Aus klein mach groß und Timo staunt
Aus klein mach groß und Timo stauntFoto-Quelle: Ingrid Schinschek

Die Story mit dem Zwanzigmarkschein[

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Story mit dem
Zwanzigmarkschein

Es war im Jahre 1980, im Spätsommer

An einem sehr schönen Sonntagmittag, mein Mann hatte den Grill hergestellt und alles fürs Grillen vorbereitet, Folienkartoffeln und Grillgemüse, Getränke inbegriffen. Für eine vorübergehende Zeit wohnte mein großer Sohn bei uns im Haus, im Souterrain. Wir waren also zu dritt und freuten uns am Sonnenschein, auf leckeres Grillgut und wollten den Tag richtig genießen.
Mein Sohn stellte fest, dass seine Zigaretten alle waren. Keine Zigaretten mehr, und das am Sonntag?! Geht nicht! Geht garnicht!
Mein Mann hatte auch nichts mehr anzubieten als einen kläglichen Rest in seiner Packung.
Ich wurde auserkoren was Rauchbares zu besorgen. Wir rätselten, wo ein Automat sein könnte, welche Kneipe geöffnet haben könnte und kamen zu dem glorreichen Schluss, die Kneipe in Untereschbach anzufahren, um dortselbst Zigaretten zu erstehen. Mein Mann gab mir einen Zwanzigmarkschein mit dem Begleitsatz, man müsse ihn wechseln, in der Kneipe. Dabei strich er eine umgeknickte Eckes des Scheines glatt. Ich ergänzte, man könne ja ein Bierchen trinken und dann sei der Schein gewechselt.
„Gut“, sagte mein Mann,
„dann fahrt man eben runter, die Kartoffeln sind noch nicht gut.“
Wir, mein 22 jähriger Sohn und ich, setzten uns in Bewegung. Es war nicht weit, nur den Berg hinunter und dann ein paar Meter die Straße entlang.
„Hier, Reimund, guck mal da steht gutbürgerliche Küche, die haben geöffnet, sonst stände das Schild nicht dort draußen.“
Es ist genügend Platz zum Parken, so halte ich an.
Reimund sieht mich zustimmend an. Ich gebe ihm den Zwanzigmarkschein und streiche abermals diese geknickte Ecke runter, sage dabei zu ihm:
„Wenn der nicht wechseln will, trink einfach ein Bierchen.“
Der Eingang befindet sich ein paar Stufen hoch, hinter einem kleinen freien Vorplatz. Reimund geht hinein, ich warte.
Plötzlich steht er in der Kneipentür, oben auf der Treppe. Er winkt mir heftig zu. Ich verstehe das als Aufforderung hereinzukommen, sehe ihn rufen, sehe ihn eher als dass ich in höre:
„Mama, Komm doch mal her!“
Ich schüttele den Kopf, denn weder bin ich angezogen einen Kneipenbesuch zu machen, noch bin ich nicht frisiert. Schließlich hatten wir einen gemütlichen Sonntag mit Gammelkleidung, ich mit blonder, zotteliger Pferdeschwanzfrisur geplant. So wollte ich nirgends hingehen.
Reimund stand noch immer in der Tür und war heftig am Winken, er sah irgendwie sehr ärgerlich und auch böse und aufgeregt aus, nun ja, dann musste ich wohl hingehen. Ich stieg aus dem Wagen aus und beeilte mich zu meinem Sohn zu kommen. Oben auf der Treppe angekommen hörte ich Reimund sagen: Mama, was hast Du mir für Geld gegeben?“ dabei gingen wir hinein, die Tür schloss sich hinter uns. „Einen Zwanzigmarkschein“ sagte ich.
Ein großes Gelächter brach aus. „ Ja, ja, und dann noch Mama, wer ´s glaubt, das kann ja jeder sagen.“ Sie johlten sich zu und übertrafen sich mit ihrem Geläster, was mich als Mutter betraf, gegenseitig. Eine fast leere Kneipe. An der linken Seite am Tresen ein junges Pärchen, etwas weiter am rechten Ende des Tresens vier Männer beim Frühschoppen vor ihren Biergläsern. Der Wirt selber hinter dem Tresen.
Auf dem Tresen der Rest Kleingeld vom Wechseln des angeblichen Zehners.
Der Wirt, etwas dicklich wie auch die Frühschoppen-stammgäste, in Hemdsärmeln und leicht gelockert wegen des genossenen Alkohols, meldete sich zu Wort:
„Hier habe ich keine Zwanzigmarkscheine, es war nur ein Zehner!“
Mein Sohn und ich beteuerten nochmals einen Zwanziger gegeben zu haben, Gelächter und „sowas haben schon andere versucht, klappt aber bei uns nicht“, kam als Antwort.
Der Wirt forderte mich zum wievielten Male auch auf, herum zu kommen und selber in die Kasse zu schauen, auf die er schon des Öfteren gezeigt hatte.
Nun denn, nach soviel Aufforderung, und der Gewissheit einen Zwanziger gegeben zu haben ging ich auch um die Konsorte Frühschoppen herum um meinen Blick hineinzuwerfen, in die angepriesene Kasse.
Großzügig öffnete der Wirt die Schublade um mich einen Blick hineinwerfen zu lassen. Oh ja, das tat ich, das tat ich augenblicklich ganz genau und haarscharf und was sehe ich? Da schaut unter lauter Zehnern eine kleine Ecke hervor, die mir doch sehr bekannt vorkam. Ein Handgriff und ich hatte den Schein in meiner Hand, ein grüner Zwanzigmarkschein. Ich hielt ihn hoch in die Luft und sagte: „Hier ist er ja!“
Das war ein Aufruhr! Plötzlich hatte ich ein paar Männerhände um mein Handgelenk, die sich den Schein zurückerobern wollten. Nun denn, ich hatte ja noch eine zweite Hand und die benutzte ich um den Schein aus der einen Hand zu retten und umgehend in meinen Mund zu verfrachten; weg war er! Nun wollten sich die Männer auf mich stürzen, ich wusste bis dahin nicht, wie Geldgeil Menschen sein können. Ich habe doch nur mein Eigentum zurückerobert, das gefiel ihnen garnicht. Das alles besagte auch, dass sie gemeinsam von dem Betrug an meinem Sohn gewusst haben, mitgemacht haben um mit dem Wirt noch ein Bierchen mehr zu saufen.
Einer dieser Kanaillien rief:
„Nicht die Frau, den Mann, den Mann!“
Nun stürzten sich alle auf meinen Sohn. Der Geldschein war ja nicht mehr zu erreichen, dafür musste man sich rächen. Es kam ein fürchterliche Geschlage und Gerammel auf. Mein Sohn mittendrin. Ich befürchtete eine schlimme Auseinadersetzung, denn das waren fünf gegen einen und keiner genierte sich. Sie waren unter sich und fühlten sich noch im Recht und stark. Ich eilte um den Tresen herum, ich konnte meinen Sohn nicht diesen dreisten Schlägern überlassen. Da musste ich eingreifen, egal wie. Der Schein befand sich noch immer in meinem Mund und verursachte einen üblen Geschmack. Meine Gedanken kreisten um diesen Schein, wer mochte ihn mit welchen Futfingern angefasst haben, eklig, aber egal, er war gerettet. Da musste ich jetzt durch.
Die Schlägerei war voll im Gange als mein Sohn plötzlich sagte: „Moment mal, haltet mal an, mein Kreuz ist weg!“
Es ist wirklich zum Lachen, man mag es nicht für möglich halten aber im selbigen Moment hielten alle an, meinen Sohn zu attackieren, worauf er sein silbernes Jesuskreuz von der Erde wieder aufheben konnte, die Sache sofort aber weiter ging.
Jetzt stand ich bei diesem Gedränge, es waren erst nur vier der Schläger, die meinen Sohn bearbeiteten, der sich heftig wehrte. Auch hatte ich während des momentanen Anhaltens der Attacken Blut gesichtet. Der fünfte Schläger kam auch dazu. Der kam von rechts hinten und wollte sich mit der geballten Faust gerade auf die soeben freie Stelle in Nierengegend meines Sohnes stürzen. Ich sah nur das kurzärmelige hellblaue Hemd, die aufgekrempelten Ärmel und die Faust in der Bewegung zum Angriff. Da hob ich meine linke flache Hand in Höhe des Gesichtes - es war eine reine Abwehrbewegung - in die er einfach nur hineinlief. Dieser kräftige Mann sackte abrupt in sich zusammen und befand sich sofort am Boden. Ich war erstaunt und erfreut, SUPER! Sowas geht?! Toll!
Dann plötzlich sah ich über die Köpfe der Schlägerbande die Tür sich öffnen, leider konnte ich nichts weiter erkennen. Mein Sohn erzählte mir später, dass er einen dieser Schläger gerade gepackt hatte und ihn mit aller Wucht durch die geschlossene Tür schicken wollte, als diese sich öffnete und Gäste, ein junges Pärchen, hereinkommen wollten. So flog der Angreifer meines Sohnes durch die gerade geöffnete Tür an diesem Pärchen vorbei und landete bäuchlings unterhalb der Treppe auf dem Gehsteig. Bewegungslos.
Irgendwie war plötzlich Stillstand. Erstaunen und Wut, auch Hilflosigkeit machten sich breit. Die Bagage war nun zu Beobachtern geworden. Der Notarztwagen traf ein, der Verletzte wurde aufgesammelt und notärztlich versorgt.
Auch die Polizei war nun da. Die Wirtin putzte die Blutlache an der Eingangstür weg, die war nicht von meinem Sohn. Wir wurden nach draußen gewünscht. Wir gingen und trafen uns am Polizeiauto vor der Tür. Ich hörte wie sich die Polizisten mit dem Wirt duzten, war klar, die kannten sich gut. Uns nicht, wir hatten mit unserem Haus und Garten zu tun, außerdem hatten wir mit Alkohol nichts im Sinn und so waren wir dort in den Kneipenörtlichkeiten nicht bekannt.
Den Zwanzigmarkschein hatte ich noch immer im Mund, da war er sicher; der Geschmack war ekelig, aber ich hielt durch!
Die Polizisten nahmen den Bestand auf, fragten mich nach dem gestohlenen Geld, was nicht stimmte. Wir merkten gleich die Vorbelastung der Amtspersonen, die konnten sicherlich auch mal ein Freibier dort bekommen.
Irgendwann hatte sich alles beruhigt. Wir hatten noch immer keine Zigaretten, das Wechselgeld lag noch immer auf dem Tresen. Ich hatte den Schein im Mund und gab ihn nicht her. Wer wollte dagegen etwas unternehmen und wie!
Als sich dieser Tumult aufgelöst hatte, sind wir heimwärts gefahren. Mein Sohn hatte noch Tabak und wir mussten uns in Geduld üben. Mein Mann ist später, nach dem Essen losgefahren, woanders Zigaretten zu besorgen.
Am nächsten Tag, es war Wochenanfang, bin ich mit meiner Nachbarin runter in den Ort gefahren, frische Lebensmittel einkaufen.
Beim Bäcker frisches Brot holen. Gerade war die Frau Bäckerin in ein spannendes Gespräch mit einer Kundin verwickelt, da konnten wir nicht stören, aber wir hörten zu.
Spannung auf der ganzen Linie, denn die Bäckerin entgegnete der Kundin gerade mit den Worten:
„Na, stellen Sie sich vor, gestern ist hier ein Überfall gewesen. Nebenan der Wirt ist überfallen und ausgeraubt worden, die haben die ganze Kasse geplündert!“
„Was Sie nicht sagen, ein Überfall! Das wird ja immer schlimmer, nun schon bei Tag, ganz öffentlich in einer Kneipe!“
„Ja, und stellen Sie sich vor, das war so ein komisches Pärchen, sahen irgendwie schon so aus. Ein junger Mann mit einer blonden Frau, der sagte Mutter zu ihr. Alle haben sich amüsiert und über die Beiden gelacht! Das konnte nur so eine Geliebte sein, waren wohl auf der Durchreise und brauchten Geld; - was alles so passiert!“
Meine Nachbarin und ich wechselten einen schnellen, amüsierten Blick, denn sie kannte die Story schon von mir und wusste, was wirklich passiert war. Das war wie die „Stille Post“ wenn so ein Gespräch durch viele Ohren geht, kommt zuletzt was ganz anderes heraus.
Wir hörten geduldig zu, denn auch die Kundin war voller Spannung und hatte sich weit zu der Bäckerin über den Tresen gelehnt, um auch alles mitzubekommen.
„Ja, das war ein ganz brutaler Überfall und die ganze Kasse haben die ausgeraubt. Die Polizei ist da gewesen und ein schwerverletzter musste ins Krankenhaus gebracht werden, ja, ja, das ist gestern, passiert, war ganz schlimm!“
Die Kundin packte ihre gekauften Backwaren in ihre Tasche und währenddessen hielt die Bäckerin im Gespräch inne und kassierte das Geld für die Ware.
Nun fühlte ich mich bewogen, Klärung in diese unheimliche Geschichte zu bringen. Trat einen Schritt näher zum Tresen und sprach die Verkäuferin an:
„Wissen Sie wer das gestern gewesen ist? Ich meine das mit dem Überfall?!
Das waren wir, mein Sohn und ich!“
„Nicht möglich, Sie? Und Ihr Sohn? Wie denn, der hat doch gesagt, das waren Durchreisende, Verbrecher und die Polizei hat alles aufgenommen, keiner kannte die!“
„Nein, wir sind keine Kneipengänger, mein Sohn und ich wollten nur Geld für Zigaretten wechseln. Ich war nicht mal richtig angezogen, nur Gartenkleidung und die Haare einfach so zusammengesteckt zum Pferdeschwanz, weil wir beim Grillen waren.“
Als sie die ganze Geschichte gehört hatte, war sie plötzlich sehr gesprächig und berichtete ihrerseits über ähnliche Begebenheiten, wenn bei Veranstaltungen der Wirt mehr Striche auf dem Bierdeckel hinterließ, als bestellt war.
Zu einem späteren Zeitpunkt bekamen wir eine Vorladung bei der Polizei. Wir wurden befragt und der Fall wurde nochmals durchdiskutiert. Zu unserem Erstaunen wurde diese ganze Geschichte anders dargestellt als tatsächlich geschehen. Wir haben kein Recht bekommen aber eine Verwarnung.
Was soll man machen, wenn man seinen Frieden haben will, man macht Kompromisse. Diese Leute würden wir ohnehin nie wieder sehen, wir sind keine Kneipengänger.
Ingrid Schinschek

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