. Sie wird von den Geschwistern selbst finanziert. „Das ist die beste Lösung“, ist Kernstock überzeugt.

Kathi ist für die Familie ein echter Glücksgriff. Liebevoll kümmert sie sich um die Seniorin und den Haushalt. Mit ihrer Hilfe traut sich die Mutter wieder, kleinere Spaziergänge mit dem Rollator zu unternehmen, sie hat wieder mehr Appetit und nimmt auch die Medikamente regelmäßig ein. Kathi macht „Oma“ die Haare, lackiert ihr die Nägel, bringt ihr die Mundharmonika und singt mit ihr. Ab und zu muss die alte Dame nachfragen: „Ja, hab ich das Lied nicht schon gespielt?“, um sich dann zu entschuldigen: „Man vergisst so viel, wenn man alt wird.“ Auch den Namen ihrer Pflegerin kann sich die 91-Jährige nicht merken. Trotzdem hat sie Kathi ins Herz geschlossen: „Ja, wir zwei haben’s gut“, sagt sie, hält die Hand der jungen Frau fest und lächelt sie strahlend an. (Annette Liebmann)

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