Michels Nachtgebet

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich möchte Euch noch eine kleine Nachtgeschichte, die ich im "Lahrer hinkenden Boten" fand, erzählen.
Stark gekürzt und leicht verändert.

Michels Nachtgebet

Der Michel war ein Bub vom Land, wie viele andere Buben von zwölf Jahren auch. Er war lausbübisch, natürlich, das muß sein. Er war umtriebig, immer tätig, selten lag er auf der faulen Haut, er half dem Vater im Stall, dem Onkel in der Gärtnerei, sogar dem Opa im Wald. Nur mit der Schule, hatte er es nicht so.
Das Rechtschreiben, naja. Das Rechnen, fiel ihm auch schwer. Die Religionsstunden beim Herrn Pfarrer, die hatten's ihm angetan. Die Geschichten der Heiligen, der Apostel, der Engel, diese Geschichten fesselten ihn. Zum Jahresabschluß schenkte ihm der Herr Pfarrer ein kleines in Leder gebundenes Büchlein, ein Büchlein mit Gebeten, hatte ihm der Herr Pfarrer erklärt. "Aber Du mußt sie nicht auswendig lernen" hatte der Herr Pfarrer gesagt. "Du kannst mit unserem Herrgott so reden, wie es Dir einfällt. Er versteht Dich immer"
Und heute war ein ganz besonderer Tag gewesen. Er hatte eine gute Note für einen Aufsatz bekommen, die Rechenarbeit war gut ausgefallen. Er hatte dem Vater geholfen, den ganzen Nachmittag Holz gespalten. Jetzt war er hundemüde aber glücklich in's Bett gekrochen. Seine Gedanken kreisten. Er war voller Freude, weil die Mutter sich über die guten Noten gefreut hatte. Er hatte gespürt, als er mit dem Vater den Stall ausmistete, daß auch der Vater stolz auf ihn war. Und wie der Großvater aus dem Wald kam, ihm kameradschaftlich auf die Schulter geklopft, und ihm gesagt hatte, Männer müssten auch Abendbrot essen, nicht nur schaffen, da fühlte er sich fast erwachsen. Er drehte sich müde zur Seite, schläfrig schon, fielen ihm fast die Augen zu, als ihm einfiel, daß er noch gar nicht zur Nacht gebetet hatte. Die Gedanken kreisten auch allzusehr, und so sagte er einfach noch: "Ach, lieber Herrgott, Du wirscht Dei kleine Michel scho kenne."