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Handwerk
HandwerkFoto-Quelle: eigene Aufnahme

Ein einfaches Leben

Von wize.life-Nutzer - Montag, 13.10.2014 - 18:03 Uhr

1. April 1931.
Endlich selbständig, der 25jährige Walter Koch geht durch sein Elternhaus. Es steht in einem kleinen Dorf in Lippe. Sein Vater und er haben in dem Zweifamilienhaus eine Schuhmacherwerkstatt eingerichtet. Nachdem er das Handwerk drei Jahre gründlichlernte und nach der Lehre noch 8 Jahre in verschiedenen Werkstätten arbeite, erfüllt sich für den jungen Mann ein lang gehegter Traum. Es gibt sogar ein kleines Schaufenster. Drei Paar neue Schuhe stehen dort, die er selbst überaus sorgfältig gearbeitet hat. Ein Paar blaue Kinderschuhe, für Mädchen oder Jungen geeignet. Ein Paar schwarze feste Männerschuhe Grösse 42, für die Arbeit gemacht. Das schönste sind die Damenschuhe aus feinem weißen Leder in Grösse 38. Sie glänzen sogar mit einem etwas größeren Blockabsatz. Mit einem feinen Staubtuch putzt er sie blitzblank.

Wenn man bedenkt, dass es in der Kirchengemeinde nur ca. 1 000 Einwohner, und es außer ihm noch 3 Schuhmacher gibt, weiß man dass er ein Optimist ist. Gut dass Mutter und Vater noch die kleine Landwirtschaft haben, die soviel aufbringt, dass sie die drei Menschen, zwei Schweine und die Ziege ernährt. Gut ist auch, dass die Lipper sparen nicht lernen müssen, sondern es im Blut haben.
Der erste Kunde ist ein Vetter, der seine alten Arbeitsschuhe besohlen lässt. Nach und nach spricht es sich herum, dass Walter gute und günstige Arbeit abliefert. Die richtige Frau findet er im CVJM. Lina und ihre drei jüngeren Schwestern bringen richtig Schwung in sein Leben. Ach, wenn es immer so bleiben würde. 1935 wird ein Sohn geboren. Das Glück dauert nur 4 Jahre, dann kommt der Krieg. Die Werkstatt wird geschlossen. Die kostbaren Ledervorräte werden gut weg gelegt, sie sind sein Vermögen, dass er sich durch bescheidene Lebensführung gespart hat.

Nach der Grundausbildung bei der Wehrmacht, zieht er mit seiner Kompanie nach Russland. Der Versorgungstross ist immer 10 Kilometer hinter der Front. Es gibt dort auch eine Schuhreparaturwerkstatt. Dorthin wird Walter abkommandiert. Er repariert wieder Schuhe und Stiefel. Viele Kameraden mit denen er sich angefreundet hat, kommen nicht zurück. In schlaflosen Nächten dankt er seinem Herrn, dass er nicht an die Front geschickt wird und auf Menschen schießen muß. Trotzdem ist ihm klar, dass auch er ein (wenn auch winzig kleines) Teil dieser gewaltigen Tötungsmaschinerie ist. Seine Lieben zu Hause erhalten heimwehkranke Briefe aus dem fernen Land. Von den russischen Städten sieht er nicht viel. Der Diktator, der ihn aus seinem Leben gerissen hat, ist ihm verhasst. Aber dass man der Obrigkeit gehorchen muß, hat er von Kindesbeinen an gelernt.

1945 kommt er in russische Kriegsgefangenschaft. Was macht er dort? natürlich wieder Schuhe reparieren. Alle Schuhe sind kaputt. Als die Russen merken, was er da macht, bekommt er manchmal auch Leder oder Filz und etwas Nähmaterial. Sein Lohn ist dann Brot, Fische oder ab und zu ein Ei. Trotzdem wird er nie satt, genau wie seine Mitgefangenen. Nach 3 Jahren wird der 1.80 Meter grosse Mann entlassen. Er wiegt noch 49 Kilogramm, aber er lebt.

Völlig entkräftet kommt der Spätheimkehrer zu Hause an. Die ersten Wochen sind ein Kampf zwischen Leben und Tod. Nach 6 Monaten hat er den Kampf gewonnen. Und wieder sind es Schuhe, die ihn retten seinen tiefen Depressionen zu entkommen. Die Worte "psychologische Betreuung" sind noch vollkommen unbekannt.
Wenn er auf seinem Dreibein sitzt, einen Schuh in der Hand ist er zufrieden und glücklich. Jeder der kommt, Schuhe bringt oder abholt muß sich zu ihm setzen. Es ist als klebt man auf dem Besucherstuhl fest. Walter kann wunderbar zuhören. Es wird erzählt und erzählt und plötzlich ist eine Stunde um. Jeder geht mit einem guten Gefühl nach Hause.
An der Wand ist ein Regal. Auf den unteren Brettern stehen die privaten Schuhe, natürlich immer pikfein geputzt. Dann Kundenschuhe die noch auf neue Sohlen oder Absätze warten. In Augenhöhe stehen die fertigen, mit der Ausputzmaschine auf Hochglanz gebrachten, zum Abholen bereit. Dann kommt es schon mal vor dass Lina aus der Küche kommt um ihm Kaffee zu bringen. Ihre Augen werden groß: "Oh Walter, wem gehören denn die schönen Pumps?" "Ach du kennst doch Wilhelm`s Frau, die hat Schuhgrösse 36. Das sind Salamander Schuhe. Pump`s in dieser kleinen Größe muß man immer vorbestellen. Das Weib hat einen Schuhtick. Im Frühling und im Herbst kauft sie neue Salamander Schuhe. Die brauchst du dir nicht zum Vorbild nehmen." Lina dachte: Na mal sehen ich habe zwar Schuhgrösse 40, aber neue Sommerschuhe will ich mir in diesem Jahr auch kaufen.

Die Jahre vergehen. In der Stadt öffnen immer mehr neue Schuhgeschäfte. Das Kaufverhalten der Menschen ändert sich radikal. Manches Paar Schuhe wird vorzeitig entsorgt wenn die Absätze schief sind, oder eine neue Mode aufkommt. Na gut, er hat schlimmeres erlebt. Der Traum von handgenähten Schuhen ist ausgeträumt. Kunden, die derartige Luxus Wünsche haben gibt es auf dem Dorf nicht. Seine Ansprüche sind immer noch bescheiden. Urlaub in einer günstigen Pension im Harz oder mal einige Tage an der Nordsee reichen ihm vollkommen. Im Garten hilft er seiner Frau beim Ernten von allen Beerensorten, Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfeln. Freunde und Bekannte kaufen das "Bio" Obst gerne. Inzwischen hat er sogar drei Enkelkinder. Ehrensache dass deren Schuhe immer gerne kostenlos repariert werden. Zu Geburtstagen bekommen sie oft neue Schuhe geschenkt. Nach dem Tod seiner geliebten Lina lebt er noch 9 Jahre. Er stirbt im Alter von 91 Jahren.

Nun Jahre später kann man die Einrichtung seiner Schuhmacherwerkstatt, mitsamt der alten Ausputzmaschine im Museum der kleinen Stadt besichtigen. Alles ist noch dort. An Besichtigungstagen haben manche Menschen die ihn kannten ein Gefühl, als ob Walter Koch mißbilligend auf die Turnschuh-Generation herab blickt. Seine sechs Urenkel gehören auch dazu.

9 Kommentare

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Liebe Marga,
eine wunderschöne Geschichte, ein Stück Geschichte, sehr gut zu lesen und interessant. Danke!
ich bedanke mich auch für deine Beurteilung. Liebe Grüsse
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Hallo Marga, bin heute auf Deine Geschichte aufmerksam geworden. Eine bestimmt wahre Lebensgeschichte, vielleicht sogar von Deiner Familie, so gut wurde es geschildert, sehr guter Beitrag.
Etwas ist mir aufgefallen, ;Linda wollte sich eventuell Sommerschuhe kaufen ? Ihr Mann hätte die Schuhe ihr doch bestimmt gern selbst angefertigt.LG Günter
Hallo Günter, auf deinen Kommentar habe ich schon gewartet. Ja, es war mein Schwiegervater und bei dem Thema Schuhe mußte ich einfach über ihn schreiben. Zu deiner Frage: ich glaube nach dem Krieg hat er keine mehr selbst gefertigt. In der Schuhgroßhandlung bei der sein Leder bezog, gab es schöne Schuhe einfach billiger. Liebe Grüsse Marga
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Liebe Marga, das hast Du sehr schön geschrieben, eine Lebensgeschichte und die auch noch wahr ist. Für Euere Familienchronik sehr wertvoll, wunderbar. Liebe Grüsse Eva
Danke, Eva ich hoffe auch, dass unsere Kinder sich darüber freuen. Liebe Grüsse Marga
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Liebe Marga, deine Geschichte zeigt sehr anschaulich den Schuh u. die Schuhmacher im Wandel der Zeit. In unserer Kleinstadt gab es auch eine solche Werkstatt. Der Schuhmacher hatte zusammen mit seiner Frau auch einen kleinen Laden betrieben. Die Auswahl war nicht groß, aber weil ich meine reparaturbedürftigen Schuhe immer dort machen ließ, habe ich auch immer wieder, wenn möglich, neue Schuhe dort gekauft. Dann kam die Reparaturannahmestelle im Kaufhaus u. eines Tages war die kleine Schuhmacherwerkstatt verschwunden, was ich sehr bedauert habe, denn die Qualität der Reperaturen war dort um ein Vielfaches besser.
Ich nehme mal an deinen Schuhmacher gab es wirklich?
Eine schöne, aber auch traurige Geschichte.
Lieben Gruß
Ursula
Ja, Ursula - bei dem Thema Schuhe musste ich einfach über meinen Schwiegervater schreiben. Mein Mann war nach einigen Überlegungen auch einverstanden.
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