Luc und Marthe (12) - Blaue und graue Tage
Luc und Marthe (12) - Blaue und graue TageFoto-Quelle: Lupo/www.pixelio.de

Luc und Marthe (12) - Blaue und graue Tage

Beitrag von wize.life-Nutzer

Als Luc die kleine Bäckerei in der Rue Merciere betrat, war es wie an jedem Morgen. Etwas umständlich kramte er seinen zerknitterten Zettel hervor und las der Verkäuferin vor, was Marthe ihm in ihrer akkuraten Schrift aufgeschrieben hatte: 3 Croissants, 1 Baguette und 2 Mohnbrötchen. Isabelle, die freundliche Verkäuferin, verstaute alles, wie an jedem Morgen, in den kleinen, blauen Stoffbeutel, den Luc ihr lächelnd reichte. Nachdem er das Geld abgezählt auf den Tresen gelegt hatte, verließ er nach einem freundlichen "Au revoir, Mademoiselle", den Laden.

Er trat auf die enge Gasse hinaus, bei strahlendem, wolkenlosem Himmel und sah sich um. Weit und breit war noch kein Mensch zu sehen und viele der hölzernen Fensterläden waren noch fest geschlossen. Luc sah nach links, dann nach rechts und grübelte, aber so sehr er sich auch bemühte und nachdachte, er wußte einfach nicht mehr in welche Richtung er laufen sollte, um nach Hause zu gelangen. Nun zitterte er am ganzen Körper und der Schweiß trat ihm auf die Stirn. In ihm schien alles grau, selbst die Bläue des Himmels schien merklich zu verblassen und die Angst schnürte ihm fast die Kehle zu. Er schlurfte ein paar Schritte in die linke Richtung, um sich dann schwer atmend auf der Parkbank niederzulassen, die etwas im Schatten stand. Achtlos legte er den blauen Stoffbeutel neben sich, während ihm die Tränen über die runzeligen Wangen liefen. Hier saß er nun, ein großer, stattlicher Mann und weinte wie ein ängstliches, hilfloses Kind.

So fand ihn Mademoiselle Gabrielle, eine junge Frau aus seiner Nachbarschaft, die sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befand. "Bonjour, Monsieur Luc", begrüßte sie ihn und sah gerade noch, wie er sich die letzten Tränen aus den Augen wischte. Befremdlich sah er sie aus seinen großen, braunen Augen an. "Ich bins, Gabrielle! Ich wohne doch nur zwei Häuser weit von ihnen", plapperte sie weiter. Plötzlich erhellte sich das Gesicht des alten Mannes. "Ah, Mademoiselle Gabrielle, schön sie zu sehen! Mir muß etwas ins Auge gekommen sein. Würden sie so freundlich sein und mich ein Stück nach Hause begleiten?" Gabrielle erklärte sich sofort dazu bereit, gab ihm den Stoffbeutel in die Linke und hakte sich in die Rechte bei ihm ein. So führte sie ihn langsam den kurzen Weg nach Hause. Am Gartentor verabschiedete sie sich freundlich von ihm, der ihr dankbar den Arm tätschelte, bevor sie eilig in die gekommene Richtung entschwand.

Bedächtig schloss Luc das kleine Tor des Vorgartens. Jetzt kannte er sich wieder aus und alles war ihm vertraut. Als er die hölzerne Haustüre aufsperrte und in den Flur trat, roch er schon das altgewohnte Aroma starken Bohnenkaffees, welches aus der anliegenden Wohnküche strömte. Marthe erwartete ihn voller Ungeduld, da sie sich schon seines langen Ausbleibens wegen sorgte. Mit einer unwirschen Handbewegung tat er ihre Fürsorge ab und erklärte ihr, dass er nur etwas ins Auge bekommen und sich daher etwas verspätet hätte. In ihm drinnen jedoch sah es ganz anders aus und das erste Mal in seinem Leben machte er sich ernstlich Gedanken, wie es wohl weiterginge mit ihm und seinem neuen Problem, Dinge ganz einfach zu vergessen. Und während die Sonne draußen vom blauen Septemberhimmel strahlte, wünschte er sich, dass die grauen Tage nicht übermächtig sein Leben mit Marthe überschatten würden.


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