Luc und Marthe (13) - Sehnsuchtsschneckchen
Luc und Marthe (13) - SehnsuchtsschneckchenFoto-Quelle: Paul-Georg Meisterwww.pixelio.de

Luc und Marthe (13) - Sehnsuchtsschneckchen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war am Nachmittag des Heiligen Abends. Marthe sass in dem gemütlichen, kleinen Wohnzimmer auf dem Sofa. Die Beine, die vom langen Stehen in der Küche geschwollen waren, hatte sie hochgelegt. Schon um die Mittagszeit hatte Luc den kleinen Ofen beheizt, so dass jetzt, am Nachmittag, das Feuer munter prasselte und das Zimmerchen mit behaglicher Wärme versorgte. Zu dieser Zeit war Luc noch oben im Schlafzimmer, um sich zurecht zu machen für den bevorstehenden Abend.

Neben Marthe, auf dem kleinen Tischchen, stand eine dampfende Tasse heißen Hollunderblütentees, aus dieser sie vorsichtig nippte. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und dachte nach. Noch ganz genau konnte sie sich erinnern, wie Weihnachten in früheren Jahren für sie war. Es kam so selten vor, dass sie gemeinsam den Heiligen Abend verbringen konnten, da Luc meistens gerade an diesen Tagen Dienst hatte, damals, als er noch arbeitete. Eigentlich war sie es ja gewohnt, dass sie an solchen Tagen oft alleine war, aber manchmal, da überkam sie doch eine tiefe Sehnsucht nach Zweisamkeit. Wer war an einem solchen Tag schon gerne allein? Wenn es dann besonders schlimm wurde, ging sie in die Küche und fing an sie zu backen, die Sehnsuchtsschneckchen. Es waren kleine Hefeschneckchen, die sie dann buk, mit Rosinen im Innern und einer Zucker-Zitronenglasur obenauf. Es war eine Marotte von ihr, doch liess sie das Backen die lange Wartezeit, bis Luc endlich nach Hause kam überbrücken. Sie nippte erneut am heißen Tee und lächelte. Ob Luc es noch wusste?

Auf dem Tischchen, neben der Teetasse, stand eine Schale mit leckeren, selbstgebackenen Plätzchen. Obenauf, genau in der Mitte lag es, ein Sehnsuchtsschneckchen! Heute, da sie Beide nicht mehr arbeiteten, hatte es nur noch eine symbolische Funktion, doch damals hatte das Backen der Schneckchen die Funktion, Marthe`s Sehnsucht nach Zweisamkeit zu vertreiben.

Vom Flur her näherten sich schlürfende Schritte. Luc war mit seiner Abendtoilette fertig, gleich würde er das Wohnzimmer betreten. Marthe schloss die Augen und kuschelte sich in das Kissen, welches ihren Kopf stützte. Sie war gespannt, ob er es bemerkte, das Relikt vieler einsamer Stunden, Stunden, in denen sie sehnsüchtig auf ihn wartete. Heute sollte es sie erinnern an eine Zeit, in der die Gemeinsamkeit so selten war, weil berufliche Belange dies verhinderten. Nun, im Rentenalter, konnten sie darüber lächeln und ihren Weihnachtsabend endlich gemeinsam geniessen und Luc würde lächeln, auf seine ganz spezielle, liebe Art, wenn er das Schneckchen bemerkte, da war sie sich sicher, denn sie kannte ihn...


Foto: Paul-Georg Meister/www.pixelio.de