Mittagspause
MittagspauseFoto-Quelle: ©MartinStauder

Mittagspause

Beitrag von wize.life-Nutzer

Dieser Lärm, Autos, Autos, Autos – als Hitchcock seinen Film drehte, war das Getöse bestimmt noch nicht ganz so schlimm. Ein Glück, unsere Villa liegt außerhalb in den Bergen. Viel zu wenig Ruhe. Geratter, Geknatter, Reifenquietschen. Die Spinne dort, sie krabbelt auf die Straße und niemand bremst. Armes Tier. Neulich kroch eine über das Untersuchungsbesteck. Wurzelbehandlung. Ich musste mehrere Pausen einlegen, sonst wäre er krepiert. Der hatte mehr Angst vor mir als vor einer Spinne. Ganz bestimmt. Da läuft sie nun dahin. Wenn sie Glück hat, schafft sie es bis zum Strand. Irgendwann latscht einer drauf. Mein Magen knurrt. Aber nicht wieder diese Crêperie. Die Speisekarte habe ich mindestens zweimal durchgekaut. Alle Crêpes und Galettes. Ich brauche was vernünftiges. Mal kurz über die Straße, ein Blick zum Horizont, das wär's. Verfluchter Sekundenzeiger! Ein Bettler. Was hat der hier verloren? Ausgerechnet hier. Die Spinne klebt sicher schon an einem Autoreifen. Mensch, knutschen die herum. Ich weiß nicht, warum hier alles so protzig ist. Ich komme mir vor wie ein Zwerg, zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Dieses blöde Protzhotel. Nabokov wohnte in solch einem Bunker. Dieses Hupen, rattern, knattern. Hört das denn nie auf? Ein Schrei! Da! Im Wartezimmer hängt die Temperaversion. Sein Mund weit ... Mensch, pass doch auf! Blindgänger. Warum schauen alle nach oben? Hat jemand im Streit 'ne Flasche Champagner aus dem Fenster geworfen, oder was? Mein Kopf! Ein dunkler Schatten ist vorbeigerast. Schwein gehabt. Die knutschen immer noch. Die Hektik bringt mich noch um, elendes Reifengequitsche, die Welt … ich kann mich nicht bewegen, das rotschimmernde Blut, wie ein Lavastrom, der sich in den Sonnenuntergang ergießt. Edward Munch, ich habe sein Tagebuch gelesen ... „der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut“ , steht da so drin, ich habe diese Textstelle niemals vergessen. Reizwäsche, eine Leiche mit … sieht echt verboten aus. Was gäbe ich darum in unserer Villa zu sein. Wir sitzen auf der Dachterrasse bei einem Glas Champagner und eine zarte Brise säuselt in den stillen Abend. Das Meer ... Die Armbanduhr, verflucht. Dreizehnuhrzwölf.

©MartinStauder