das neue ICH
das neue ICHFoto-Quelle: FotoAxel für LMFC

Das neue ICH

Beitrag von wize.life-Nutzer

„Ich kann, wenn ich nur will
Ich darf, wenn man mich lässt
Ich muss, selbst wenn ich darf, gar nichts wenn ich nicht will.
Diese Zeilen beschreiben ein Lebensgefühl, das sich erst seit einigen Jahren eingestellt hat und das mir gut tut, sehr gut sogar."

Das denkt sie jeden Morgen, wenn sie sich in dem Spiegel betrachtet; manche schreiben sich Motivationszettel, andere sagen ihr Lebensmotto mehrmals täglich vor sich hin, sie braucht sich nur anzusehen und erkennt, JA, so ist es und so soll es auch bleiben.

Sie ist jetzt Ende Fünfzig und hat endlich angefangen, sich nicht mehr zu verstecken.
Es ist noch nicht so lange her, dass sie wieder von vorn angefangen hat.
Wieder in der für sie typischen Art...eine langjährige Beziehung viel zu spät beendet, die eigenen Bücher, Klamotten und Geschirr gepackt und nichts wie weg....denn es war wieder mal der Punkt erreicht, wo sie nicht mehr konnte...innerlich verstummt und äußerlich das Abbild einer grauen Maus.
Sie hat das eigene Leben nicht mehr aushalten können. Im Berufsleben immer taff und immer oben auf und dann zu Hause die Demütigung der Nichtbeachtung und der Zurückweisung und die Erkenntnis, dass sie es wieder nicht geschafft hat auf sich soweit aufzupassen. Eine schmerzhafte Niederlage, so hat sie gefühlt und gedacht, als sie am ersten Abend in der neuen Wohnung auf dem Boden saß.
Sie kennt solche Situationen, denn es ist nicht das erste Mal, dass sie wieder an den Anfang steht und es ist ihr bewusst, wie es weiter geht.
Zunächst kommt die Traurigkeit über den Verlust – ja, auch wer geht hat einen Verlust zu verzeichnen – dann kommt die Trotzphase – jetzt erst recht – und dann werden plötzlich Kräfte frei und sie steht wieder auf und übernimmt die Regie im Film ihres Lebens.

Sie fühlt, dieses Mal ist es anders, sie merkt, wie stimmig plötzlich alles ist.
Alles scheint sich zu fügen und zusammen zu passen; sogar ihr Name fühlt sich jetzt wie extra für sie geschaffen an und Ihr Lebensgefühl verändert sich.

Die wenige Freunde, die ihr nach der Trennung geblieben sind staunen...die Frauen schauen irritiert und in ihren Gesichtern ist deutlich die Frage „Was hat sie jetzt vor?“ abzulesen...die Männer schmunzeln und denken...Jetzt traut sie sich aber.....

Ja, sie tut es, sie traut sich!
Sie macht Pläne und setzt sie konsequent um; am Anfang nur zaghaft, dann wagt sie immer mehr...Grenzen austesten, vielleicht auch mal überschreiten und schauen was um die Ecke noch wartet.....und was sind denn Grenzen? Wer will ihr denn sagen oder gar für sie entscheiden, wo sie liegen?

Ihr neues ICH bringt wieder Bewegung mit sich, Menschen gehen und andere kommen. Wer bleibt ist nach wie vor irritiert....Wo soll es enden?

Sie macht Inventur und sie sortiert die Posten in ihrer Bilanz neu; Ein Foto macht ihr klar, ihr Lächeln würde die Augen ihres Vaters zum Leuchten bringen, denn jetzt scheint es so deutlich wie nie, dass sie sein Abbild ist und ihre Augen tragen so wie seine den Stolz aber auch die Traurigkeit, die ihn immer begleitet haben.

Und ihr Herz öffnet sich, zumindest in Teilbereichen, sie kann plötzlich ein wenig Frieden schließen und staunt.....
Denn sie wollte niemals verzeihen, niemals zurückschauen und niemals wollte sie erweichen; und doch geschieht es und sie mag sich nicht mehr dagegen wehren.

Auch im Umgang mit ihrer Sehnsucht nach einer Hand die sie hält, fängt sie an ihr Verhalten zu ändern.

Nicht dass jetzt jeder daher erscheinen könnte ohne dass sie gleich drauf haut, aber sie schaut hin und hört die leisen Töne.

Sie fängt an, für sich und für ihre Vorstellungen einzustehen und merkt, nicht jeder lässt sich davon abschrecken, ganz im Gegenteil....

Sie lässt sich darauf ein, verschiebt freiwillig ihre Grenzen und genießt die Berührung, die Nähe und spielt ein wenig mit dem Feuer.
Selbst wenn ihr manchmal von Anfang an klar ist, dass einiges nicht passt und dass es nicht in ihrer Hand liegt etwas daran zu ändern…aber ist es überhaupt nötig, dass sich etwas verändert?

Nein, darüber macht sie sich absichtlich keine Gedanken, sie lebt im Jetzt und lässt sich treiben; Es gelingt ihr den Kopf soweit abzuschalten und schaut gespannt zu, wie die Sehnsucht ihr manchmal die Kontrolle abnimmt.

Wenn es dann so kommt, dass Kopf, Herz und Sehnsucht nicht im Takt schlagen und das Leben wieder mal eine kleine Enttäuschung parat hält, dann schaut sie genau hin und erkennt wie lebendig sie sich fühlt und wie wohltuend das kleine Stückchen Weg gewesen ist, das sie nicht alleine gelaufen ist.

Nein, sie baut nicht noch eine neue Mauer um ihr Herz, ganz im Gegenteil, sie trägt noch eine Schicht der alten Mauer ab denn sie spürt, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Obwohl sie ihre Haudrauf-Keule nicht ganz aus der Hand gibt, übt sie sich in „annehmen“ und begreift dabei, dass es überhaupt nicht nötig ist sich klein zu machen...denn

sie kann, wenn sie nur will
sie darf, wenn man sie lässt
sie muss, selbst wenn sie darf, gar nichts wenn sie nicht will.

© Luisa Maria Francesca Clerici

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