Luc und Marthe (7) - Wenn die Tage sich neigen
Luc und Marthe (7) - Wenn die Tage sich neigenFoto-Quelle: Rainer Sturm/www. pixelio.de

Luc und Marthe (7) - Wenn die Tage sich neigen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie gingen, wie jeden Tag um die gleiche Zeit, bis zum Ende der Rue Galande, um dann mit gemächlichen Schritten in den großen Stadtpark einzubiegen. Luc hatte sich mit dem rechten Arm bei Marthe eingehakt, während seine linke Hand den Elfenbeinknauf des braunen Spazierstockes umklammerte. Seit seinem Schlaganfall vor zwei Jahren fiel Luc das Gehen sichtlich schwer, doch mit Marthe`s Hilfe bezwang er die tägliche Gehstrecke, auch wenn er jedes Mal danach sichtlich erschöpft war.

In der Mitte des Parkes legten sie, wie jeden Tag, eine kleine Rast ein. Dort, inmitten der Weidenbäume, war ein kleiner See, auf dem die Schwäne ruhig ihre Bahnen zogen. Am Rande des Sees, im Schatten der knorrigen Eiche, stand eine grüne Bank. Während Marthe zwei blütenweiße, frisch gestärkte Stofftaschentücher aus ihrem kleinen Täschchen nestelte und sie auf der Bank ausbreitete, ließ sich Luc bereits mit einem erleichternden Seufzen darauf nieder. Er nahm den breitkrempigen Panama-Hut ab und wischte mit der rechten Hand über seine schweißnasse Stirn. Marthe setzte sich neben ihn, nicht ohne vorher ihr taubenblaues Kleid, das Luc so an ihr liebte glatt zu streichen.

In früherer Zeit war das mit der Liebe nicht immer so leicht zwischen den Beiden. Luc war ein großer, stattlicher Mann mit einer besonderen Ausstrahlung. Er war in das Leben verliebt und nicht minder in sich selbst und die Frauen machten es ihm oft leicht. Marthe hielt immer zu ihm, wenn sie auch manchmal heimlich litt und Luc es nicht bemerkte oder es einfach ignorierte. Doch sie liebte diesen imposanten, klugen Mann vom ersten Augenblick an und geändert hatte sich all die Jahre daran nichts. Hinzu kam noch diese körperliche Anziehungskraft, eine Magie, der sich bis heute keiner der Zwei entziehen konnte und wollte. Körperlich war er seiner Marthe immer treu geblieben, denn er fand bei ihr alles, was er sich wünschte.

Marthe reichte Luc den Thermosbecher mit gekühltem Tee, den er in gierigen Schlucken trank. Sie wickelte das alte Brot aus dem Cellophan und ging die wenigen Schritte zum Seeufer, um die Schwäne damit zu füttern. Danach trippelte sie flink wieder zu Luc zurück und presste die Tabletten aus dem Blister. Mit akribischer Genauigkeit achtete sie auf seine Einnahmezeiten, denn der Schock seines Zusammenbruchs saß ihr noch heute, nach über zwei Jahren, in den Gliedern. Noch einmal reichte sie ihm den Teebecher, damit er die Kapseln hinunterspülen konnte. Dankbar lächelte er sie mit seinen braunen Augen an, deren Glanz bis heute nicht erloschen war. Liebevoll nahm er ihre kleine Hand in die seine und sein Händedruck ließ sie wieder einmal die Zusammengehörigkeit spüren, die sie füreinander empfanden.

So saßen sie eine ganze Weile, schweigend und jeder in seinen Gedanken versunken. Sie hatten viel miteinander erlebt und durchgestanden. Im Herbst ihres Lebens war es jetzt etwas stiller geworden und vielleicht die Liebe etwas leiser. Als sich die letzten Sonnenstrahlen über den See senkten, wussten sie beide für sich, dass das Glück nicht vieler Worte braucht und diese Magie, die sie von Anfang an zwischen sich spürten, sie nie verlassen hatte.


Foto: Rainer Sturm/www. pixelio.de