Luc und Marthe (4) - Lust am Leben
Luc und Marthe (4) - Lust am LebenFoto-Quelle: Pixelio.de

Luc und Marthe (4) - Lust am Leben

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Sonne meinte es noch einmal gut an diesem Vormittag, in der Mitte des Oktobers. Ihre gleisenden Strahlen malten goldene Kringel auf das Trottoir des kleinen, südfranzösichen Örtchens. Es würde wohl einer der letzten, sonnigen Tage in diesem Jahr werden, an dem es die Menschen nicht in den Häusern hielt, sondern sie hinaustrieb, um letzte, behagliche Wärme vor dem Kälteeinbruch zu tanken.b

Ohne Eile schlenderte Luc, in der Rechten seinen Spazierstock, durch die Gassen. Das Klacken seines Stockes begleitete ihn bei jedem Schritt. Obgleich er schon etwas gebückt ging, fiel der große Mann in seinem hellen Anzug auf. Der Panamahut, zum Schutze der grellen Sonne tief ins Gesicht gezogen und die beige-schwarzen, aus feinstem Rindsleder gefertigten Schuhe, verliehen ihm ein fast aristokratisch anmutendes Aussehen. Eine junge Frau kam ihm entgegen. Schlank und rassig stöckelte sie auf ihren roten, hohen Pumps an ihm vorbei. Ein ebenso rotes, breites Band hielt ihre blauschwarzen, lockigen Haare zusammen. Das enge, blumenbedruckte Kleid betonte ihre rassige Figur genau an den richtigen Stellen. Luc zückte seinen Hut galant zum Gruß. Die Schöne nickte ihm mit einem bezaubernden Lächeln kurz zu und ging an ihm vorbei. Luc dürfte kein Mann sein, dass er sich nicht noch einmal umdrehte und der jungen Frau entzückt nachsah, wie sie mit schwingenden Hüften weiter ihres Weges ging. Wie Musik klang das Stakkato ihrer hohen Absätze in seinen Ohren, deren Klang er nachlauschte, bis er langsam in den engen Gassen verhallte.

Am kleinen Dorfmarktplatz angekommen, steuerte Luc zielstrebig auf das winzige Cafe zu, dorthin, wo im Außenbereich nur zwei kleine Tische standen und ließ sich leicht ächzend, ob seiner Leibesfülle, auf einen der bereitgestellten Stühle nieder. Just in diesem Moment kam Monsieur Jaque, der Besitzer des Cafes, aus der Türe. "Bonsoir, Monsieur Luc", mit einer kleinen Verbeugung begrüßte er seinen Landsmann und wischte mit einem weißen Tuch in seiner Hand beflissen über das kleine Tischchen . "Bonsoir, Monsieur Jaque! Ich hätte gerne einen großen Milchkaffee und zwei Croissants", erwiderte Luc und während Monsieur Jaque wieder im Cafe verschwand, breitete Luc die mitgebrachte Zeitung aus und vertiefte sich darin.

Nach dem Frühstück und dem Studieren der Tageszeitung lehnte sich Luc wohlig zurück. Sein Blick schweifte über den kleinen Ortskern und aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er das geschäftige Treiben der Menschen um ihn herum. Die Entscheidung war wohl richtig gewesen, dachte er, vor zwei Jahren wieder zurück zu kommen, in seine Heimat, hierher, wo seine Wurzeln waren. Das kleine Häuschen mit dem idyllischen Garten und den alten Obstbäumen, war genau das Richtige gewesen. Dort konnte er sich wohlfühlen, zusammen mit seiner Marthe, jetzt, wo beider Arbeitsleben hinter ihnen lag. Marthe hatte ihren Garten, ihr kleines Kräuterbeet, das sie liebevoll pflegte und er endlich die ersehnte Ruhe. Hier konnte er malen und schreiben und all die Dinge tun, die ihm wichtig waren und zu denen ihm in der Vergangenheit so oft die Zeit fehlte. Gemütlich hatten sie sich ihr kleines Häuschen eingerichtet, in warmen, freundlichen Farben. Minouche, die Katze und vier Hühner, nebst einem stolzen Hahn, teilten ihr Zuhause. Das frische Gemüse erstand Marthe auf dem kleinen Markt und wie so oft, zauberte sie ihm die leckersten Eintöpfe auf den Tisch. Luc lächelte in sich hinein und strich sich mit der Rechten zufrieden über den Bauch. Ja, Liebe geht auch durch den Magen, seine Marthe wusste das, kannte sie ihn doch schon so lange.

Nachdem er dem bunten Treiben noch eine Weile zugeschaut hatte, zahlte er bei Monsieur Jaque, klemmt sich die Tagespost unter den Arm und trat ohne Eile den kurzen Heimweg an. Von Weitem schon konnte er Marthe sehen, wie sie im Garten auf der Holzleiter stand und rotbackige Äpfel in den großen Korb pflückte. Die Türe des kleinen Hauses hatte sie weit geöffnet und der Wind trug leise einige Klänge Chopin in das satte Grün des Gartens. Als sie ihn erblickte, stieg sie eilig die wenigen Stufen der Leiter herunter und eilte ihm, mit zwei prächtigen Äpfeln entgegen. " Schau dir das an, Liebes", lachte sie, "sind sie nicht herrlich und wie sie duften!" Sie hakte sich bei ihm unter und trippelte plappernd an seiner Seite den Gartenweg entlang. Die Lust am Leben stand ihr ins Gesicht geschrieben, wie sie da mit geröteten Wangen neben ihm ging und auch er spürte dieses Gefühl, ganz tief im Innern seines Herzens. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts heftiger, als noch viele Jahre gesund dieses späte Glück auszukosten, mit Marthe an seiner Seite.


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