Luc und Marthe (9) - Der Sinn der Freiheit
Luc und Marthe (9) - Der Sinn der FreiheitFoto-Quelle: Rainer Sturm/www.pixelio.de

Luc und Marthe (9) - Der Sinn der Freiheit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Sinn der Freiheit

Luc und Marthe

Ein leichter Wind stricht durch die Bäume, aus den Ästen quoll das erste Grün und reckte sich der Frühlingssonne entgegen. In Gedanken versunken saß Luc auf seiner Lieblingsbank im Park, mit Blick auf den kleinen See. Wann immer es möglich war und die Witterung es zuließ, kamen er und Marthe hierher, um die frische Luft zu geniessen und die friedliche Stille, die durch nichts unterbrochen wurde, als durch das fröhliche Tschiepen der Vögel oder das Schnattern der Gänse am nahen See. Heute war er alleine gekommen, während Marthe noch Besorgungen im kleinen Örtchen machte.

Aus der Innentasche seines Sakkos zauberte er eine dicke Brasil hervor, die er sich heimlich zuhause einsteckte, denn eigentlich hatte es ihm der Arzt schon lange verboten, das Rauchen und Marthe wachte mit Argusaugen darauf, dass er sich auch daran hielt. Während er seine Zigarre entzündete und dann genüßlich daran zog, schmunzelte er und freute sich wie ein kleiner Junge, etwas Verbotenes getan zu haben. Zufrieden lehnte er sich nach hinten und blies graue Kringel in die frische Morgenluft. Er genoss das kleine Stückchen Freiheit, das er sich hier einräumte!

Mit zusammen gekniffenen Augen reckte er sein Gesicht der Sonne entgegen und seine Gedanken gingen auf die Reise... Er war zufriedener geworden mit all den Jahren. War er früher noch ab und an cholerisch und sehr schnell erbost, so lenkte er heute viel eher ein, da ihm ein harmonisches Miteinander nun bedeutsam lieber war. In vielen Gesprächen zwischen Marthe und ihm hatte er erkannt, dass Freiheit nur durch einen selbst erreicht werden kann. Er mußte keine "Rolle" mehr spielen, wie er früher immer dachte, um dem anderen zu gefallen, sondern er mußte dem anderen sein wahres Selbst zeigen und im Austausch mit dem Selbst des anderen zu wachsen. Eine Beziehung ist nur dann bereichernd, wenn jeder der sein kann, der er wirklich ist, das hatte er nun verstanden.

Als der letzte Rest seiner Zigarre längst verglüht war, erhob er sich und trat den Heimweg an. Er war glücklich, jeden Tag bewusst etwas zu tun, etwas, das ihn froh machte, wie eben dieser kleine Abstecher in den Park, mit der geliebten Zigarre im Sakko oder etwa der kurze Plausch im Café an der Ecke, denn die Freiheit beginnt erst da, wo Selbstachtung anfängt, da war er sich längst sicher. Sein Leben hatte sich in der Tat sehr gewandelt. Nun, da er sein Wohl und gleichzeitig das Wohl von Marthe in den Vordergrund stellte, war ihm das Leben nicht mehr Bürde, sondern es hatte sich im Laufe der Zeit so gewandelt, dass er ein seinem Wesen entsprechendes, glückliches Leben führen konnte und so auch in liebenswerter Weise die Menschen anzog, die er liebte.


Foto: Rainer Sturm/www.pixelio.de