Eine griechische Hochzeit
Eine griechische HochzeitFoto-Quelle: xiropotamos

Eine griechische Hochzeit

Beitrag von wize.life-Nutzer

[ü][/ü] Da saßen wir nun also im Flieger, ein paar Kommilitonen meiner Tochter, die den selben Flug nach Griechenland gebucht hatten, mein Mann und ich. Auch das Ziel war das selbe. Wir flogen alle zu meiner Tochter und ihrer griechischen Hochzeit.

Sie hatte sich ein paar Tage vorher mit Babis hier "getraut", aber die neue Schwiegermutter bestand auf einer orthdoxen Trauung. Nun ja , kirchlich eben, wie bei uns. Das kann man ja noch nachholen. Kein Problem. Dachten wir.

Als uns der Kurier die Eilunterlagen brachte, sahen wir erst einmal schwarz. Da stand zu wissen und lesen, sie verlangten in Griechenland für die Trauung einen Nachweis, dass Christiane unverheiratet und ledig sei. In Griechenland gilt die kirchliche Trauung und dort benötigt man dann diesen "Unbescholtenheitsnachweis" Nun, unbescholten war sie noch immer, aber eben verheiratet. Sie hat es dann fertig gebracht, am Freitagnachmittag einen Notar aufzutreiben, der beglaubigte, dass der Ehemann der selbe, wie der in Griechenland zu heiratende, sei, und sie brachte es auch noch fertig, einen staatlich anerkannten Übersetzer zu finden, der das alles dann auch noch ins Griechische brachte. Und das alles in der Urlaubszeit!

Dass sie in diesen Vorbereitungen Babis hübschen weißen "Snow" auf dem Heimweg schrottete , sei nur am Rande erwähnt. Ich selbst hatte es gerade noch rechtzeitig zur Hochzeit aus der Klinik nach Hause geschafft. In einer vielstündigen OP hatte man mir eine fingrig zwischen alle Darmwindungen gewucherte Zyste entfernt, was zusammen eine Wundfläche von ungefähr einem Dreiviertelquadratmeter ergab, wie mir der Arzt später einmal vorwarf . Christiane war auf dem Rückweg von Karlsruhe, wo sie ihre Diplomarbeit abzugeben hatte, bei mir hängen geblieben, um bei mir den ganzen Tag zu putzen. Ein dolles Mädchen ! Nachts, kurz, nachdem sie hier abgefahren war, kam dann der klägliche Anruf : " Papa, könntest Du.... Unfall...."

Nun, der Snow war hinüber, Babis trug es nicht nur wie ein Mann, sondern lächelnd schließlich als Bräutigam , die Trauung war vorüber und der Kurier zurück nach Griechenland. Auch das Paar befand sich mittlerweile schon dort, um die griechische Hochzeit vor zu bereiten. Wir waren die Nachhut.

Dann war es endlich soweit. Das Haus brummte. Leute kamen und gingen, luden Geschenke ab und blieben. Eine griechische Hochzeit ist nicht zu vergleichen, mit einer hiesigen. Nun, vielleicht noch auf dem Land. Wir hatten uns in die oberen Räume des Hauses zurück gezogen , harrten der Dinge ,die da kommen sollten und bewunderten die Gelassenheit, mit der Christiane und Babis das fünfundzwanzigste Frappé-Service und die dreißigste Servierplatte begutachteten.
Dann war die Friseuse abgezogen, der letzte Knopf an Babis Anzug versetzt. Ich hatte meiner Süßen ins Brautkleid geholfen und ihr meinen selbst gefertigten Schleier aufgesteckt. Unten auf der Strasse formierte sich das Dorf zum Brautzug.

Alles erwartete nun, dass die Braut die Treppen hinab käme. Stattdessen , große Aufregung. Der Brautschuh war weg, der Vater musste ihn erst auslösen. Dann erschien sie. Ein Ah! und Oh! in der Menge. Man führte sie zur kranken Großmutter. Die hatte man eigens auf die Strasse gebracht , damit sie Christiane den Familiengoldschmuck überreichen konnte. Zwei Tage später würden wir die Sprengungen hören, mit der man der alten Frau das Grab in den steinigen Grund grub.

Aber erst ging es nun hier weiter. Die Musikanten stellten sich auf, begannen zu spielen. Danach die Kinder mit den Riesentabletts voller hübsch verpackter Süßigkeiten, die unterwegs verteilt würden. Dann zwei junge Mädchen , welche die schweren Ständer mit den riesigen, meterlangen Kerzen in die Kirche trugen, dann....wir.

Wir, das waren einmal Babis, den zwei seiner Freunde fest untergehebelt hatten, damit er nicht im letzten Moment entfleuchte, oder ob der derart gestützt werden mußte,um diesen schweren Gang zu überstehen, sei dahin gestellt. Nach diesen Dreien folgte die Braut. Sie wiederum, wurde von uns, ihren Eltern, liebevoll links und rechts geführt. Nun hatten aber die beiden Burschen, welche Babis gehenkelt hatten, jeweils die außenliegenden freien Arme in die Hüften gestützt und in den Händen ein Spitzentüchlein, neckisch am Zipfel gehalten. Dies Tüchlein, bedeutete man uns, sollten nun wir hintendran fest fassen, damit nichts mehr dazwischen geraten könne, zwischen diese hochzeitliche Sechserformation. Hinter uns schritten die Cumbaro´s, Babis Paten, die man später am Altar sowieso brauchen würde, dann seine Eltern, Christianes Kommilitonen und Babis Freunde, danach das Dorf.

Mittlerweile zeigte die Uhr auf 18:00 Uhr und das Thermometer auf für uns Germanida´s immer noch unerträgliche 32° . Es war "gefallen" (!)

Und nun gings los . Unsere Sechsereinheit im Stechschritt,und das in feinen Stöckelschuhchen über hoppelige, steinige Wege. Nein, damals gab es noch kaum eine schön geteerte glatte Strasse dort . Es war ein Bergdorf am Fuße des Falakrongebirges. Nun gut. Bald würden wir ja in einer hoffentlich kühlen Kirche sitzen können. Aber immer, wenn ich eben die Kirche in erreichbarer Nähe sah, war sie wieder verschwunden und tauchte , oh Schreck, hinter mir wieder auf. Christiane lispelte mir zu: "Mami, lächeln ...!" Und Mami lächelte. Trotz blödsinnigem OP- Wundschmerz und quälend strammgezogenem Bauchverband. Nein , Mami lächelte und nickte wie erfreut in alle Richtungen. Queen Mum konnte es kaum besser machen . Aber irgend wann fragte ich ein Mädchen, welches neben mir den Zug begleitete, fast verzweifelt: "Eben waren wir doch schon nahe an der Kirche. WO IST SIE JETZT ????" Da strahlte mich dieses Kind an und erwiderte: "Ach weißt du, unsre Braut ist so besonders schön. So eine haben wir nicht alle Tage. Da sind wir noch paar Umwege mit ihr gegangen....."

Dann endlich waren wir an der Kirche. Der Pápá (Pope) erwartete uns und nahm das Paar an ihren zusammen gelegten Händen und zog sie hinter sich her bis vor den Altar. Die Masse folgte. Gruppierte sich hautnah drum rum . Was? Nicht sitzen? Du lieber Augustin, wie sollte ich das bloß durchstehen?

Die Predigt begann. Jeder Satz schien sich sechs Mal zu wiederholen und endete immer mit so etwas, wie "semun". Das wiederholte sich allerdings sehr häufig. Dies konnte ja heiter werden und lausig lange. Endlich begriff ich. Er sagte alles einmal für den Bräutigam und zwar einmal für den Vater, einmal für den Sohn und einmal für den heiligen Geist. Dann wandte er sich an Christiane und wiederholte jeden Satz ebenfalls dreimal . Nachdem ich das Prinzip der Predigt erfasst hatte, sah ich mich etwas um, ich verstand ja eh nichts.

Diese orthodoxen Kirchen sind wunderschön, aber meist etwas zu dunkel, um Feinheiten zu erkennen und so beschloss ich , mich in Geduld zu üben. Später würde der Papa unter Absingen einer Litanei , ein wunderschönes , zuvor innig geküsstes, goldenes Buch, aha, die Bibel, an die schmale Brust gedrückt , das Paar an den zusammen gelegten Händen wieder im Schlepptau hinter sich herziehend, um den Altar herum kreisen. Der Cumbaro würde mit den Corona´s (Coronen ) folgen, eifrig bemüht , sie über den Köpfen der Beiden im Schweben zu halten und das Schritttempo dabei mit seinen langen Beinen an zu passen, um ihnen nicht auf die Füße zu latschen

Danach würden die Beiden mit allem Möglichen bestückt, besteckt werden ist besser. Babis mit Geldscheinen, Christiane mit Schmuck und Geld. O-Ton später von Christiane "Also der, der mir den ersten Schein an den Busen nadelte, tat sich schon etwas schwer, ich mich auch......" Noch später würden sich dann die Eltern am Ausgang postieren, um Hunderte von Händen zu schütteln zu haben. Ich solle "Efcharisto" dabei sagen. Nachdem meine Hand bereits lahm geschüttelt sein würde, würde ich dennoch mein Efcharisto sagen , es brummen, flüstern, hauchen , lispeln, trällern, in Tonlagen von Dur bis Moll, stakato, adagio,lento, lentano, jedem nach Art und Weise seines Grußes entsprechend. Bei ungefähr drei - vierhundert Händen gibt es da schon einige Möglichkeiten-

Die Nacht würde dann mit fröhlichem Tanz und ausgiebigem Gelage durch gefeiert werden. Jaane würde ihr Hochzeitskleid und den Schleier gegen ein bezauberndes, bei jedem Schritt fröhlich schwingendes Tanzkleidchen austauschen. Babis würde stolz seinen Tanz tanzen, und Wolfgang, mein Göttergatte, seinen " germanischen Bärentatzentanz" kreieren, der ihm viel Beifall und bei den Männern viel Anerkennung brachte.

Aber noch waren wir hier in der Kirche. Die Hitze lastete noch immer ununterbrochen. Die Zunge
klebte mir am Gaumen. Ich hatte Durst. Auf dem Altar stand indessen ein Glas Wein . Auch Christiane schien durstig. Bildete ich es mir ein? Ihre Augen schienen inzwischen rotglühend zu sein , sooft sie begehrlich auf das Glas blickte . Dies geschah immer öfter. Als der Papa ihr dann das Glas hinhielt, damit sie einen Schluck nähme , hielt sie es mit den Lippen eisern fest , beugte sich darüber und trank es halb aus . Au weia ,ob das gut war?

DIe Schwüle war fast unerträglich, nahm in der Dunkelheit Höhlencharakter an. In den Händen der Frauen waren überall Fächer aufgetaucht, wurden hierhin und dorthin gefächelt, fächelten zwitschernd zu Babis , fächelten zu Jaane , und zu ihren Männern. Ich hatte keinen. Keinen Fächer. Aber ich hatte einen Mann. Suchend sah ich mich nach ihm um. Da stand er in der Dämmerung und glänzte. Ganze Ströme Schweiß rannen ihm übers Gesicht. Nun, einen Fächer hatte ich nicht. Aber ein Tempotaschentuch gewiss. Ich fummelte in meiner Handtasche und fühlte etwas Weiches. Nahm es und tupfte über Wolfs Gesicht. Allerdings mehr nach Gefühl als nach Sicht, während ich versuchte , den Blick auf das Geschehen zu konzentrieren.

Der Papa war faszinierend. Ein kleiner älterer Mann. Er hatte graues welliges , langsam schütter gewordenes Haar. Das hatte er am Hinterkopf zu einem dünnen Schwänzchen geflochten und senkrecht nach oben festgesteckt. Dazu trug er über schwarzem, langem
m Kleid ein weißes, spitzengesäumtes, artiges Kittelschürzchen . Wie nannte man das? War das
nun ein Talar, oder ein Scapular , oder war er schlicht im Ornat? Na egal. Allerdings, er schien nicht zu schwitzen. Wolf fiel mir ein . Ich schaute mich nach ihm um und drehte mich träg wieder weg, um im gleichen Moment, wie von der Tarantel gestochen zurück zu fahren und genauer hin zu sehen. Mich rührte fast der Schlag und vergebens wartete ich auf das Donnerwetter oder den Trommelwirbel, oder den Paukenschlag, mit denen solche Auftritte im Theater einher gingen. Da stand er piekfein, in Designeranzug und - schuhen, aber im Gesicht wie Neptun aus der Entengrütze. Grüne Flocken und Flöckchen zierten seinen in der Hitze sprießenden Bart. Bedeckten sein Gesicht. Hatten sich aufgelöst und waren hängengeblieben. Nein, ich hatte kein Tempotaschentuch erwischt. Es war eine alte grüne Papierserviette.....gewesen....

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