Eine Prise Geborgenheit
Eine Prise GeborgenheitFoto-Quelle: Grace Winter/www.pixelio.de

Eine Prise Geborgenheit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Seit zwei Jahren nun wohnt Vincent in der Großstadt. Er lebt sehr zurückgezogen, Freunde hat er nicht. Vom Charakter her sei er schwierig, meinen viele und sehr unzugänglich ohnehin. Es muß wohl an seiner nicht sehr rosigen Kindheit liegen, meint er, so ganz für sich. Menschen machen ihm eher Angst und Vertrauen, das hat er nie gelernt.

Hier, im dritten Stock des großen Mietshauses, lebt er in der Anonymität der Großstadt und diesen Umstand begrüßt er ganz besonders, hat er doch hier Ruhe, vor den Menschen und überhaupt. Abends jedoch, wenn er, nach getaner Arbeit, so gegen 19 Uhr sein nicht sehr fantasievolles Abendmahl, dass vorwiegend aus chinesischen Tütensuppen zu bestehen scheint, beendet hat, nimmt er einen Stuhl und setzt sich ganz nahe ans Fenster. Das große Deckenlicht hat er ausgeschaltet, nur die kleine Leseleuchte in der Ecke spendet ein spärliches Licht. Er schaut, wie allabendlich hinunter, zum Haus gegenüber.

Unten ist alles hell beleuchtet und er kann von hier oben direkt in eine sehr moderne Einbauküche sehen. Vor einer terracottagestrichenen Wand eine Eckküche, mit einem glänzendem Ceranfeld, das in die Kochzeile eingelassen wurde. Zur linken Seite ein silberner Kühlschrank, so silbern wie auch das blinkende Waschbecken. Vorne, auf der Fensterbank in der Ecke, eine Grünpflanze und überall warmes Licht, welches die gesamte Küche blinken und blitzen lässt. Vor dem Herd steht ein Pärchen und vor ihnen dampfende Kochtöpfe mit durchsichtigen Glasdeckeln. Wie jeden Abend, so um 19 Uhr herum, kochen sie zusammen. Es scheint ein glückliches Pärchen zu sein, denn sie lachen sich an und scheinen sehr viel Spass am gemeinsamen Kochen zu haben. Er holt Zutaten aus dem Kühlschrank und sie rühren gemeinsam um, schmecken ab. Heute gibt es Stampfkartoffeln, wie er sieht. Mit einem Kartoffelstampfer stampft er die Kartoffeln im Topf. Sie schiebt eine Auflaufform in den Ofen. Kochend scheinen sie durch die Küche zu gleiten, in routinierter Leichtigkeit. Danach schnippelt er Gemüse auf einem Acrylbrett, während sie für einen Moment verschwindet, um dann mit dem Baby auf dem Arm wieder zu kommen. Das Baby, einige Monate alt, bekommt von ihm einen Kuss auf die Wange, während er ihr das Kind abnimmt. Er wiegt es in seinen Armen, sie lachen und scherzen.

Und oben sitzt er, Vincent, starrt wie gebannt auf diese Idylle, kann seinen Blick nicht lösen davon. Auch in die Wohnung daneben kann er sehen. Ein riesiges Bücherregal, sauber gewienertes Parkett, ein flauschiger, hochflooriger Teppich. Die Frau kommt mit einem Staubsauger, saugt, während das Baby daneben auf allen Vieren über den Teppich krabbelt. In der Küche nebenan steht ihr Mann, mit einer riesigen Pfeffermühle in den Händen und würzt das, was auf dem Herd dort köchelt nach. Und Vincent saugt alles in sich auf, kann nicht aufhören zu beobachten. Wie ein Voyeur kommt er sich vor, der sich mental an ihrem Glück berauscht. Er sieht sich satt an ihren Stampfkartoffeln und an ihrem Glück, ihrer Einbauidylle. Und während sich die Frau in der Wohnung daneben behutsam die Topflappen über die Hände streift, um den Auflauf aus dem dampfenden Rohr zu nehmen, kämpft Vincent mit seiner Traurigkeit, die ihn urplötzlich befällt. Wie es dort dampft und stampft und küsst und wiegt! Und plötzlich sehnt er sich auch nach gestampftem Glück und in Küchenzeilen eingelassenes Lächeln, das vor Sauberkeit strahlt. Es hungert ihn nach flauschigen Teppichen und glitzernden Waschbecken. Und wie sie schweben, glücklich gemeinsam schweben durch ihre blitzende Küche! Und wie sie rühren, ihn rühren. Und dann stampfen sie wieder, stampfen alles ein. Seine Gefühle stampfen sie zu Püree. In seinem Kopf drehen sich die Gedanken wie in einer Pfeffermühle. Er schiebt ihr Leben in sich rein, weil es sich so warm anfühlt. Geborgenheit, nur eine Prise Geborgenheit, liebevoll angebraten, jeden Abend um 19 Uhr, vielleicht ist es das, was mir so sehr fehlt, denkt er sich.

Foto: Grace Winter/www.pixelio.de