Der schönste Sommer 1960
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Der schönste Sommer 1960

Beitrag von wize.life-Nutzer

Mit lautem Tuten bog der rote Triebwagen um die letzte Kurve, bevor er den Wald verliess. Lilli hielt es kaum mehr auf ihrem Sitz. Die Pflege- mutter hatte sie, wie jedes Jahr, in Regensburg in den Zug gesetzt, in dem sie jetzt, alleine, nur unter Aufsicht des Zugbegleiters, ihrem Ferienziel, einem kleinen Ort in Oberbayern entgegenfuhr.

Nun stand sie am Fenster, ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trippelnd und hielt Ausschau nach dem kleinen Bahnhof, den sie jetzt auch schon erkennen konnte, ebenso wie die kleine Gruppe, die dort stand und auf die Ankunft des Zuges zu warten schien. Mit lautem Quietschen hielt der Zug wenige Augenblicke später und Lilli wurde vom Zugbegleiter die hohen Stufen heruntergehoben und samt ihres Koffers abgesetzt.

Lilli schaute sich um. Ja, alle waren sie wieder gekommen, um sie abzuholen! Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie, mit dem Köfferchen in der Hand, ihren Lieben entgegenlief. Wenige Augenblicke später hob sie ihr geliebter Onkel Fritz in die Höhe und schwenkte sie einmal rundum. "Grüß Gott, mein Mädel! Schön, dass du wieder hier bist!" Mit diesen Worten begrüßte sie Onkel Fritz, dessen schlohweißes Haar in der Sonne leuchtete. Er hatte, wie immer, kurze, sandfarbene Hosen und ein blütenweißes Hemd an. Als er sie an sich drückte, roch sie den Zigarrenduft, den sie so vermisst hatte und welcher ein unweigerliches Merkmal "ihres Onkel Fritz" darstellte. Nun nahm sie Tante Tilla in die Arme, Onkel`s Frau und gab ihr ein Busserl auf die Wange. Tante Tilla war stark kurzsichtig und blinzelte stetig hinter ihrer Brille mit den Augen. Nach jedem Satz, den sie sagte, räusperte sie sich, so, als sei sie ständig heisser. Nun drängte sich Tante Anna vor, um ihr Mädel in die Arme zu schließen. Feste drückte sie die Kleine an ihren voluminösen Busen und Lilli tauchte ein in eine Wolke Eau de Cologne, Tante Anna`s Markenzeichen. Zum Schluß noch wurde sie von Tante Paula geherzt und geküsst, die sich, ebenso wie alle anderen zu freuen schien, dass sie wieder hier war. Tante Paula hatte ihre dunklen, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare, wie immer, streng nach hinten gebunden und zu einem Dutt frisiert. Streng sah sie trotzdem nicht aus, denn ihr Gesicht glich dem eines friedlichen Dackels, faltenzerfurcht mit gütigen Augen.

Nachdem das alljährliche Begrüßungszeremoniell beendet war, setzte sich die kleine Gesellschaft in Bewegung. Onkel Fritz hatte das dunkelrote Fahrrad mitgebracht, auf dem Lilli`s Koffer befestigt wurde. Er schob es neben sich her, während Lilli gutgelaunt an seiner Seite trippelte. Der Rest, die Tanten, gingen im Entenmarsch hinter ihnen her. Sie liefen an den Schienen entlang, bevor sie den Bahnübergang, neben dem das Bahnwärterhäuschen stand überquerten. Lilli schaut hinauf und winkte. Herr Berz, der Bahnwärter, hatte sie erkannt und tippte grüßend an seine Mütze. Schön war es, wieder hier zu sein! Sie gingen nun am Waldrand entlang, wobei Lilli`s Mund nicht still stand und sie pausenlos erzählte, begleitet vom Lachen und Schmunzeln der Tanten und des Onkels. Kurze Zeit später waren sie am Haus des Onkels und der Tante angekommen. Onkel Fritz öffnete die quietschende, hölzerne Gartentür und sie liefen durch den schönen, großen Garten bis zum Haus.

Drinnen, in der Stube, stand auf dem Tisch bereits der leckere, selbstgebackene Johannisbeerkuchen, daneben eine Schale Schlagsahne. Tante Tilla wußte ja, Lilli liebte ihren Kuchen und konnte nie genug davon bekommen. Während die Tanten und Onkel Fritz von Tante Tilla mit Kaffee versorgt wurden, bekam Lilli ihre heiße Schokolade. Mit der kleinen Hand wischte sie sich eine vorwitzige, blonde Strähne aus dem Gesicht, während sie sich zufrieden in die Kissen des Sofas kuschelte. Ja, jetzt konnten ihre Ferien beginnen! Sechs Wochen war sie nun wieder in "ihrem Paradies"! Und Lilli`s Augen strahlten vor Glück.

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