Links oben die zwei Fenster meiner damaligen Wohnung
Links oben die zwei Fenster meiner damaligen WohnungFoto-Quelle: Gisela Pieler

Entscheidende Augenblicke

Beitrag von wize.life-Nutzer

Samstag ist es, der Herbst bläst die braunen Blätter von den Bäumen. Mitten in der Stadt, an dem größten Platz und genau gegenüber einer Kirche, deren Rosettenfenster dem von Notre Dame nachgestaltet wurde und an deren Orgel Johann Sebastian Bach spielte, dort habe ich mit meinem Mann 1971 unsere erste Wohnung in einem Geschäftshaus im 2. Stock zugewiesen bekommen. Wie jeden Samstag ist Saubermachen angesagt. Das Linoleum, dass die breiten Ritzen der Dielen in den ehemaligen Schneiderstuben des Modehauses verdeckt, wird feucht gewischt und mal wieder mit einem Glanzwachs versehen, das gut trocknen muss. Also Fenster auf und los gehts. Ein reges Treiben herrscht auf dem Platz zu dieser Zeit.

Fast war ich fertig, den Glanz aufzutragen, als Bremsen quietschen, Schreie, ein Aufklatschen hörbar sind. Ich glaube, das über sieben Meter lange Wohnzimmer schaffe ich mit 3 Sprüngen bis an das Fenster. Ein Kind liegt völlig verdreht auf der Straße, einige Meter weiter steht ein Trabant quer. Drei Sprünge zurück, rufe ich meinem Mann zu, er soll den Krankenwagen und die Polizei rufen. Schon war ich auf der Straße, nachdem ich mich durch die Menschenmassen gequetscht hatte.

Der Junge, vielleicht 8 Jahre alt, lag unnatürlich verkrümmt da, ganz allein und Hunderte standen gaffend drum herum. Kein Blut war zu sehen, aber seine Augen starrten mich bittend an, kein Laut kam aus seinem Mund, aber er war bei Bewusstsein. Stabile Seitenlage schoss mir durch den Kopf und wurde sofort verworfen. Was war passiert? Angefahren? Ich wollte es von den Umstehenden wissen, gleichzeitig sah ich, dass der Fahrer des Trabbis immer noch in seinem Auto saß. Warum tat niemand etwas? Autos, die auf dieser Hauptstraße standen, fingen an zu hupen. Alles voller Menschen. Niemand reagierte. Plötzlich drängt sich ein etwa 12jähriger Junge durch die Umstehenden. "Ich bin junger Sanitäter, kann ich helfen?" Den schickte der Himmel. "Sprich mit ihm!", forderte ich ihn auf. "Bin gleich zurück!"

Schon war ich bei dem Fahrer des Autos. "Haben Sie eine Decke? Was ist passiert?" Er erwachte aus seiner Starrheit. Als er aus dem Kofferraum eine Decke holte, fragte ich Umstehende, wer es gesehen hätte und erfuhr endlich, dass der Junge als letzter einer Gruppe über die Straße gerannt ist, nachdem er seinen Schnürsenkel zugebunden hatte und direkt vor das Auto gelaufen, erfasst und durch die Luft geschleudert wurde. Die Gruppe hatte es nicht mal bemerkt. Ich packte einen jungen Mann und forderte ihn auf, hinter der Gruppe herzulaufen und sie zurück zu holen. Er setzte sich in Trab, ich hatte endlich meine Decke, konnte nun den kleinen Jungen zudecken, denn es war kalt. Er sprach kein Wort, stand wohl unter Schock und ich bewegte ihn lieber nicht.

"Der Krankenwagen kommt hier niemals durch", schoss es mir durch den Kopf. Schon packte ich zwei Männer und es klang wie ein Befehl: "Macht die Straße frei! Menschen weg, damit die Autos weiterkönnen, sonst hat das DRK keine Chance!" Die es gehört hatten, setzten sich nur langsam rückwärts drängend in Bewegung. Ich schrie es in die Menge. Wieder zwei hatte ich am Zipfel: "Regelt den Verkehr, damit die Zufahrt frei wird!" Von Ferne hörte ich schon das Martinshorn. Tatsächlich reagierten die direkt Angesprochenen. Ich sah in der weichenden Menschenmasse die ersten Autos stehen. "Fahrt langsam los und macht Platz!", rief ich den Ersten zu, die zumeist neben den Autos standen, um zu sehen, warum es nicht weiter ging. Das Martinshorn kam näher, konnte hier keinesfalls drehen, um ins Krankenhaus zu fahren, wenn die 2. Spur mit Autos voll war. Endlich setzten sie sich in Bewegung. Der junge Sanitäter hockte bei dem Verletzten. "Rede mit ihm, immer weiter, er soll bei Bewusstsein bleiben!", und ich streichelte den kleinen Jungen sanft über das etwas vom Straßenbelag verkratzte Gesicht.

Endlich, das Rote Kreuz war da und als Sanitäter, welch ein Glück, ein Bekannter. "Was ist passiert?", wollte er wissen. Kurz klärte ich ihn auf und vermutete Becken- und Beinbrüche, eventuell auch Wirbelsäulenverletzungen. Schon kümmerten der Arzt und die Sanitäter sich um ihn und ich sah eine Gruppe Kinder und Jugendlicher mit einem Erwachsenen auf mich zukommen. Er war Erzieher im nahen Kinderheim und sie wollten zusammen ins Kino, brachte er hervor. "Egal, Sie fahren mit ins Krankenhaus, um die Gruppe kümmere ich mich" und schon schob ich ihn in Richtung Krankenwagen, der gleich darauf versuchte, zu wenden und loszufahren. Der Trabbifahrer stand wie angewurzelt immer noch neben seiner Rennpappe.

Die Jugendlichen sahen mich fragend an und ich bestimmte den Größten zum Aufpasser. Sie sollten am Kirchenportal gesammmelt warten, bis ich mir wenigstens ein paar Schuhe angezogen hatte, denn in Hausschuhen? Das fiel mir eben erst auf. Plötzlich standen zwei Polizisten neben uns. Sie hatten keine Chance, aus der Gegenrichtung mit dem Auto bis zur Unfallstelle zu gelangen, denn hier versperrte ja das Unfallauto alles und auf der Gegenfahrbahn rollte langsam und stockend all das, was sich auf der Hauptstraße in der Zwischenzeit aufgestaut hatte. Die zwei Männer winkten noch immer dem Verkehr zu und ließen die Passanten nur schubweise über die Straße.

Schnell konnte ich den Polizisten erklären, was wem passiert war und dass ich mich um die Gruppe kümmern müsse. Sie entließen mich und ich nahm erst einmal den Jungen Sanitäter zur Seite, sprach ihm ein Riesenlob aus und dankte ihm für seinen Einsatz. Er war der Einzige, der unter hunderten von Menschen reagiert hatte und Hilfe anbot. Tage danach schickte ich ein Schreiben an seine Schule, in dem ich darum bat, ihn öffentlich zu belobigen. Das sollte für später ein Anreiz sein, zu handeln, wenn Hilfe notwendig war. Ich dachte an die Zeit zurück, als ich als Zehnjährige einem kleinen Jungen nach einem Unfall beide Beine abgebunden hatte und ihm so das Leben retten konnte.

So, jetzt schnell Schuhwechsel und los zur Gruppe, um sie in das Kinderheim zu bringen und dort zu informieren. Alle hatten wohl doch ein schlechtes Gewissen, denn niemandem war aufgefallen, dass einer aus der Gruppe fehlte, weil er einfach nicht mit über die Straße gegangen und dann plötzlich losgerannt war. Der Erzieher hatte zwar noch mitbekommen, dass etwas passiert sein musste, aber das Fehlen nicht bemerkt. Ihn würde eine saftige Disziplinarmaßnahme erwarten, sagte ich den Kindern, das tat ihnen leid, denn sie mochten ihn. Doch niemand muckste auf, weil sie nun nicht mehr ins Kino gehen konnten.

Später erfuhr ich, dass der Kleine wegen innerer Blutungen und mehrfachen Brüchen sofort auf dem OP-Tisch landete, aber nach vielen Wochen wieder gut hergestellt war.

Warum habe ich diese Geschichte aufgeschrieben? Weil mir bei diesem Eingreifen bewusst wurde, dass Helfer direkt andere ansprechen müssen, um sie in Bewegung zu setzen. Oft ist es Angst, etwas Falsches zu tun oder einfach Verstecken in der Masse, die Menschen abhält, helfend einzugreifen. Seitdem habe ich immer nach dieser Erfahrung gehandelt und es funktioniert. Das wollte ich gern weitergeben.

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