Luc und Marthe (5) - Das Geschenk des Augenblicks
Luc und Marthe (5) - Das Geschenk des AugenblicksFoto-Quelle: TIM-GIFT.DE

Luc und Marthe (5) - Das Geschenk des Augenblicks

Beitrag von wize.life-Nutzer

Mit der Linie 8 fuhren sie von Gentilly bis zur Haltestelle Buttes Chaumont. Die kurze Strecke entlang der Rue Poissonnière, bis zum kleinen Bistro "Aux trois Coqs", dessen Besitzer Monsieur Durand war, legten sie gemächlich zu Fuß zurück.

Heute war ein guter Tag! Luc`s Befinden war stabil wie lange nicht mehr und Marthe war glücklich, dass sie wieder einmal die einfachen, aber schmackhaften Köstlichkeiten aus Monsieur Durand`s Küche gemeinsam geniessen konnten. Früher waren sie sehr oft hier und manch begonnenes Gespräch führten sie dann zuhause, bei einem wohltemperierten Chateaunef du Pape zu Ende, zum Ausklang eines harmonischen Abends.

Nachdem sie das kleine Lokal betreten hatten, gingen sie zielstrebig zu dem kleinen Tisch in der linken Ecke des Bistros, der seit nahezu dreißig Jahren ihr Stammplatz war, begleitet von der überschwenglichen Begrüßung des Monsieur Durand, der sehr erfreut schien, sie nach so langer Zeit wieder einmal zu sehen. Luc deponierte seinen Spazierstock in der kleinen Nische neben dem Tisch, um anschließend den Stuhl Marthe`s zurecht zu rücken, auf dem sie etwas atemlos Platz nahm. In diesem Augenblick sinnierte Luc wieder einmal in Gedanken, dass er Marthe fast keinen Tag ihres Zusammenlebens ohne ihre obligatorische Gauloises gesehen hatte und die sie auch heute noch, vornehmlich nach der Mahlzeit, uneingeschränkt genoss. Trotzdem er ihr ihre ungesunde Leidenschaft gönnte, begleitete ihn seit Jahren dieser trockene Husten, der wohl auch ein wenig von Marthe`s exzessiver Lebensweise herrührte.

Nun also saßen sie da, wie vor Jahren jeden Freitag, immer noch wissend, dass diese Freitage jedes Mal etwas ganz Besonderes für sie gewesen waren und bis heute hatte sich an dieser Tatsache nichts geändert.

Nachdem Monsieur Durand beide mit ihrem Lieblingswein versorgt hatte und sich nach der Essensbestellung diskret zurück zog, suchte Luc wie selbstverständlich über dem Tisch die ihm so vertraute Hand. Bereitwillig legte Marthe ihre dünne, runzelige Rechte in die immer noch erstaunlich kräftige Hand Luc`s, von der sie wußte, wie unendlich sanft sie zugleich doch auch sein konnte, wenn er die Zärtlichkeit seiner Gefühle für sie erwiderte. Und auch heute, an diesem Abend, konnte sie sich, wie damals, seinem tiefen Blick nicht entziehen. Plötzlich fühlte sie sich nackt, ohne der ihr eigenen Kontrolle, war seinen Augen ausgeliefert, die , so schien es ihr, bis auf den Grund ihrer Seele blickten. Ein kleines, fast spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen, er wußte um ihre Gefühle! Marthe spürte das erregende Kribbeln, dass sich seinen Weg bahnte vom Rumpf hinauf bis an den Rand ihres Nackens und unter den fein aufgestellten Härchen fühlte sie die wohlige Wärme, die durch ihren gesamten Körper zog. Nein, es hatte sich nichts geändert, nicht einmal nach all den Jahren! Es war ihnen nicht abhanden gekommen, dieses unbeschreibliche Gefühl! Sein Blick hatte keinesfalls etwas Vulgäres, eher warm und zärtlich war er und im Hintergrund spiegelte sich noch immer dieses Verlangen, das schamlos schien, doch gleichzeitig offen und so vertraut in ihre hellblauen Augen schaute.

Nur ein kleiner Augenblick hatte genügt, um Marthe fühlen zu lassen, dass die Intensität ihrer Liebe die selbe geblieben war, egal wieviel Zeit ihnen noch blieb.

Foto: Timo Klostermeier/www.pixelio.de