Auf das Gleichgewicht kommt es an!
Auf das Gleichgewicht kommt es an!Foto-Quelle: ri

Mein Wort zum Sonntag: Lagunentango

News Team
Beitrag von News Team

Venedig ist immer eine Reise wert, vor allem in Bezug auf Tango. Wer allerdings gewisse Bedürfnisse spürt, muss viel Hirnschmalz aufwenden, sie dort zu befriedigen.
Es regnete fürchterlich, als wir uns aufmachten zu einem Abend-Tango in einem aufgelassenen Theater auf Giudecca, zwischen den Kulissen, während es draußen in Strömen schüttete und Venedig wiederum einige Zentimeter mehr im Meer der Düsternis versank.
Es war eine wunderbare Atmosfäre, voll Dekadenz und versunkener Trauer - Tango eben. Doch auch wenn die meiste überschüssige Körper-Flüssigkeit beim Tanzen sich in feuchten Dunst auflöst, gelegentlich ist die Abfuhr einer größeren Menge erforderlich. In Venedig, wie jeder Besucher dieses Menschheitsdenkmals weiß, ein kleines Problem. So fragte ich unseren Gastgeber, wo ich denn in dieser Lagunenstadt zum allgemeinen Wasserstand beitragen könnte. Er erklärte mir das so:
Im Haus gibt's nichts, da musst du schon raus. Erst gehst du die Treppe runter und hinaus in den Regen. Nach hundert Metern, kurz bevor der Weg im Meer endet, biegst du links ab und gehst über einen kleinen Müllplatz. Vorsicht, nicht in die Fuchsfallen treten! Dann siehst du ein kleines, verfallenes Haus, von einer Mauer umgeben. Tür gibt's keine, du kletterst einfach drüber, aber Vorsicht, oben liegen Glasscherben. Dann musst du einen Eingang finden, ist aber keiner da. Also schlägst du ein Fenster ein und tastest dich die Wendeltreppe nach oben. Die fünfte Stufe fehlt allerdings, also pass auf; es könnte auch die sechste sein. Da, wo das Klo steht, ist der Boden schadhaft und irgendwo klafft ein Loch. Tritt im Finstern nicht hinein, denn mit deinen Schuhen kommst du nicht mehr raus. Und noch was: Stör die Fledermäuse nicht, die überall rum hängen - sie stehen unter Naturschutz!
Ich stieg vorsichtig die steile Wendeltreppe hinunter, stürzte mich mutig in die undurchdringliche Nässe, orientierte mich irgendwie an den schemenhaften Laternenlichtern und tastete mich unsicher durch den Regen. In der feuchten Finsternis verlor ich sofort die Orientierung. Wo hörten die Regenpfützen auf, wo fing die Lagune an? Nach einer halben Stunde zielstrebigen Umherlaufens im Kreis und dem geschickten Vermeiden des Absaufens in einem düsteren Kanal begegnete ich glücklicherweise einem älteren Herrn mit scharfer Nase und Pickelgesicht. Er war wie im Karneval gekleidet, was mich nicht sonderlich überraschte, denn in Venedig ist sowieso immer Karneval. Ich sprach ihn höflich an.
Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo ich - ich meine, es gibt ja schon genug Wasser hier ...
Mein Freund, das ist kein Problem: Sie gehen diesen Weg, und kurz bevor der Weg im Meer endet, biegen Sie links ab und gehen über einen kleinen Müllplatz. Vorsicht, nicht in die Fuchsfallen treten! Danach -
Wieso können Sie so gut deutsch?
Oh entschuldigen Sie, ich vergaß mich vorzustellen.
Er zog seinen Hut und verbeugte sich galant.
Mein Name ist Bracolini, Antonio Bracolini. Ich habe eine Zeit lang die Bibliothek eines komischen Grafen geordnet, irgendwo in Böhmen.
Tanzen Sie auch Tango?
Was ist das?
Ein ebenso erotischer wie sinnlicher Tanz, eine äußerst innige Beziehung für drei Minuten.
Meine Beziehungen dauerten meist ein bisschen länger, aber das wäre auch was für mich. Ja, die Erotik, das war mein Leben ... Aber, mein Freund, für die modernen Freuden bin ich zu alt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Tambo-Beziehungen.
Danke sagte ich etwas benommen und fand in Kürze den Weg zurück zum Tanzhaus. Ich folgte einfach der Musik, die ist der beste Wegweiser ins Paradies. Und schon war ich im tangotobenden Raum und wollte mich gleich ins Gewühle stürzen, als ich mich an den Grund meines nassen Ausflugs erinnerte. Ich fragte den Türsteher nach einem entsprechenden Ort.
Eine Treppe tiefer, zweite Tür links neben dem Schild "Bitte nicht betreten".
Na also, warum nicht gleich.