Über den Gipfeln ist Ruh`
Über den Gipfeln ist Ruh`Foto-Quelle: Rainer Sturm/www.pixelio.de

Über den Gipfeln ist Ruh`

Beitrag von wize.life-Nutzer

Noch einmal steige ich den schmalen, steilen Weg empor, den Rucksack geschultert, wie damals. Wie oft ich ihn gegangen bin, als Kind, weiß ich nicht mehr zu sagen. Ich liebte diese einsamen Spaziergänge am frühen Morgen, so ganz alleine. Angst kannte ich nicht und alleine war ich gerne. So konnte ich meinen Gedanken nachhängen, die Stille der Natur geniessen und meine Träume auf die Reise schicken.

Hier und da bücke ich mich und hebe einen taunassen Tannenzapfen vom Boden auf. Ich halte kurz das feuchte Gebilde an die Nase und atme diesen unvergleichlichen Duft tief ein, bevor ich es in meinem Rucksack verstaue. Endlich bin ich am Gipfel angelangt. Ich muss lächeln, damals war der Aufstieg weniger beschwerlich. Doch nun habe ich es geschafft und jetzt liegt er vor mir, der Tannenwald, friedlich und ruhig. Nur ein schwaches Ächzen ist zu hören, hoch oben, in den Wipfeln, wenn der Wind an den Spitzen rüttelt. Weit breite ich meine Arme aus und blinzle hinauf, in den weiten Himmel. Fast hatte ich vergessen, wie schön es hier oben ist! Doch jetzt ist alles wieder da, ganz nah. Und wie damals umarme ich die schönste grüne Tanne und reibe meine Wange an ihrer rauhen Rinde. Zärtlich streichen meine Finger über das duftende Holz. Wie oft habe ich dich damals umarmt und dir meine geheimsten Gedanken zugeflüstert. Wie oft habe ich an deiner Rinde geweint, wenn mich die ganze Welt nicht zu verstehen schien.

Nach ein paar Schritten bin ich an meinem Lieblingsplatz angelangt, dem höchsten Punkt der Kiesgrube. Hier war und ist der schönste Ausblick über das ganze Land. Ich setzte mich, wie damals, an den Rand der tiefen Schlucht und geniesse diesen stillen Ausblick. Hoch am Himmel zieht ein Milan majestätisch seine Kreise.Ganz in der Ferne pocht ein Specht und noch etwas weiter höre ich gedämpft das Schlagen der Äxte der Holzarbeiter. Sonst ist alles ringsherum völlig still. Behutsam streichen meine Hände über den grünen Teppich aus Moos. Ganz unten dampft der 8.20 Uhr-Zug vorbei, mit kurzem, hellem Tuten, bis auch er wieder verschwunden ist.

Und noch einmal schließe ich die Augen, atme tief den satten Duft aus feuchter Erde und grünen Tannen, lasse mich noch einmal verzaubern von der Stille dieser unberührten Natur,bin noch einmal das kleine, abenteuerlustige Mädchen, welches das Träumen bis heute nicht verlernt hat.


Foto: Rainer Sturm/www.pixelio.de