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Links oben die zwei Fenster meiner damaligen Wohnung
Links oben die zwei Fenster meiner damaligen WohnungFoto-Quelle: Gisela Pieler

Entscheidende Augenblicke

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 03.10.2014 - 17:35 Uhr

Samstag ist es, der Herbst bläst die braunen Blätter von den Bäumen. Mitten in der Stadt, an dem größten Platz und genau gegenüber einer Kirche, deren Rosettenfenster dem von Notre Dame nachgestaltet wurde und an deren Orgel Johann Sebastian Bach spielte, dort habe ich mit meinem Mann 1971 unsere erste Wohnung in einem Geschäftshaus im 2. Stock zugewiesen bekommen. Wie jeden Samstag ist Saubermachen angesagt. Das Linoleum, dass die breiten Ritzen der Dielen in den ehemaligen Schneiderstuben des Modehauses verdeckt, wird feucht gewischt und mal wieder mit einem Glanzwachs versehen, das gut trocknen muss. Also Fenster auf und los gehts. Ein reges Treiben herrscht auf dem Platz zu dieser Zeit.

Fast war ich fertig, den Glanz aufzutragen, als Bremsen quietschen, Schreie, ein Aufklatschen hörbar sind. Ich glaube, das über sieben Meter lange Wohnzimmer schaffe ich mit 3 Sprüngen bis an das Fenster. Ein Kind liegt völlig verdreht auf der Straße, einige Meter weiter steht ein Trabant quer. Drei Sprünge zurück, rufe ich meinem Mann zu, er soll den Krankenwagen und die Polizei rufen. Schon war ich auf der Straße, nachdem ich mich durch die Menschenmassen gequetscht hatte.

Der Junge, vielleicht 8 Jahre alt, lag unnatürlich verkrümmt da, ganz allein und Hunderte standen gaffend drum herum. Kein Blut war zu sehen, aber seine Augen starrten mich bittend an, kein Laut kam aus seinem Mund, aber er war bei Bewusstsein. Stabile Seitenlage schoss mir durch den Kopf und wurde sofort verworfen. Was war passiert? Angefahren? Ich wollte es von den Umstehenden wissen, gleichzeitig sah ich, dass der Fahrer des Trabbis immer noch in seinem Auto saß. Warum tat niemand etwas? Autos, die auf dieser Hauptstraße standen, fingen an zu hupen. Alles voller Menschen. Niemand reagierte. Plötzlich drängt sich ein etwa 12jähriger Junge durch die Umstehenden. "Ich bin junger Sanitäter, kann ich helfen?" Den schickte der Himmel. "Sprich mit ihm!", forderte ich ihn auf. "Bin gleich zurück!"

Schon war ich bei dem Fahrer des Autos. "Haben Sie eine Decke? Was ist passiert?" Er erwachte aus seiner Starrheit. Als er aus dem Kofferraum eine Decke holte, fragte ich Umstehende, wer es gesehen hätte und erfuhr endlich, dass der Junge als letzter einer Gruppe über die Straße gerannt ist, nachdem er seinen Schnürsenkel zugebunden hatte und direkt vor das Auto gelaufen, erfasst und durch die Luft geschleudert wurde. Die Gruppe hatte es nicht mal bemerkt. Ich packte einen jungen Mann und forderte ihn auf, hinter der Gruppe herzulaufen und sie zurück zu holen. Er setzte sich in Trab, ich hatte endlich meine Decke, konnte nun den kleinen Jungen zudecken, denn es war kalt. Er sprach kein Wort, stand wohl unter Schock und ich bewegte ihn lieber nicht.

"Der Krankenwagen kommt hier niemals durch", schoss es mir durch den Kopf. Schon packte ich zwei Männer und es klang wie ein Befehl: "Macht die Straße frei! Menschen weg, damit die Autos weiterkönnen, sonst hat das DRK keine Chance!" Die es gehört hatten, setzten sich nur langsam rückwärts drängend in Bewegung. Ich schrie es in die Menge. Wieder zwei hatte ich am Zipfel: "Regelt den Verkehr, damit die Zufahrt frei wird!" Von Ferne hörte ich schon das Martinshorn. Tatsächlich reagierten die direkt Angesprochenen. Ich sah in der weichenden Menschenmasse die ersten Autos stehen. "Fahrt langsam los und macht Platz!", rief ich den Ersten zu, die zumeist neben den Autos standen, um zu sehen, warum es nicht weiter ging. Das Martinshorn kam näher, konnte hier keinesfalls drehen, um ins Krankenhaus zu fahren, wenn die 2. Spur mit Autos voll war. Endlich setzten sie sich in Bewegung. Der junge Sanitäter hockte bei dem Verletzten. "Rede mit ihm, immer weiter, er soll bei Bewusstsein bleiben!", und ich streichelte den kleinen Jungen sanft über das etwas vom Straßenbelag verkratzte Gesicht.

Endlich, das Rote Kreuz war da und als Sanitäter, welch ein Glück, ein Bekannter. "Was ist passiert?", wollte er wissen. Kurz klärte ich ihn auf und vermutete Becken- und Beinbrüche, eventuell auch Wirbelsäulenverletzungen. Schon kümmerten der Arzt und die Sanitäter sich um ihn und ich sah eine Gruppe Kinder und Jugendlicher mit einem Erwachsenen auf mich zukommen. Er war Erzieher im nahen Kinderheim und sie wollten zusammen ins Kino, brachte er hervor. "Egal, Sie fahren mit ins Krankenhaus, um die Gruppe kümmere ich mich" und schon schob ich ihn in Richtung Krankenwagen, der gleich darauf versuchte, zu wenden und loszufahren. Der Trabbifahrer stand wie angewurzelt immer noch neben seiner Rennpappe.

Die Jugendlichen sahen mich fragend an und ich bestimmte den Größten zum Aufpasser. Sie sollten am Kirchenportal gesammmelt warten, bis ich mir wenigstens ein paar Schuhe angezogen hatte, denn in Hausschuhen? Das fiel mir eben erst auf. Plötzlich standen zwei Polizisten neben uns. Sie hatten keine Chance, aus der Gegenrichtung mit dem Auto bis zur Unfallstelle zu gelangen, denn hier versperrte ja das Unfallauto alles und auf der Gegenfahrbahn rollte langsam und stockend all das, was sich auf der Hauptstraße in der Zwischenzeit aufgestaut hatte. Die zwei Männer winkten noch immer dem Verkehr zu und ließen die Passanten nur schubweise über die Straße.

Schnell konnte ich den Polizisten erklären, was wem passiert war und dass ich mich um die Gruppe kümmern müsse. Sie entließen mich und ich nahm erst einmal den Jungen Sanitäter zur Seite, sprach ihm ein Riesenlob aus und dankte ihm für seinen Einsatz. Er war der Einzige, der unter hunderten von Menschen reagiert hatte und Hilfe anbot. Tage danach schickte ich ein Schreiben an seine Schule, in dem ich darum bat, ihn öffentlich zu belobigen. Das sollte für später ein Anreiz sein, zu handeln, wenn Hilfe notwendig war. Ich dachte an die Zeit zurück, als ich als Zehnjährige einem kleinen Jungen nach einem Unfall beide Beine abgebunden hatte und ihm so das Leben retten konnte.

So, jetzt schnell Schuhwechsel und los zur Gruppe, um sie in das Kinderheim zu bringen und dort zu informieren. Alle hatten wohl doch ein schlechtes Gewissen, denn niemandem war aufgefallen, dass einer aus der Gruppe fehlte, weil er einfach nicht mit über die Straße gegangen und dann plötzlich losgerannt war. Der Erzieher hatte zwar noch mitbekommen, dass etwas passiert sein musste, aber das Fehlen nicht bemerkt. Ihn würde eine saftige Disziplinarmaßnahme erwarten, sagte ich den Kindern, das tat ihnen leid, denn sie mochten ihn. Doch niemand muckste auf, weil sie nun nicht mehr ins Kino gehen konnten.

Später erfuhr ich, dass der Kleine wegen innerer Blutungen und mehrfachen Brüchen sofort auf dem OP-Tisch landete, aber nach vielen Wochen wieder gut hergestellt war.

Warum habe ich diese Geschichte aufgeschrieben? Weil mir bei diesem Eingreifen bewusst wurde, dass Helfer direkt andere ansprechen müssen, um sie in Bewegung zu setzen. Oft ist es Angst, etwas Falsches zu tun oder einfach Verstecken in der Masse, die Menschen abhält, helfend einzugreifen. Seitdem habe ich immer nach dieser Erfahrung gehandelt und es funktioniert. Das wollte ich gern weitergeben.

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75 Kommentare

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Gut, dass du gerade da warst. Es ist wichtig, dass einer in einer Paniksituation das Handeln übernimmt. Aber so kennt man dich. Hut ab.
Danke, liebe Gitte, ist doch selbstverständlich gewesen.
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Danke, Arno und dir einen schönen Tag.
Dir auch Liebe Gisela
Vielen Dank, Arno
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Immer Mut haben, etwas zu tun, als nur zu gaffen
SDas ist ein guter Aufruf von dir. Danke, lieber Helgo und ein schönes Wochenende wünsche ich dir.
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Gut gehandelt Gisela, die meisten kommen auf die dumme Idee den Verunfallten auzuheben, zu bewegen was schlimme Folgen haben kann bei so einem Unfall. Einmal habe ich auch einen ähnlichen Unfall gesehen und die Ambulanz angerufen. Es ist leider nicht selbstverständlich dass alle so beherzt handeln. LG Anette
Dabei kann jeder von uns in eine ähnliche Situation kommen und sein Leben kann vom schnellen Handeln abhängig sein, aber darüber denken wohl die wenigsten nach. Liebe Grüße zu dir, Anette und danke, dass du hier warst.
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Guten Tag liebe Gisela , habe eben deine Geschichte entdeckt und mit großem Interesse gelesen . Du hast ganz wunderbar und überlegt gehandelt , obwohl dazu kaum Zeit war . Es stimmt meist stehen bei solchen Unglücken nur jede Menge Gaffer herum und versperren noch den Rettungsmannschaften die Zufahrt . Richtig zu reagieren und andere mit ins Boot holen erfordert Durchsetzungsvermögen und auch ein gewisses Maß an Ruhe , um den Überblick nicht zu verlieren . Aber nur so kann man effektiv handeln und wirklich helfen . Du hast uns mit deiner Geschichte gezeigt , wie man es gut und richtig machen kann .
Ich hoffe sollte ich mal in so eine Lage kommen , daß ich genauso souverän handeln kann oder wenigstens annähernd .
Danke , daß du uns an dieser Erfahrung teilhaben läßt .
LG Uschi
Ich finde es schön, liebe Uschi, dass du dir die Zeit genommen hast, sie zu lesen. Hab Dank dafür. Viel mehr Menschen könnten durch ein rechtzeitiges Eingreifen vor Schlimmerem bewahrt bleiben. Ich bin sicher, du würdest da genauso handeln und dich keinesfalls in die Reihe der Gaffer einreihen.
Ich danke dir liebe Gisela . Gaffen würde ich bestimmt nicht , dafür verurteile ich so ein Verhalten zu sehr . Aber ich hoffe daß ich bei einen Unglück helfen könnte so gut ich es vermag und nicht vor Schreck erstarren würde .
Ich wünsche dir noch einen schönen Nachmittag und Abend . Liebe Grüße . Uschi
Manche sind wirklich starr vor Schreck, aber gibt man ihnen persönlich einen Auftrag, funktionieren sie. Es bedarf nur eines Anstoßes, das habe ich festgestellt und nicht nur einmal. Wenn kein anderer da ist, muss man sie einbeziehen, um Hilfe zu haben. Es war für mich eine gute Erfahrung, die ich oft genutzt hab.
Sei auch du mir herzlich gegrüßt, liebe Uschi und mach das Beste aus dem restlichen Tag
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mir rutschen die geschichten immer durch.gisi,das die ohnmacht,vorm schiksal.die wenigsten können reagieren.und aufsichtspflicht,geht manchen ab.
Das macht doch nix, Babsi. Schön, dass du hier warst. Warum ist das nur so?
gisi,ich will auf keine füße treten,aber es liegt an den lehrern des lebens,den alten.die grundsätzlichen,wichtigen dinge,werden nicht weiter gegeben. die faszination des lernens ist kaputt und wird nicht gefördert und es wird nicht das beste,aus jedem rausgeholt und gefördert. schule ist eben doof und schürt gleichgültigkeit.
Babsi, was bin ich froh, dass du und ich doch jeden Tag noch in den Spiegel schauen können und uns nicht selbst anspucken müssen. Es gehört oft die innere Einstellung des Lehrenden dazu. Wenn die Berufung zum Beruf wird, dann passt es.
richtig,aber das entscheidet keiner,alsob,sie sich der auswirkungen nicht bewußt sind. nicht nur auswendig lernen,verstehn und neugier aus wissen wecken.wo findeste sowas noch?
kaum noch, Babsi, das ist das, was ich an dem jetzigen Bildungs - un -wesen so bemängele.
jeder schüler, ist nur so gut,wie der lehrer ist,da kannste mal sehn,was jetzt für pfeifen unterwegs sind.
Sicher gibt es sie noch, die, die auch mal noch andere Wege gehen, aber die Bremser sind in der Mehrzahl.
dummes volk,regiert sich besser .in der bildung,siehste wo der staat steht.
Das sag ich immer wieder. Ist Sache des Systems! Aber die Quittung bekommen wir leider alle zu spüren.
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Hallo Gisela, ich hatte deine sehr schöne und gefühlvolle Geschichte schon gestern Abend gelesen, doch im entscheidenden Augenblick, klingelte noch das Telefon, nur Sohnemann darf so spät anrufen, daher kommt meine Antwort erst heute. Du bist eine richtige Lehrerin, mit Erfahrung und der nötigen Entschlusskraft im richtigen Moment schnell zu handeln. ich musste auch ein paar" Unfälle" im Kindergarten managen, weil immer nur die jeweilige Gruppenerzieherin die Verantwortung übernehmen sollte. Das war mir dann doch zu lange und schnelles Handeln war wichtig.gut gemacht, Gisela
Hab Dank Kunigunde für deine lieben Zeilen. Vielleicht liegt es ja auch im Blut. Damals war ich erst 2 Jahre im Beruf. Aber das gehörte mit zu einer tollen Erfahrung, die in meinem weiteren Leben sehr hilfreich war. Liebe Grüße an dich.
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Sehr bewegend und ein wunderbares Beispiele dafür, wie wichtig es ist, in so einer Situation, Umstehende aus ihrer "Starre" zu holen.


Ganz toll, was du da vollbracht hast und was durch deine Initiative durch andere eingebracht wurde.
Respekt!
Ja, liebe Claudia, darum ging es mir, anderen diese Erfahrung für den Notfall zu vermitteln, denn allein ist man oft machtlos und möchte alles auf einmal erledigen, doch muss man Prioritäten setzen. Es läuft alles wie ein Film ab und man handelt einfach.........oder nicht. Doch das persönliche Ansprechen funktioniert, warum auch immer.
Mir wurde das mal in einem erste Hilfe Kurs beigebracht, wie wichtig es sei in solchen Situationen einfach klare Anweisungen zu geben. So, wie du es auch sagst, brauchen die teilweise hilflosen Menschen das in diesem Moment und sind dankbar, wenn sie ganz klar gesagt bekommen, was sie jetzt tun sollen.
Das war ein guter Hinweis, Claudia, der sich in der Praxis bestätigt hat. Anders ist es in ländlichen Gebieten, wo man einander oft kennt, da hilft man eher, auch das habe ich erfahren.
Das denke ich mir,
Hier bei uns in der Nachbarschaft sieht es ähnlich aus.
Auch hier um den Laden rum.

Eben da, wo man sich irgendwie kennt
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Ich danke dir für deinen Besuch und wünsche dir ein schönes Wochenende.
du hast einen ganz tollen Beitrag geschrieben
anschaulich und spannend geschrieben, abgesehen davon ist es auch eine ganz tolle Geschichte, die auch wirklich erzählt werden muss
Ich kann mich nur bei dir bedanken. Sie fiel mir wieder ein, als ich mit einer SB-Freundin schrieb, wie menschlich kalt unsere Mitmenschen oft reagieren. Da musste ich sie aufschreiben.
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"Schutzengel in Menschengestalt", liebste Gila..."Helfer in der Not"... ...Meinen Respekt hast du, aber auch die Dankbarkeit und Freude, dass du zum richtigen Zeitpunkt vor Ort warst...
Letzteres überwiegt, liebe Gitti und macht auch glücklich und froh. Schön, dass du mich hier gefunden hast.
...mir gefällt sehr, liebe Gila, wie du uns ein sehr ernstes Thema, toll verpackt in deiner Geschichte, näher gebracht hast...nämlich... ERSTE HILFE leisten..., sollte für jeden Menschen ein MUSS sein
Ich hoffe darauf, Gitti, dass es manchem bewusst wird, dass auch er selbst ,mal in eine solche Situation kommen kann.
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