Wer hat Angst vor`m schwarzen Mann?
Wer hat Angst vor`m schwarzen Mann?Foto-Quelle: angieconcious/www.pixelio.de

Wer hat Angst vor`m schwarzen Mann?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Lilli sass in der warmen Wohnküche am Boden und spielte mit ihren Bauklötzen. Es fehlte nur noch das Tor, dann war ihr kleines Schlösschen fertig. Während sie nach den passenden Holzklötzen suchte, hörte sie unten an der Treppe die laute, polternde Stimme, die ihr wohlbekannt war:" Hallo, der Schornsteinfeger ist da!" Flink wie ein Wiesel erhob sie sich, wobei sie über das gerade fertig gestellte Schlösschen stolperte, das mit einem lauten Klackern einfiel und sauste unter den Küchentisch. Gebückt in der Hocke verharrte sie dort regungslos.

Die Schritte über die Stufen kamen näher und nach einem lauten Klopfen wurde die Türe aufgerissen. Groß, breit und schwarz wie die Nacht stand der Schornsteinfeger im Türrahmen. Die Pflegemutter bat ihn herein und forderte ihn auf, am Küchentisch Platz zu nehmen. Es war das übliche Ritual, der Kaminkehrer bekam erst einmal einen starken, schwarzen Kaffee, bevor er sich an die Arbeit machte.

Mit einem lauten Ächzen liess sich der Koloss auf der schmalen Holzbank nieder, wobei die Bank unter seinem massigen Gewicht bedenklich schwankte und quietschte.

" Wo ist denn meine kleine Prinzessin heute?" Mit diesen Worten beugte er sich nach unten und schnappte mit seiner wulstigen Pranke Lilli am Kleidchen. Mit einer Hand zog er das Fliegengewicht empor, auf seinen Schoß. "Na, mein kleines, blondes Engelchen? Du wolltest dich doch nicht etwa vor dem Onkel Schornsteinfeger verstecken?" Ängstlich, mit groß aufgerissenen Augen, starrte Lilli in das schwarze Gesicht des Mannes. Sie wollte nicht auf seinen Schoß! Sie hasste es, wenn er an ihrem luftigen Kleidchen herumfingerte. Sie konnte auch sein "Hoppe, hoppe Reiter" nicht ausstehen, bei dem er sie jedes Mal mit hartem Griff an seine Oberschenkel presste! Auch, dass er mit seinen schwarzen, dicken Fingern schon mal unter ihr Kleidchen geriet, machte ihr Angst.

Unbefangen, lustig und mit lauter Stimme plauderte er indessen mit Lilli`s Pflegemutter, die nicht mitzubekommen schien, was seine Hände trieben. Sie meinte hingegen, jedesmal, wenn er das Haus verlassen hatte, welch großes Herz für Kinder der stattliche, kräftige Mann hätte und man ihm das gar nicht zutraute, wo er doch so ein grobklotziger, starker Bär sei.

Lilli bemerkte mit Erleichterung, dass sein Kaffeetasse fast leer war und zappelte unruhig auf seinem Schoss hin und her. Endlich setzte er sie auf der Bank ab und Lilli verschwand in Windeseile wieder unter dem Tisch. Nun sah sie nur noch seine großen Füsse, die in klobigen, schwarzen, hohen Schuhen steckten und nach Russ und Öl rochen. Während er sich erhob, wehte noch eine Brise Schweiß in ihre Richtung. Erleichtert verfolgte sie mit den Augen, wie er die kleine Küche verließ, um sich endlich an die Arbeit zu machen.


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