Als Oda weinte
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Als Oda weinte

Beitrag von wize.life-Nutzer

Oda...wie lange hatte ich sie nicht gesehen? Fünf Jahre vielleicht? Kennen gelernt hatten wir uns über einen gemeinsamen Bekannten, der vor Jahren ein Restaurant besaß, in dem wir beide stundenweise arbeiteten, Oda in der Küche und ich im Service. Wir verstanden uns sofort, obwohl Oda vierzehn Jahre älter war als ich und auch Odas Mann, der sie immer abholte, war sympatisch und sehr herzlich. Wir waren ein tolles Team, das gemeinsam stressige Abende und oftmals lange Nächte überstand. Unsere gemeinsame Arbeit machte uns Freude und sorgte ebenso dafür, dass wir uns noch ein paar Groschen nebenbei verdienten.

Nun, nach so langer Zeit, trafen wir uns wieder, in der Eingangshalle eines Krankenhauses. Sie stand oben, zwölf Stufen von mir entfernt, während ich gerade am unteren Ende angelangt war, um die Klinik zu verlassen. Sie rief mich und sagte etwas, aber ich verstand sie nicht. Irgend etwas war anders, ich spürte es sofort. Ihr Gang war schleppend und sehr langsam, als sie die Stufen zu mir herunter kam. Dann stand sie vor mir! Grau war sie geworden, ihren rechten Arm hielt sie komisch und an ihren Körper gepresst. Als ich ihre kalte Rechte in meine warme Hand nahm wußte ich, sie mußte einen Schlaganfall erlitten haben. Das Sprechen fiel ihr sehr schwer und ich konnte sie auf Anhieb nicht gleich verstehen, immer wieder musste sie sich mühsam wiederholen. Ich merkte, wie sie nach Worten rang und sie die Silben nur mühsam aneinander zu reihen versuchte. Leise und sehr stockend erzählte sie mir, dass sie vor drei Wochen, mitten auf dem Marktplatz, umgefallen sei. Die Ärzte im Krankenhaus diagnostizierten dann einen Schlaganfall. Danach, auf der Reha, der zweite Apoplex!

Sie so vor mir zu sehen, brach mir fast das Herz. Ich ließ ihre Rechte nicht los und sprach ihr Mut zu, so gut es ging. Sie erzählte mir, dass heute der Neurologe bei ihr war und sagte, dass sie eine sehr, sehr kranke Frau sei. Diese Aussage hatte sie nicht verkraftet. Sie begann herzzerreissend zu weinen und ich nahm sie einfach in den Arm und streichelte ihr den Rücken. Immer wieder beschwor ich sie, nicht aufzugeben. Ich erklärte ihr aber auch, dass es noch ein langer Weg sein würde, bis sie wieder besser sprechen könne. Nur schwer konnte ich sie etwas beruhigen und sie tat mir unendlich leid, wie sie leise wimmernd an meiner Schulter hing. Langsam hakte ich mich bei ihr unter und begleitete sie noch bis zu ihrer Zimmertüre. Davor angekommen, rang ich ihr das Versprechen ab, nie, aber auch niemals aufzugeben. Bevor sie ins Zimmer ging, nahm ich sie noch einmal in die Arme und streichelte ihre Wange. "Alles wird gut, Oda", flüsterte ich ihr zu, "du musst nur fest daran glauben."

Als ich die wenigen Stufen hinunter ging, dem Ausgang zu, war auch mein Herz schwer. Ich wünschte mir, dass sie es schaffen möge und ihren Lebensmut nicht verliert und nahm mir vor, sie bald zuhause zu besuchen, um sie immer wieder darin zu bestärken, den Glauben an sich nicht aufzugeben.


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