Und plötzlich rennt die Zeit
Und plötzlich rennt die ZeitFoto-Quelle: lupo/www. pixelio.de

Und plötzlich rennt die Zeit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Neulich sah ich ihn wieder, im Krankenhaus, in dem ich arbeite. Ich kannte Hans schon aus Kindertagen, denn wir wohnten damals in der selben Straße. Heute ist er 66 Jahre und seit einem Jahr in Rente. Vorher arbeitete er als Fernfahrer bei einer Speditionsfirma und war ständig auf Achse.Immer wieder begegnete ich ihm die letzten Jahre und immer im Krankenhaus. Vor drei Jahren hatte er eine Hüftoperation, dann ging er zur Anschluss-Reha. In letzter Zeit kam er des öfteren zum Verbandswechsel, da eine Wunde am Fuß nicht recht heilen wollte.

Vor Tagen dann liefen wir uns im Foyer des Krankenhauses über den Weg. Er schien sehr bedrückt, sodass ich ihn ansprach. Er erzählte mir, dass er seit Wochen keinen Appetit habe und auf Grund dessen von seiner Hausärztin bei uns eingewiesen wurde. Nach einigen Untersuchungen dann die Diagnose: ein großer, bösartiger Tumor an der Bauchspeichel- drüse, inoperabel! Der Chefarzt sagte ihm gleich, dass er ohne Behandlung noch eine Lebenserwartung von ungefähr 6 Monaten habe, mit Chemotherapie vielleicht noch ein Jahr. Seine Stimme zitterte, als er mir dies erzählte. Er war am Boden zerstört. Weißt du, sagte er, wenn es so sein soll, ich habe ja über 60 Jahre gelebt. So viele sterben wesentlich jünger als ich. Es tut mir nur so leid wegen meiner zwei Kinder, sie waren so fertig, als sie die Diagnose hörten. Seine Stimme brach ab und die Tränen kullerten über sein Gesicht. Er wandte sich aprupt um und strebte dem oberen Stockwerk zu. Ich verstand ihn. Er gehörte noch zu der Generation Männer, die sich ihrer Tränen schämen. Ihm hatte man noch eingetrichtert, dass ein Mann in keiner Situation zu weinen hatte. Ich war sehr betroffen, als ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Im Geiste sah ich ihn plötzlich wieder als den kleinen Jungen, den ich kannte, als auch ich noch ein kleines Mädchen war. Ein fröhlicher, schlanker, kleiner Junge mit kurzen Hosen und bunten Ringelsöckchen....


Gestern beobachtete ich ihn, als er mit seiner Frau in der Cafeteria saß. Sie hatte ein luftiges Sommerkleid an und sie saßen sich gegenüber. Der eine Träger des Kleides war verdreht. Hans streckte seine Hand aus und richtete den Träger wieder ordentlich. In dieser kleinen Geste lag so viel Fürsorge und Liebe, dass mir die Tränen in den Augen standen.Ich wußte, was er in diesem Moment dachte.

Hans hat nicht mehr viel Zeit und er weiß das, die Zeit rennt ihm davon. Ich wünsche ihm Kraft, das letzte Kapitel seines Lebens zu (er)tragen.

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