Luc und Marthe (2) - Der Eigenbrötler
Luc und Marthe (2) - Der EigenbrötlerFoto-Quelle: Pixelio.de

Luc und Marthe (2) - Der Eigenbrötler

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Jahre flogen dahin. Schon seit langem nun war Luc im wohlverdienten Ruhestand, Marthe sogar schon etwas länger. Ruhig verliefen die Tage im kleinen Häuschen am Rande der Stadt. Marthe machte sich in ihrem geliebten Garten nützlich, während Luc viel las und noch mehr schlief. Ab und an, wenn er einen seiner guten Tage hatte, malte er. Zunehmend Sorge bereitete Marthe aber etwas ganz anderes. Im Laufe der Jahre zog sich Luc immer mehr in sich zurück. Oft, wenn sie ihn etwas fragte, war er abwesend und antwortete erst nach langem Zögern. Manchmal auch war er launisch und seine Stimmung wechselte von einer Minute zur anderen. Ja, ein richtiger Brummbär war er geworden, ihr Luc! Wehe, Marthe vergass, den Schuss Milch in seinen geliebten, nachmittäglichen Kamillentee zu geben, schon mäkelte er an der Temperatur desselben herum. Es war wirklich schwer, ihm noch etwas recht zu machen. Und während Marthe über diese unliebsamen Dinge grübelte, hatte sie eine Idee.

Schon bald stand Luc`s siebzigster Geburtstag ins Haus und ein Geschenk zu seinem Ehrentag hatte Marthe noch nicht. Sie wollte ihm etwas schenken, von dem sie wusste, dass dieses Geschenk ihm eine wirkliche Freude bereitete. Aus vielen gemeinsamen Gesprächen hatte Marthe den großen Wunsch Luc`s, wieder eine Katze zu besitzen herausgehört. In seiner Kindheit besass er so ein felines Wesen, dem seine ganze Zuneigung gehörte. Vielleicht, sinnierte sie weiter, riss ihn so ein kleiner, neuer Hausbewohner aus seiner alltäglichen Lethargie.

Luc`s großer Tag war gekommen. Den ganzen Vormittag schon wuselte Marthe zwischen Braten und Kuchenbacken hin und her und gönnte sich keine Pause. Die wenigen Gäste, die geladen waren, hatten sie für Nachmittag zum Kaffee bestellt. Die Jahre, in denen sie immer viele Besucher bewirteten, waren längst vorbei. Sie lebten seit langem schon äußerst zurückgezogen, denn jedesmal, wenn die Gästeliste vier Personen überschritt, fühlte Luc sich nicht mehr wohl und sehnte sich danach, dass endlich wieder Ruhe im Hause einkehrte.

Während Marthe den Essenstisch festlich deckte, sass Luc draussen, unter dem alten Apfelbaum und las das Neueste vom Tage. Marthe wollte ihm sein Geschenk noch vor dem Essen überreichen, da ihr sonst keine Zeit mehr blieb für Abwasch und eindecken der Kaffeetafel. Drüben im Schuppen, stand es schon, das kleine Körbchen, in dem sich das kleine Kätzchen befand. Durch Zufall hatte Marthe im winzigen Feinkostladen von Monsieur Bertrand erfahren, dass drei junge Kätzchen ein gutes Zuhause suchten und sich spontan das niedlichste von allen ausgesucht. Es war rot getigert und die Pfötchen ganz weiß. Als Marthe das Tierchen sah, wusste sie sofort, es würde Luc gefallen und sie würde ihm hiermit einen jahrelangen Wunsch erfüllen.

Marthe huschte in den Schuppen und kam gleich danach mit dem Körbchen samt Inhalt wieder heraus. Mit dem Korb in der Hand ging sie zu Luc, der unter dem Apfelbaum eingenickt war und stellte ihm das Körbchen auf den Schoss. "Hier ist dein kleinster Gratulant, mon cheri!" Mit diesen Worten weckte sie ihren Brummbär, wobei sie den Deckel des Korbes öffnete. Mit einem kläglichen Miauen streckten sich zwei weiße Pfötchen über den Rand des Korbes, gefolgt vom süßen Köpfchen der Katze mit den weißen Ohren. Immer größer wurden die Augen von Luc und mit einem breiten Lächeln zog er das kleine Ding vollends aus ihrer Behausung. Und als Marthe ihn so betrachtete, wie er ganz sanft mit seinen großen Händen das kleine Tier an seine rauhe Wange schmiegte, wusste sie, es war die richtige Wahl des Geburtstagsgeschenkes, etwas, was er sich schon so lange wünschte und welches ihm ab heute seine Tage etwas erhellen würde.

"Ich danke dir, mein Herz", flüsterte er und zwei Tränen rollten langsam über seine runzelige Wange, wobei ein glückliches Lächeln seine Lippen umspielte


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