Luc und Marthe (3) - Der Ring
Luc und Marthe (3) - Der RingFoto-Quelle: Pixelio.de

Luc und Marthe (3) - Der Ring

Beitrag von wize.life-Nutzer

Im dünnen Satinmorgenmantel, dessen Muster an ein riesiges Mohnfeld erinnerte, schlurfte Marthe die wenigen Stufen hinunter bis zur Türe, schnappte sich die Morgenpost aus dem Briefkasten und ging mit derselben zurück in die kleine, beheizte Küche. Es war Ende April und am Morgen bisweilen noch recht kühl. Sie drehte den Heizkörper noch etwas höher, damit Luc, wenn er aufstand, nicht fror. Luc fror eigentlich immer, selbst an einem warmen Sommertag im August. Im Moment schlief er noch, denn sein Schnarchen drang gedämpft zu Marthe, die es sich auf ihrem Stuhl in der Küche gemütlich gemacht hatte. Auf dem Tisch stand ein Kännchen heißer Tee, den Marthe, wie jeden Morgen, alleine genoss. Sie zündete sich eine Gauloises an, die sie, trotz Warnung ihres Arztes auch jetzt noch rauchte und das seit nahezu fünfzig Jahren. Dieses morgentliche Ritual liess sie sich nicht nehmen, eine schöne Tasse heißen Tee, die Morgenpost und ihre Zigarette. Sie kaufte sie jeden Donnerstag, im kleinen Kiosk um die Ecke, bei Monsieur Constantin, unweit des Place Masséna.

Während sie ihren Hibiscustee schlürfte, überflog sie die Schlagzeilen der Tagespost, wobei sie ab und an genüsslich an ihrer Zigarette zog. Dann lehnte sie sich in ihrem gemütlich gepolsterten Stuhl zurück, setzte ihre Brille ab und ließ ihre Gedanken schweifen. Nur gedämpft drang aus dem Radio ein Chanson über die Liebe zu ihr. Selbstvergessen drehte sie an dem weißgoldenen Ring an ihrem Finger der rechten Hand. Nur ganz selten legte sie ihn ab. Sie erinnerte sich noch genau, als er ihn ihr schenkte, damals, als sie das kleine Kloster Saint Emilienne besuchten. Dort, im Ausstellungsraum der angrenzenden Schmuckwerkstatt, hatte sie ihn gesehen. Luc bemerkte ihre glänzenden Augen, als sie ihn betrachtete. Er winkte den jungen Pater herbei und liess ihn aus der gläsernen Vitrine nehmen. Dann nahm er ihre kleine, zarte Hand und streifte ihn über den Ringfinger ihrer Rechten. "Gefällt er dir, Liebling?" fragte er. Sie nickte ihn nur mit strahlenden Augen an. "Wir nehmen ihn", wandte er sich zum Pater "und wie ich meine Frau kenne, behält sie ihn gleich an". Oh ja, er kannte seine Marthe sehr genau!

Seit dieser Zeit, die nun schon so lange Jahre zurück liegt, trägt sie seinen Ring und legt ihn nur äußerst selten ab. Er war etwas, dass sie verband, noch inniger, ein Zeichen seiner Liebe zu ihr.

Marthe lächelte sinnend vor sich hin, stand auf und lief zum angrenzenden Schlafzimmer hinüber. Sie schob die schweren Vorhänge zur Seite und rief: "Aufstehen Liebling, die Sonne lacht!" Ein Grunzen aus den Federn verriet ihr, dass Luc noch nicht in der Wirklichkeit angekommen war und während sie das Schlafzimmer wieder verließ, dachte sie noch einmal an die lieben Worte, die Luc ihr damals in den Ring gravieren ließ: " Ich liebe dich heute mehr als gestern und weniger als morgen!" Und während sie sich wieder ihrem wärmenden Tee widmete, umspielte ein leises Lächeln ihre Lippen.b


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