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Opfer?
Opfer?Foto-Quelle: Ashley Whitworth - Fotolia

Opfer?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Marie hielt es einfach nicht mehr aus. Sie fühlte sich innerlich immer spröder werdend. Manchmal spürte sie überdeutlich die Grenzen ihrer Kraft.
Hans war krank, schon seit vier Jahren, und er würde nie wieder gesund werden. In diesen vier Jahren war sie immer bei ihm – wie in den dreißig Jahren zuvor auch –, kümmerte sich, gab Halt. Sie tat es aus Liebe, und sie tat es ganz selbstverständlich.
Hans hatte sich verändert durch die Krankheit, war hart geworden. Eigentlich war da nichts, was er forderte – aber es war auch nichts mehr, was er gab. Zunehmend spürte sie den Zorn, der ihn erfüllte. Sein Lachen, das sie so gebraucht hätte, war Erinnerung.
Nein, leid tat er ihr nicht. Obwohl sie ihn manchmal bedauerte. Sie sah ja, wie er kämpfte. Und es war dazu ein zweifacher Kampf: Der gegen die Krankheit und die Schmerzen und der andere um sich selbst. Das anerkannte und erkannte sie. Sie hoffte nur, dass dieser Zorn in ihm ob der Ungerechtigkeit sich nicht in Hass wandeln würde. Dann würde sie gehen.
Lange Zeit hatte sie versucht, ihm auch von seinem Zorn zu nehmen. Irgendwann verstand sie aber, dass er sich in diesem zweifachen Kampf nur erschöpfen könnte und redete mit ihm darüber. Doch er verstand sie nicht, und dieses Gespräch schien seinen Zorn sogar zu schüren. Das pflanzte ein neues Gefühl in sie: Angst.
Und auch die wieder zweifach: Angst, ihm zu nahe zu kommen, und Angst um sich selbst. Sie hatte Angst davor, irgendwann zu zerbrechen. Da wollte sie nicht hin, aber sie sah auch keinen Ausweg. Manchmal, ganz entfernt, spürte auch sie schon Zorn, Hilf- und Mutlosigkeit. Zunehmend fühlte sie sich hin- und hergeworfen von diesen Gefühlen und sie nahmen stetig von der Kraft, die sie für Hans und für sich brauchte. Es war kein Fallen, doch immer deutlicher ging es abwärts. Und dabei fühle sie sich zunehmend eingesperrt.
Es gelang ihr einfach nicht mehr, auszuruhen. Kein Buch, kein Spaziergang, kein Gespräch. Sie fühlte sich nur noch taub, wenn sie einen Moment Ruhe fand.
Um auszubrechen aus diesem Teufelskreis hatte sie vor drei Tagen einen Urlaub gebucht. Ganz spontan war das geschehen. Sie ging am Schaufenster eines Reisebüros vorbei, in dem ein Plakat von Borkum hing. Es sprang sie geradezu an, und plötzlich wusste sie, wohin sie wollte. Es war ein total neues Gefühl, als sie nach der Buchung wieder auf der Straße stand und für einen Moment überlegte.
Es war drückend. Obwohl sie sich „gefunden“ hatte, denn allein schon durch die Idee Borkum fühlte sie sich gerettet. Nein, sie war nicht froh darüber, und da war auch keine Freude, aber sowas wie Dankbarkeit schien sie zu stärken. Es war gut!
In den nächsten Tagen hatte Marie damit zu tun, eine Hilfe zu finden, die sich in der Zeit um Hans kümmerte. Ihr war klar, dass ein schweres Gespräch mit ihm noch bevorstand, aber sie wusste, was sie wollte. Das war ein gutes Gefühl. Und als sie alles erledigt hatte, sprach sie ihn morgens beim Frühstück an. Sie wusste, wie er reagirene würde, doch sie hatte keine Angst mehr davor. In ihr war eine ruhige Kraft und viel Zuversicht.
Marie sprach davon, wie’s ihr ging und was sie fühlte. Sie wollte, dass er verstand. Und dann erzählte sie ihm von Borkum.
Hans schwieg zunächst. Dann platzte es aus ihm heraus. Wieder richtete er seinen ganzen Zorn auf sie, doch diesmal machte es ihr nichts aus. Sie blieb stumm und sah ihn dabei an. Und sie wartete, bis er sich leergelaufen hatte. Es war nur eine einzige Frage, die sie ihm dann stellte. Ruhig und zugewandt
„Kannst du mir die Zeit nicht schenken?“
Und sie stand sie auf und ging nach nebenan.

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49 Kommentare

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Sehr emotional und erinnert mich an einen Fall in unserer Familie..
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Sehr schöne Geschichte..Jede Mensch hat Recht auf bisschen Freiheit..
Nur wir Frauen,fühlen sich oft verpflichtet ," wie in guten so auch in schlechten Zeiten"..
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Danke lieber Robert....in deiner Geschichte finde ich mich zum Teil wieder und kenne diese Gefühle....mehr kann ich dazu nicht sagen .... ich verstehe.......
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danke Robert für diese berührende `Novelle` ja, Krankheit und Schmerzen verändern (er wird hart, ungeduldig, depressiv und einsam ) einen Menschen - der Partner wird unfrei und verlieret seinen inneren Frieden .....
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Robert, ein wundervoller Beitrag und ich würde mir wünschen, dass Du vom SB eine Verlinkung zu diesem Artikel einstellst, weil das Leben vieler Menschen so verläuft. Sie hören nicht auf ihre Seelenwünsche und erfüllen nur die der anderen.

Irgendwann schlägt dieses Verhalten zurück und der Mensch wird selbst krank, vor lauter Fürsorge um den anderen. Das Schlimme daran ist, wenn dieses "Opfer" für eine Selbstverständlichkeit gehalten wird, ohne, dass Dankbarkeit signalisiert wird.

Es ist genau das Thema, [k]was sagt mir mein Verstand und was möchte meine Seele leben?[/k]

Marie, hat unbewusst erkannt, was ihre Seele will und hat ihr den Wunsch erfüllt.
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Super Robert, die Geschichte hat mich zu Tränen gerührt.
Ja, du wirst sie verstehen
Es ist ja nicht jeder Ehemann ein Terrorist
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Beinahe hätte ich eine großartige Geschichte verpasst.
Danke Robert
Es gibt noch mehr, die du großartig empfinden könntest
Danke, Margarethe.
Ich will sie alle
Hast du an ein Buch gedacht?
Übrigens das Foto passt zu deiner Qualität
Für ein Buch schreibe ich eigentlich zu wenig - nur ab und an mal. Aber im Moment habe ich tatsächlich eines begonnen.
Ja, das mach. Du bist ein begabter Schrifsteller, soweit ich das beurteilen kann. Ich würde dich lesen
Wenn du Lust hast schau dir doch das Video aus der mediathek von 3Sat an (schw.Brett- heute) Da wird deutlich wie wichtig Bücher sind
ich sage immer: Man braucht nur jeden Tag eine Seite schreiben, sind im Jahr 365 Seiten
Ups ein Buch
Theoretisch ja. Praktisch beschäftigen mich solche Gedanken aber oft tage-, wochen- oder monatelang, bevor sie "raus" wollen.
In diesem Fall ging's allerdings schneller.
Das verstehe ich gut. Für mich sind es immer Geburten und die brauchen ja erstmal ihre Zeit im Bauch der Mutter.
Ja, so ungefähr. "Opfer" allerdings hab' ich für jemand anders geschrieben. Da musste ich nur ein Bild beschreiben, das ich spürte.
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Eine sehr berührende Geschichte die zeigt wie lange man braucht um zu erkennen daß man nicht immer nur geben kann , sondern auch für sich das Recht hat eine Auszeit zu nehmen um nicht zu zerbrechen . Und vielleicht erkennt der andere ja dann endlich was für eine Perle
er/sie an seiner Seite steht . Krankheit und keine Heilung mehr in Sicht , kann verbittert und ungerecht machen , aber sie gibt noch lange nicht das Recht andere zu Überfordern und schlecht zu behandeln .
Ich denke, Schmerzen können hart machen. Da ist es wohl besonders schwer, jemanden zu einer Einsicht zu bringen, dessen Leben von Schmerzen diktiert wird ...
Das ist bestimmt wahr , aber der seelische Schmerz den das Gegenüber erleidet ist auch nicht zu unterschätzen .
Und eine Auszeit ist dann manchmal dringend von Nöten .
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Robert, direkt in die Seele geschrieben. Leider läuft "das Leben" oft so. Man gibt sich selbst für eine gewisse Zeit auf, weil es erforderlich ist. Aber wer dann noch einen Funken Lebensmut hat, gibt sich nicht für immer auf.
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Dieses ganze habe ich vor Jahren auch erlebt. Mein Opa der Vater von meiner Mutter. Die auch noch 3 weitere Geschwister hat. Meine Eltern hatten einen Urlaub gebucht. Keiner von den Geschwistern kümmerte sich um ihren Vater. Dann haben mein Bruder und ich uns um meinem Opa gekümmert und ihn bereut. Aber ich bin stolz das wir beide dies getan haben. Denn mein Opa und auch meine Oma waren immer für uns da.
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