Eine Geschichte vom Wegschauen
Eine Geschichte vom WegschauenFoto-Quelle: Lore Ley

Eine Geschichte vom Wegschauen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Klappern ihrer Absätze hallte durch die nächtliche Stille.
Sechs Kilometer durch die Stadt. In hochhackigen Tanzschuhen, auf holprig gepflasterten Bürgersteigen, die stellenweise von schmutzigen Eiskrusten überzogen waren.
Schon nach dem ersten Kilometer brannten ihre Füße wie Feuer. Doch Wut schluckt Schmerz und sie war sehr wütend. Dabei hatte der Abend begonnen, wie ein Abend eben beginnen sollte, wenn man verliebt ist. Himmel, Hintern und zugenäht ... konnte sie denn nicht ein einziges Mal auf einen ganz normalen Mann treffen? Sein hinreißend schelmisches Lächeln vor Augen, wäre sie um ein Haar in Tränen ausgebrochen. "Reiß dich zusammen, das ist der Idiot nicht wert." Die Peinlichkeit der gerade erlebten Situation ließ sie mehr frösteln als die klirrende Kälte.

Uwe hatte Beziehungsprinzipien und diese lebte er fast verbissen. 'Hand in Hand' und 'Halbe Halbe' lauteten seine Parolen. Was ihn bisher zum Sechser im Lotto machte, degradierte ihn heute zum Dämlack des Jahres. Als allein erziehende Mutter zweier Kinder war Geldmangel an der Tagesordnung. Sie sprach mit niemandem darüber, wurschtelte sich durch, so gut es eben ging und keiner merkte etwas. Sie hätte ablehnen müssen, als Uwe vorschlug, in diese teure Nachtbar zu gehen, tat es aber nicht. Vier Tage bis zum nächsten Lohn und noch 50 Mark im Geldbeutel. Liebe gegen Vernunft. Letztere blieb auf der Strecke.

Uwe war stolzer Besitzer eines Wartburgs, freute sich jedoch auf die leckeren Cocktails und so entschieden sie sich für die Straßenbahn. 'Halbe Halbe' wurde natürlich auch in der Bar praktiziert und nach ihrem dritten Part hatte sie noch fünf Mark in der Tasche. Das garantierte für einige Tage Brot und Butter, ein Glas Marmelade war auch noch da. Irgendwann hatte sie auf die Uhr geschaut und festgestellt, dass sie sich sputen mussten, die letzte Straßenbahn zu erwischen. Lachend rannten sie zur Haltestelle und sahen ... die Rücklichter der Bahn. "Und nun?", fragte sie. "Laufen wir nach Hause?" "Das fehlte noch, wir nehmen ein Taxi." Sie atmete auf. Um diese Uhrzeit in Leipzig ein Taxi? Wunschdenken! Offensichtlich jedoch nicht für Uwe, denn genau in diesem Moment bog eins um die Ecke und hielt auf sein Winken hin. Er zwinkerte ihr zu. "Halbe Halbe?" Ihr bemüht neckisches "Du könntest ja mal Gentleman spielen und mich einladen" wurde prompt abgelehnt. "Halbe Halbe, oder du läufst, mein Schatz." Sie blickte auf ihre billigen Tanzschuhe und dachte an das Brot für die Kinder. Dann drehte sie sich abrupt um und stakste los. Uwes verblüfften Blick konnte sie nur ahnen. Kurz darauf hielt das Taxi neben ihr. "Na los, steig ein, lasse ich mich eben ausnutzen!" Das war's dann endgültig. Lieber würde sie nach Timbuktu laufen. Sie würdigte ihn keines Blickes und er forderte sie kein zweites Mal auf.

Ein Geräusch riss sie aus ihren, vor Selbstmitleid triefenden, Gedanken. Es waren Schritte. Schnelle Schritte. Sie schaute sich um und sah einen Mann, welcher zwar noch weit hinter ihr war, jedoch zusehends den Abstand verringerte. Die Straße war hell erleuchtet, sehr breit und in der Mitte die Bahngleise plus Haltestellen. Die endlos scheinenden Reihen der alten, großen Mietshäuser auf beiden Seiten, wurden nur hier und da von Nebenstraßen unterbrochen. Selten sah sie ein erleuchtetes Fenster, aber das Wissen um die vielen Menschen dahinter war tröstlich. Angst hatte sie bisher keine, dennoch empfand sie es als angenehm, nicht mehr so alleine zu sein. Gleich würde er sie überholen und dann wollte sie, trotz der schmerzenden Füße, an ihm dran bleiben. Enttäuscht registrierte sie, dass das Geräusch leiser wurde. Er war wohl abgebogen. Sie drehte sich um ... und zuckte zusammen. Ihre Blicke trafen sich. Er war groß, kräftig, nicht gerade gut aussehend und ... er lächelte. Seine Schritte klangen gedämpfter, weil er nun langsamer ging. Er hatte sich ihrem Tempo angepasst. Sie lief weiter, überlegte, ob sie rennen sollte, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Weder ihre Schuhe, noch die vereisten Pflastersteine waren dafür geeignet. Sie befahl sich, nicht hysterisch zu werden. Vielleicht taten dem Typ hinter ihr ja auch nur die Füße weh, oder er war vom schnellen Laufen außer Atem. Oder er wollte auch nicht alleine sein. Blödsinn! Keines dieser "oder" beruhigte sie. Ein paar Meter weiter vorne sah sie ein erleuchtetes Schaufenster. Sie würde stehen bleiben und dann MUSSTE er sie überholen. Wenn er erst vor ihr sein würde, müsste sie keine Angst mehr haben.


Als das Fenster erreicht war, tat sie, als würde sie die Auslagen begutachten. Es war ein Juweliergeschäft, also würde er ihren Plan nicht durchschauen. Plötzlich stieg Panik in ihr hoch. Es dauerte ein paar Sekunden ehe sie begriff, was der Grund dafür war. Keine Schritte mehr. Ringsum Totenstille. Sie zwang sich den Kopf zur Seite zu drehen und hätte am liebsten geschrien. Etwa zwanzig Meter von ihr entfernt kauerte er auf dem Bürgersteig und nestelte an seinen Schnürsenkeln herum. Diesmal blickte er sie nicht an und das war gut. Die Angst stand ihr zu deutlich im Gesicht und würde ihn vielleicht noch mehr anspornen. Sie drehte sich um und hastete weiter, das eigene Keuchen im Ohr und nun auch wieder seine Schritte. 'Er wird es nicht wagen', dachte sie, ' nicht inmitten der Häuser, ihm muss doch klar sein, dass ich schreien werde.'
Es war nur ein kleiner Trost, doch er verhinderte, dass die zunehmende Panik sie lähmte. Sie rutschte aus, konnte den Sturz gerade noch abfangen. Die vereisten Stellen wechselten sich nun mit verharschten Schneeresten ab, machten eine Flucht in Pumps endgültig zunichte. 'Ich muss die Schuhe ausziehen, dann habe ich vielleicht eine Chance'. Gerade wollte sie den ersten Schuh vom Fuß schleudern, da kam die Rettung. Einige Meter vor ihr bog ein Mann aus einer Seitenstraße, 'Gott sei Dank', in die richtige Richtung ab. Sie hätte vor Erleichterung heulen können und hoffte inständig, dass er nicht gleich in einem der Hauseingänge verschwinden würde. Der Mann vor ihr war mittelgroß, schlank, hatte auffallend dichtes, dunkles Haar und ... er hinkte. Sein rechtes Bein war steif. Wenn er es einen Schritt nach vorne brachte, tat er es mit einer ausholenden Bewegung. Sie hatte gerade die Seitenstraße überquert, aus welcher ihr Schutzengel gekommen war, und wieder genug Mut, sich nach ihrem Verfolger umzusehen. Er stand am Eck, lächelte wieder dieses Lächeln, hob ein wenig die Hände und ... bog ab. Hatte sie sich DOCH getäuscht? Dieses Lächeln und diese Geste hatten so etwas wie Bedauern ausgedrückt. Nicht das Bedauern eines Täters, dem sein Opfer entwischt war, eher das Bedauern eines schüchternen Menschen, der seine Chance verpasst hat. Sie war verwirrt, aber dennoch erleichtert.


Langsam gewann sie ihre Fassung zurück. Ihre Füße brannten wie die Hölle. Jeder Schritt schmerzte bis ins Gehirn. Der Mann mit dem kaputten Bein war langsamer geworden. Sie konnte sehen, dass ihn das Gehen anstrengte. Drei Armlängen trennten sie von ihm und sie hatte nicht die Absicht, diesen Abstand zu vergrößern. Er schien jung zu sein und irritiert. Ab und an ein versuchter Schulterblick, ohne jedoch ganz zu ihr zu sehen. Unwillkürlich musste sie grinsen. War sie nun die Verfolgerin? Begann er sich vielleicht gerade zu fragen, weshalb ihm eine Fremde so dicht an den Fersen hing?
Beinahe hätte sie laut gekichert.

Unversehens änderte ihr Vordermann die Richtung und ging schräg über die Straße. 'Aha, die vorletzte Haltestelle.' An der nächsten hätte sie aussteigen müssen, wenn die letzte Bahn ihr nicht vor der Nase weg gefahren wäre. Auf gleicher Höhe mit ihm, sah sie hinüber und lächelte. Er sah gut aus, verdammt gut sogar. Sie schätzte ihn auf Mitte Zwanzig.'Vielleicht hat er noch einen weiten Weg und keine Lust mehr zu laufen'. Sie warf einen letzten Blick zurück und richtig ... er studierte den Fahrplan. Jetzt war es an ihr, zu bedauern. Der Bursche hatte zurück gelächelt, faszinierend wie das Lächeln von Uwe. Die Erinnerung an ihn erstickte schlagartig jede Flirtlust im Keim.

Rechts von ihr wichen die Häuser zurück und machten einer kleinen Parkanlage Platz. Im Sommer war es dort sehr hübsch, aber jetzt wirkte sie trostlos, mit den kahlen Bäumen und grauen, ungeschnittenen Hecken. Auf der anderen Straßenseite kamen noch zwei Häuserblocks, dann ein kleiner Supermarkt und danach ihre "Endstation". An dieser Haltestelle musste sie rechts abbiegen und dreihundert Meter weiter würde sie endlich diese Höllenschuhe los werden. Seit etwa einer halben Stunde schneite es. Sie hatte es nur am Rande wahrgenommen. Nun fielen die wattigen Flocken so groß und dicht, dass ein glitzernder Teppich das Klickklack ihrer Absätze schluckte und die Stille unwirklich schien. Sie blieb einen Augenblick stehen, hob den Kopf und genoss das Schmelzen der Schneeflocken auf ihren Wangen. Gelächter durchbrach die Stille. Brachte sie in die Wirklichkeit und damit die Schmerzen zurück.

Da vorne, ums Eck, war eine Bushaltestelle. Wieder hörte sie ein Lachen, jemand rief etwas, das sie nicht verstehen konnte. Ihre Angst war vollkommen verflogen. Sie würde die Zähne zusammenbeißen und das letzte Stück Weg zügig zurück legen.
Doch weiter als den ersten Schritt kam sie nicht.


Aus dem Nichts schoss etwas an ihrem Kopf vorbei und legte sich blitzschnell um ihren Hals. Wie eine Schraubzwinge drückte ihr das Etwas die Kehle zu. Mit einem Röcheln riss sie die Hände hoch und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Es gelang ihr, den Kopf ein wenig zur Seite zu drehen, doch die Luft reichte nicht für einen Schrei. Im selben Augenblick spürte sie einen harten Gegenstand in ihrem Rücken und eine heisere Stimme krächzte: "Ein einziger Ton und ich steche dich ab."
Sie erstarrte. Der Druck in ihrem Rücken nahm zu und sie glaubte zu spüren, wie sich kalter Stahl durch ihren Mantel und in ihr Fleisch bohrte. 'Nein! Nicht jetzt, nicht hier, nicht so kurz vor dem sicheren Heim ... '
In ihrem Gehirn wirbelte alles durcheinander. Dann riss sie ein kräftiger Ruck von den Füßen und der Angreifer begann, sie in Richtung Park zu schleifen. Todesangst aktivierte ihren Lebenswillen, sie begriff, was er vorhatte und handelte instinktiv. Wie ein nasser Sack ließ sie sich fallen, brachte ihn damit zum Straucheln. Der Arm gab ihren Hals frei und sie schrie. Schrie, so laut sie konnte. Da vorne waren Menschen. Sie wusste, dass ihre Schreie weit zu hören waren, hörte seine Drohung, sie gleich hier abzustechen ... und schrie weiter. Sie wusste auch, sie würde sterben, wenn sie nicht verhinderte, dass er sie in die Büsche zerrte. Dann blieb ihr wieder die Luft weg, er hatte sie mit beiden Händen am Mantelkragen gepackt und schleifte sie über den Gehweg. Wie ein Tier krallte sie sich in die Eiskruste, rutschte weg, krallte sich in die Ritzen der Pflastersteine, spürte nicht, wie zwei ihrer Nägel aus dem Fleisch rissen und der Rest blutend zersplitterte. Er schien zu rasen vor Wut. Sie hörte das Krachen ihres Kiefers, als er sie mit einem Tritt zum Schweigen brachte und wunderte sich, dass der Schmerz so weit weg war. Die Wucht schleuderte ihren Kopf zur Seite und sie fragte sich erstaunt, ob die Zeit für sie den Atem anhielt ... sie konnte jedes noch so kleine Detail sehen ... in Zeitlupe. Im Haus gegenüber sah sie eine Frau am offenen Fenster stehen, der Raum dahinter lichtlos. Im Schein der Straßenlaterne erkannte sie eine Hand, die den Mund am Schreien hinderte. 'Nimm die Hand weg!', wollte sie rufen, 'nimm die Hand endlich weg und schrei, sonst sterbe ich!'
Der zertrümmerte Kiefer verhinderte, dass sie es selbst tat. Die Kinder vor Augen, versuchte sie es dennoch und was sich durch die zerfetzten Lippen rang, war das Heulen eines gepeinigten Tieres. Diesmal sah sie den Schuh auf sich zukommen. Ein brauner, abgewetzter Schuh mit dicker Profilsohle. Er schien zu schweben, schwebte mitten in ihr Gesicht und ihr Nasenbein zerbarst in einem weißen Blitz. Der zweite Tritt riss nicht nur ihren Kopf hoch, auch der Oberkörper machte eine halbe Drehung ... nun schwebte auch sie und sie sah. An der Ecke des Parks, da wo vorhin das Lachen war ... standen Menschen. Halb verdeckt von kahlen Bäumen. Sie sah, wie sich das Licht der Straßenlaternen in weit aufgerissenen Augen spiegelte, sah, wie einer zu ihr wollte und sah Arme, die ihn davon abhielten. Ihr Kopf schwebte zurück und sie sah andere Dinge, die sie erstaunten. Eine Fratze, eingerahmt von dichtem, dunklem Haar beugte sich zu ihr herunter, Lippen, die vor kurzem noch so wundervoll gelächelt hatten, waren von Hass und Wut verzerrt. Dann sah sie Füße in braunen Schuhen davon laufen, kräftig und federnd, sah auf der anderen Seite Licht im Zimmer der Frau angehen und Menschen ängstlich hinter Hecken hervorkommen. Und sie sah Schnee ... roten Schnee, und sie erinnerte sich, dass sie den Kindern Marmeladenbrote machen musste. Durch einen blutigen Schleier nahm sie die Menschen um sich herum wahr. Sie würde sie gleich nachher fragen, warum sie so spät gekommen sind ... warum erst jetzt, wo ihr doch gar nichts mehr weh tat. Sie wollte nur noch ein wenig ausruhen, in diesem wunderschönen roten Schnee ...

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