Mein schönster Sommertag
Mein schönster SommertagFoto-Quelle: Inga S.-R.

Mein schönster Sommertag

Beitrag von wize.life-Nutzer

Mein schönster Sommertag


Der Wanderung mit einer Gruppe Bergunerfahrener sah ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Wäre da nicht der Wanderführer gewesen...
Vor zwei Wochen hatte ich ihn kennen gelernt, bei einer Wanderung. Seitdem ging er mir nicht mehr aus dem Kopf.
Nur seinetwegen hatte ich mich dazu entschlossen, gemeinsam mit „Flachlandtirolern“ diese Bergtour zu unternehmen, ich wollte ihn sehen, ihm nahe sein. Die letzte Wanderung, bevor mein Urlaub vorbei war.

Doch, ich wandere sehr gerne und da ich im Gebirge aufgewachsen bin, sollte der bevorstehende Weg eigentlich keine große Herausforderung für mich sein. Sicher, der Weg zur Königsalm ist lang, steil und steinig, doch das stellt kein Problem für mich dar. Normalerweise.

An diesem Sommertag strahlte die Sonne, dass es eine Freude war und der Wetterbericht meldete auch weiterhin nur gute Prognosen. Traumhaft, Postkartenwetter, wie gemacht für eine Bergwanderung. Der wolkenlose Himmel hatte dieses Blau, das in mir stets die Sehnsucht nach ewigem Sommer weckt. Der steinige Weg schlängelte sich zwischen Lärchen, Fichten, Kiefern, Bergahorn und Felsbrocken bergan. Dazwischen immer wieder grüne Wiesenflecken, übersät mit zarten Blüten in vielen Farben und Formen und Grün in allen Nuancen, wohin ich auch sah. Hier und da wuchs tiefblauer Enzian neben Silberdisteln. Das herbe Aroma von Latschen und Kräutern und süßer Blumenduft vermischten sich zu dem typisch würzigen Duft der Berge. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge tanzten summend von Blüte zu Blüte, eifrig den wertvollen Nektar sammelnd. Ein bisschen beneidete ich sie, weil sie fliegen konnten und ein scheinbar sorgloses Leben führten.
Spielerisch, die Thermik nützend, schraubte sich ein Habichtspaar ohne einen einzigen Flügelschlag in immer weiter ausholenden Spiralen hoch in den azurblauen Himmel. Ich blickte ihnen nach, bis ich sie nicht mehr erkennen konnte.

Das hätte ich nicht tun sollen, denn ich stolperte dabei über einen Geröllbrocken, der mitten auf dem Weg lag. Ich hätte es wissen müssen, im Gebirge schaut man da hin, wohin man tritt! Mein Knöchel tat höllisch weh, er war offensichtlich verknackst. Wie peinlich! Ausgerechnet mir passierte dieses Malheur, das man eher von Menschen erwarten würde, die nicht trittsicher sind und keine Bergerfahrung haben. Bloß nichts anmerken lassen! Die Zähne zusammenbeißend, schritt ich trotz der stechenden Schmerzen forsch weiter, bis ich wieder am Anfang der Gruppe war. Das fehlte noch, dass ich mich blamierte!

Die Leute in der Gruppe waren alle sehr nett und glücklich darüber, an dieser Wanderung teilzunehmen. Sie fragten mich allerhand, nach den Bäumen, Sträuchern, Beeren und Blumen, die sie sahen. Gerne erzählte ich ihnen, welches Kraut welche Heilwirkung hat, wie man Arnikatinktur selber herstellt, wofür oder wogegen sie gut ist und dass Vogelbeeren, entgegen landläufiger Gerüchte, nicht giftig sind.

Der Wanderführer, Peter, lief hinten am Ende der Gruppe bei den Langsamsten. Ich glaubte seine Blicke zu spüren, die sich in meinen Rücken zu bohren schienen und ich bebte. Dieser Mann brachte mich seit knapp zwei Wochen fast um den Verstand. Um den Schlaf sowieso. Sehr groß, gut trainiert, schlank, muskulös und braun gebrannt, war er eine Erscheinung, die keine Frau kalt ließ. Er hatte ausgezeichnete Manieren, war klug und sehr zurückhaltend. Und diese Augen! Große, braune Augen, die meine Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte tief in mir zu lesen schienen. Sein gut geschnittenes Gesicht war sympathisch, das energische Kinn gab seinem Aussehen etwas aristokratisches. Seine schönen Hände waren mir sofort aufgefallen: Feingliedrig und gepflegt wie seine ganze Erscheinung. Etwas, das mir sehr wichtig ist.
Meine Gedanken schweiften schon wieder ab. Ich stellte mir vor wie diese Hände...
Als ein Mitwanderer zum zweiten mal seine Frage an mich richtete, merkte ich erst, dass ich schon wieder träumte. Verflixt, beinahe wäre ich wieder gestolpert. In meine Gedanken hinein fühlte ich plötzlich Peters Nähe.
Ein kurzer Blick zur Seite bestätigte mir mein Gefühl. Freundlich mit jedem mal plaudernd, hatte er sich allmählich ganz unauffällig nach vorne gearbeitet. Nun ging er neben mir. Eine handbreit von mir entfernt! Ich spürte die Wärme seines Körpers und bemerkte, wie gut er roch. Nicht aufdringlich nach irgendwelchen Duftwässern, nein, dezent und zum anbeißen gut. Meine Knie gaben beinahe nach und ich hatte Mühe, meinen schnell gewordenen Atem zu kontrollieren. Doch er hatte es bemerkt. „Ist es ihnen zu anstrengend“? Fragte er mich. „Sie haben sich verletzt, soll ich mir ihren Fuß ansehen“? Oh Gott, nein!!! Doch er bestand darauf. An einer flachen Stelle des munteren Gebirgsbaches, der neben unserem Pfad seinen Weg ins Tal nahm, musste ich mich auf einen Fels setzen und er zog mir die Schuhe aus. Natürlich sah er sofort meinen geschwollenen Knöchel, betastete ihn vorsichtig und hieß mich, in das kalte Wasser zu gehen. Es war wirklich eiskalt, es tat direkt weh. Doch es tat trotzdem gut.

Die Alm war schon nah und in Sichtweite, der Weg inzwischen nicht mehr steil und so schickte Peter die Gruppe voraus. Er hatte alle Wanderer im Blick.

Die schnellen, kalten Wellen des Baches umspülten wohltuend meinen geschundenen Knöchel. Da stand ich nun blöd in den Fluten und hätte mich ohrfeigen können. Peter sah mich aufmerksam an. Ungefähr so, wie man ein Gemälde betrachtet. Mit keiner Miene verriet er, was er dachte, ob ihm gefiel, was er sah.
Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. Nach einer Weile humpelte ich barfuß über die groben Steine zurück zu dem Felsen, neben dem meine Bergschuhe standen und setzte mich wieder. Peter hatte ein kleines Handtuch aus seinem Rucksack geholt und wollte mir die Füße abtrocknen. Das lehnte ich kategorisch ab, das konnte ich selber! Vorsichtig nahm er meinen Fuß wieder in die Hand und strich sacht eine Salbe, die er auch aus seinem Rucksack gezaubert hatte, über die schmerzende Stelle.
Anschließend legte er geschickt einen elastischen Verband darüber, damit der Knöchel wieder etwas Halt bekam. Inzwischen waren auch die letzten aus der Gruppe an uns vorbei gekommen, nicht ohne mitleidige oder fröhliche Bemerkungen in unsere Richtung zu rufen.

Als alle weg waren, stand ich auf und wollte wieder los. Mir war alles nur peinlich, ich befürchtete, dass mir jeder ansehen konnte, wie sehr ich mich in Peter verliebt hatte. Das wollte ich nicht! Als ich mich anschickte, mich wieder auf den Weg zu machten, stellte er sich plötzlich vor mich. Ganz lieb sah er mit seinen großen, braunen Augen auf mich herunter und legte seine Hände auf meine Schultern. Ich dachte, ich träume. Er sagte mir, er habe sich in mich verliebt und fragte, ob er mich anrufen dürfe. Keinen Ton brachte ich heraus, ich war sogar unfähig, mich zu bewegen. Als die Schreckstarre endlich vorbei war und ich zumindest schon wieder nicken konnte, küsste er mich. Ganz sanft und zart. So, als hätte er Sorge, etwas kaputt zu machen. Nun war da doch plötzlich und unerwartet eine Wolke aufgetaucht: Wolke sieben, und ich schwebte selig darauf!
Nach einer Weile kamen wir dann endlich bei den anderen auf der Alm an. Alle applaudierten, denn sie saßen draußen auf den Holzbänken vor der Hütte und hatten natürlich alles beobachtet.

Das war einer der schönsten Sommertage in meinem Leben. Es war der Auftakt zu einer wunderschönen, viele Jahre dauernden Beziehung. Die Jahre mit Peter waren die schönsten meines Lebens. Hätte das Schicksal nicht andere Pläne mit uns gehabt, wären wir sicher noch heute zusammen. Doch wenigstens die Erinnerung an diese Jahre und an diesen unseren ersten Sommertag ist unsterblich.

© Inga S.-R.