Bin ich schön?
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Bin ich schön?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Um Erfolg zu haben, muss man in unserer heutigen Gesellschaft jung, dynamisch u n d schön sein! Eine Unmenge an Studien beweisen, dass es schöne Menschen z.B. bei der Jobsuche um ein Vieles leichter haben...

Es war ein Samstag im Hochsommer, vor 38 Jahren, als sich ihr Leben schlagartig veränderte. Sie fuhr mit ihrem damaligen Verlobten auf einer Bundesstrasse in Oberbayern, auf dem Weg in den Urlaub Richtung Spanien. Eine kleine Unaufmerksamkeit von ihm, der den Wagen lenkte, dazu noch die starke Blendung der mittäglichen Sonne, liessen ihn ein Stopschild übersehen. Mit ca. 35 km/Std. fuhr er über die Kreuzung, als es zur Kollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug kam. Sie waren nicht angeschnallt, eine Gurtpflicht gab es damals noch nicht und der kleine Wagen war noch nicht einmal mit Gurten ausgestattet. Sie, die auf der Beifahrerseite sass, knallte beim Aufprall mit dem Kopf durch die Scheibe, die in winzigste Teilchen zerbarst. Er, unter Einwirkung des Schocks, floh aus dem demolierten Fahrzeug, irrte in der Gegend umher.

Sie bemerkte, wie ihr das warme Blut über das Gesicht lief, als sie sich vorsichtig wieder nach hinten lehnte. Auch ihr sass der Schock in allen Gliedern, ihr Herz raste, doch die Schmerzen waren erträglich. Durch die Seitenscheibe sah sie die Menschenmenge, die neugierig und mit erschrockenen Blicken zu ihr hereinlugten. Sie fasste sich an den Kopf, der stark zu bluten schien. Warm und rot klebte das Blut an ihren Händen. Die Menschenmenge draussen tat nichts, sie starrte sie nur an. Vorsichtig versuchte sie, die Beifahrertüre zu öffnen, doch sie klemmte, sie konnte sich nicht aus dem Fahrzeug befreien. Wenig später hörte sie schon das Martinshorn und als sie von den Hilfskräften mit der Rettungsschere aus dem Fahrzeug geschnitten wurde, hatte sie schon Mühe bei Bewußtsein zu bleiben, was wohl an dem hohen Blutverlust lag. Danach ging alles sehr schnell. Mit heulenden Sirenen wurde sie im Eiltempo in die nächste Klinik gebracht. Im Röntgenraum erbrach sie sich mehrfach, danach wusste sie nicht mehr viel.

Sie erwachte in einem abgedunkelten Zimmer, hörte Laute, die vom Klinikgang draussen zu ihr hereinwehten. Eine Nonne, wie sie später erfuhr, erklärte ihr, dass sie einen schweren Unfall hatte und nun hier im Knappschaftskrankenhaus in W. lag. Man hätte sie am linken Auge operieren müssen, da die winzigen Scherben ihr Auge verletzt hatten. Unzählige Splitter hätte man aus ihrem Gesicht entfernt, die große, tiefe Wunde in der Mitte ihrer Stirn nähen müssen und eine Hauttransplantation oberhalb der rechten Stirn wäre nicht zu umgehen gewesen. Sie hörte sich alles an, sehen konnte sie nichts. Das linke Auge war eingepackt und bandagiert nach der Operation, das rechte Auge völlig zugeschwollen.

Jeden Tag kam der Augenarzt, der sie operierte und leuchtete ihr mit einer kleinen Lampe ins, sie, ob sie etwas sähe. Die ersten Tage verbrachte sie in völliger Dunkelheit, doch dann erblickte sie nach und nach einen erst kleinen Lichtstrahl, der jeden Tag ein bisschen größer wurde. Ihr Verlobter sass täglich an ihrem Bett und machte sich große Vorwürfe, nahm die ganze Schuld auf sich.

Als sie nach Wochen entlassen und nach Hause geholt wurde, wusste sie bereits, dass das Gesicht der einstmals attraktiven jungen Frau nun mit schwulstigen Narben übersäät war und die mitleidigen Blicke ihrer Angehörigen und Freunde bestätigten nur diese Tatsache. Nie im Leben war sie unglücklicher und manchmal wünschte sie sich gar, sie wäre bei dem Unfall sofort gestorben!

Die Monate vergingen, am operierten Auge entwickelte sich ein Wundstar, der dem grünen Star ähnlich war, sie musste erneut operiert werden, wobei die Linse am Auge entfernt wurde. Mit dem einäugigen Sehen arrangierte sie sich mit der Zeit, doch mit ihrem Aussehen konnte und wollte sie sich nicht abfinden. So ging sie eines Tages in den Baumarkt und kaufte sich das gröbste Schmirgelpapier, dass sie dort hatten. Jeden Tag schmirgelte sie ihre wulstigen Narben ab, solange, bis sie fast bluteten. Als sich Schorf bildete und abfiel, begann sie erneut von vorne. Jedesmal cremte sie dann die Narben nach der Prozedur mit einer französischen Narbensalbe ein, um so den Verhärtungen entgegen zu wirken.

Noch ein paar Monate später löste sie die Verlobung, wollte ihm nicht zumuten, dass er sie nun, mit ihrem Aussehen, heiraten müsse. Die abfälligen Bemerkungen der Leute, über ihr verändertes Aussehen ertrug sie schweigend und fragte sich damals zum ersten Mal, ob Zuneigung und Anerkennung wohl mit dem Aussehen zu tun hatten.

Heute, 38 Jahre später, sieht man nur noch eine triangelförmige, flache Narbe über ihrer Stirn, die sie oft lächelnd als ihr "drittes Auge" bezeichnet. Sie hatte in all den Jahren viele neue Menschen kennengelernt und konnte nun sehr genau unterscheiden, ob sie nur nach dem Aussehen gingen oder ob sie einen zweiten Blick wagte, um zu sehen, was für ein Mensch sich wirklich hinter diesem Gesicht verbarg. Sie m u s s t e diesen Unfall erleben, um zu erfahren, was oberflächliche Menschen von Herzensmenschen unterscheidet!


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