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Aufgeben kann man später - viel später - vielleicht.. Teil 2

Peter Leopold
Beitrag von Peter Leopold

Überraschung

Aber es hatte sich etwas verändert und nichts sollte so sein, wie ich es einmal kannte. Ich schrieb es den Aufregungen der vergangenen Monate zu und ich fand es zunächst einmal gut. Obwohl ich kräftig genug war und mein leichtes Übergewicht mich auch nicht gestört hatte, fand ich doch, dass in diesem Alter 70 Kg zu viel sein könnten. Also hat es mich auch nicht weiter gestört, als ich plötzlich innerhalb von 2 Wochen fast 15 kg abgenommen hatte.Ich hatte mich auch nicht schlecht gefühlt. Aber dann bei einer Routineuntersuchung kamen plötzlich 2 Sanitäter ins Wartezimmer, deuteten auf mich und fragten nur kurz den Arzt „Ist er das ?“ Immerhin war der Arzt freundlich genug, mir zu erklären, dass ich mit einem Zuckerwert von knapp 650 mg/% sofort in die Klinik müsste. Symptome hatte ich jedenfalls keine.

Im Mittelpunkt

Zucker kannte ich bis dahin nur von meinen täglichen Marmorkuchenorgien und den inneren Haselnusseisbädern. Was sich dann in der Klinik abgespielt hatte, fand ich richtig toll. Ich stand im Mittelpunkt.Ärzte und Krankenschwestern waren ständig um mich und taten so, als wäre ich ein medizinisches Wunder. Und Jeder hat mir versichert, dass „es“ nicht meine Schuld wäre. Aber was war „es“ ? Jemand, der grundsätzlich an Allem schuld war – inklusive AIDS und Erdbeben – genießt es erst einmal, NICHT an etwas schuld zu sein. Aber neugierig war ich doch. Also kam plötzlich ein dreistes Duo ins Zimmer, bestehend aus Krankenschwester und Ärztin, um mir zu erklären, dass ich von nun an Diabetiker wäre und ein Medikament bekommen würde, dass man nicht im Kakao auflösen könnte. Ich sollte von Anfang an lernen, selbst zu spritzen und die eher hilflos wirkende Krankenschwester versuchte mir umständlich zu erklären, wie man denn so eine Spritze handhaben würde. Erwachsene können das Leben auch kompliziert erklären. Also habe ich ihr das Ding aus der Hand genommen und die Spritze verwendet – so als wenn ich nie etwas Anderes gemacht hätte.“Na und ?“ dachte ich. Das ist alles ?

Aber das war es nicht. Der Hammer kam erst ein paar Stunden später, als ich mein tägliches Eis haben wollte.Kein Eis ? Das war Folter und irgendeine Beschwerdestelle musste es ja geben. Der internationale Gerichtshof für Menschenrechte vielleicht oder eine andere Anti-Folter-Gesellschaft... Aber da hatte ich wohl keine Chance. Kein Marmorkuchen, kein Eis, keine Cola. Ich war am Ende.Ich sollte besser nur noch gesundes Zeug essen. Dinge, die ich nur aus dem Lexikon kannte. Gemüse, Obst und normales Brot! Und das alles sollte ich auch noch berechnen. Irgendwann haben sie es aufgegeben, mir alles verbieten zu wolle, denn einen Sinn habe ich damals darin nicht gesehen.
Man lernt sehr schnell, sich an eine neue Situation anzupassen. Es hat auch seine Vorteile, wenn man Vorteile und Sonderbehandlungen genießt, die man normalerweise nicht hätte. Ich hatte meine Essenszeiten peinlich genau eingehalten – egal, ob nun Unterricht war oder nicht. Und ganz ehrlich – es hat Spaß gemacht.

Geänderte Situation

Auch bei meiner Granny hatte sich so Einiges verändert. Ein Schlaganfall und beginnende Alzheimer änderte auch meinen Alltag. Es ist schwierig, sich mit jemandem zu verständigen, der handelt, wie es ein Kind normalerweise nicht versteht. Ich habe immer versucht, Situationen zu vermeiden, in denen ihr Gesundheitszustand bekannt werden könnte. Immerhin hatte sie für mich die Verantwortung – jedenfalls offiziell.Die Realität sah anders aus. Es mag ja lustig klingen, wenn jemand nicht mitbekommt, dass er statt Geld ein Küchenmesser zum Einkaufen mitnimmt oder versucht, Nudeln ohne Wasser zu kochen. Aber was soll man machen, wenn Keiner wissen soll, wie der Alltag aussieht und vor solch einer Situation steht ?Und es durfte niemand wissen. Und Schule gab es schließlich auch noch irgendwo zwischendurch. Die Alternativen wären für mich nicht akzeptabel gewesen. Heim oder zurück zu dieser „Mutter“ waren die Möglichkeiten, die mir dann letztendlich von den Behörden angeboten wurden. Anders ausgedrückt: Pest oder Cholera. Für diese Entscheidung wurden mir 2 Wochen Zeit gegeben. Wie „großzügig“.

Die Entscheidung

Heim war für mich immer ein Synonym für Knast. Also habe ich mich dafür entschieden, zu diesem Weib zurückzugehen. Diesmal wusste ich ja, was mich erwartete und ich war vorbereitet. Alles was bis dahin bei ihr passiert ist, war völlig unbedeutend für die Behörden. So, als wäre niemals etwas passiert. Jedenfalls hatte ich so wenigstens noch die Möglichkeit, „in Freiheit“zu handeln und wenn ich Glück hätte, wäre es ja nur ein zeitlich begrenzter Aufenthalt. Davon abgesehen, rechnete ich fest damit, dass das Jugendamt zumindest ein Auge darauf werfen würde.
Mir war lange nicht bewusst, welche „Rolle“ ich einnehmen würde. Unverständlicherweise blieben meine Geschwister bei ihr und so sah die „Alte“ wieder die Familie vereint. Für ihr „Heile Welt Spiel“ ideal. Inzwischen war sie umgezogen und im Wohnzimmer prangte ein großflächiges „Diplom“ für Kindererziehung, das sie bei einer Umfrage einer Zeitschrift gewonnen hatte.

Mir war klar, dass diese Frau mich inzwischen hasste. Was ich ihr wohl alles angetan hatte... Aber ich hatte etwas in der Hand. Ich hätte kein Problem damit gehabt, ihre „Nebentätigkeit“ jederzeit dem Sozialamt zu melden und Geld war der einzige Punkt, in dem man sie treffen konnte. Es war wie ein stillschweigendes Abkommen, das solange dauern sollte, bis die Schulzeit vorbei war.

Eine Ausbildung zu finden war damals auch nicht gerade leicht. Besonders wenn man in diesem Alter darauf achten muss, dass man gleichzeitig versorgt ist. Was war also naheliegender, als erst einmal eine Ausbildung als Koch zu beginnen ? Am Besten mit integrierter Unterkunft. Also kurbelte ich meine Kontakte an, die ich in Österreich in der Klinik geknüpft hatte und eine Krankenschwester, die einen Gastronomen näher kannte, vermittelte mir eine Stelle in Innsbruck in einem der besten Häuser. Also nutzte ich die Ferien, um mich persönlich vorzustellen um dann im September die Ausbildung zu beginnen. Für´s Erste war ich zufrieden. Ich hatte Ausbildung, Geld, Unterkunft und Gratis-Essen. Jetzt musste nur noch das Jugendamt zustimmen. Ich denke, die waren froh, dass sie mich als „Fall“ los waren, denn diese Zustimmung hatte ich innerhalb von wenigen Tagen. Bis in alle Ewigkeit als Koch arbeiten wollte ich nicht, aber für die nächsten paar Jahre sollte alles erst einmal laufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem...
© Peter Leopold
Fortsetzung folgt...

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