Die wollene Unterbüx
Die wollene UnterbüxFoto-Quelle: Luisa Maria Francesca Clerici

Die wollene Unterbüx

Beitrag von wize.life-Nutzer

Gerade Gestern, im Gespräch mit einem Freund kamen plötzlich alte Erinnerungen zurück.

Eine Bemerkung versetzt mich wieder zurück in das Jahr 1962; Ich bin 5 Jahre alt und gehe täglich in den Kindergarten bei den Nonnen.

Es ist Herbst und jeden Morgen die gleiche Prozedur.....meine Mutter legt wortlos die Kleidung aus und zeigt nur unerbittlich auf die verhasste wollene Unterbüx, die zusätzlich angezogen werden muss, weil die Nonnen es verlangen und weil sie angeblich als Schutz gegen eine Erkältung dienen soll.

Der Tag fängt eigentlich wie immer an, mit einem beklemmenden Gefühl, mein Vater ist bereits zwei Stockwerke tiefer in seinem Büro, wir stellen uns vor der Haustür auf und meine Mutter führt eine letzte Kontrolle durch; Alle da, haben alle das angezogen was ausgelegt wurde, sitzt der weiße, makellos gebügelte, hinten zugeknöpfte Kittel und vor allem....ist die kratzende Unterbüx auch an?

Ich scheine die einzige der 4 Schwestern zu sein, die sich nicht wohl fühlt. Ich will nur endlich aus der Wohnung und hinunter in die Firma meines Vaters...dort warten freundliche Menschen auf mich und natürlich ER, mein Großvater.

Ich platze im Eingangsbereich hinein und rufe: Ich bin da!
Und schon steht die Buchhalterin meines Vater da und umarmt mich…die erste Berührung des Tages. Dann die täglichen Fragen: Darf ich hoch, ist ER da?

Ich habe keine Zeit auf ihre Antwort zu warten, schon erklimme ich die große, breite Treppe nach oben, atme den Geruch von Seide, frisch gefärbten Stoffen und nehme Stimmen und Geräusche wahr.
ER ist da!
Oben angekommen sehen wir uns an...der Großvater sitzt an seinem Schreibtisch und winkt mir zu...ich renne dahin und werfe mich in seine Arme.
Wir kuscheln, er ist wieder unrasiert, seit meine Oma vor einigen Monaten gestorben ist, mag er nicht mehr wirklich leben.
Ich lausche wie er in Dialekt mit mir redet und fragt: wieder die Unterbüx?
Ich reibe meine Wange an seine und spüre seine Zuneigung während ich nur nicke und ihn ernst anschaue.
Und schon hilft er mir das verhasste Ding los zu werden...schnell, bevor mein Vater um die Ecke kommt, verstauen wir die Unterbüx in meinem Ranzen und grinsen uns an.

Dann ruft er laut: Giovanni! Sie ist fertig, Du kannst los! Vergesse aber die Unterbüx nicht!

Schon steht der Giovanni da und winkt, schnell sagt er, sonst erwischen sie uns....
Ich umarme noch schnell den Großvater und rufe...ich komme nachher wieder!

Damit wir unbemerkt entkommen, nehmen wir den Lastenaufzug...es war höchste Zeit denn mein Vater kommt aus seinem Büro und ruft: wo seid ihr, wir müssen los fahren, los ich habe keine Zeit!

Giovanni und ich grinsen uns an und flüstern miteinander, wir wollen unentdeckt bleiben.
Und prompt, als wir aussteigen wollen, stehen die anderen drei vor dem Lastenaufzug und schon sagt die erste….Ich weiß, was Du vor hast, ich sage es Papa!

Giovanni geht vor und ich weiß, die Zeit drängt..jetzt muss es schnell gehen, nicht mit der Petze streiten, das kostet nur Zeit...Ich rufe nur „Mach doch, dann hat er dich lieb“ und bin weg.

Draußen springe ich dem Giovanni entgegen; er zieht mich hoch und ich sitze triumphierend auf der Stange seines Fahrrads.

Lachend gleiten wir über die Platanenallee, weit hinten ist schon die „Anstalt“ zu erkennen, die mich dann gleich bis 16.00 Uhr aufnehmen wird.
Aber kurz davor ist noch der Kiosk, der von einem alten Mann betrieben wird.
Wir sehen schon, dass er angeheizt hat...es ist Herbst, Maronenzeit!

Ich schaue Giovanni nur kurz an und er nickt. Wir sind uns einig.
Und schon halten wir am Kiosk an und der alte Mann lächelt...eine kleine Tüte mit heißen Maronen ist schon für uns bereit.

Giovanni setzt mich ab und sagt nur: die Unterbüx, dabei lächelt er traurig.

In dem Moment fährt der Wagen meines Vaters vorbei, ich zeige dahin und Giovanni sagt, mach Dir keine Sorgen, ich spreche mit ihm.

Es ist höchste Zeit, wir legen das letzte, kurze Stück zurück, er setzt mich ab und flüstert bis um 16.00 Uhr; Ich schaffe es gerade noch die Schule mit den anderen zu betreten.
Schon steht eine Nonne da und schaut unter dem Kittel nach, ob alles in Ordnung ist...ich schaue sie nicht an, fühle mich unwohl habe eine Hand in der Tasche und halte die warmen Maronen fest.
Sie sagt, ihr könnt die Unterbüx ausziehen, die braucht ihr erst wieder, wenn es nach Hause geht.

Endlich ist es 16.00 Uhr, wieder muss ich durch die Kontrolle und mir bestätigen lassen, dass ich korrekt angezogen bin.
Ganz schnell renne ich an den anderen vorbei denn ich weiß, draußen steht meine Mutter mit dem Wagen und holt uns ab..und zwischen den Platanen verborgen, wartet Giovanni mit dem Fahrrad auf mich.

In Windeseile ist die Unterbüx im Ranzen verstaut und er radelt los; er fragt wie es war und ich erzähle verhalten…ich habe wieder kaum was gegessen…war wieder zu langsam, sie haben mir wieder den Wecker auf zwei Minuten gestellt...ich habe es nicht geschafft.
Er drückt mich und sagt...rede mit dem Großvater, er muss was tun.

Wir winken dem alten Mann vom Kiosk, sehen zu wie meine Mutter mit grimmigen Gesicht an uns vorbei fährt und lächeln uns an.

Kaum sind wir angekommen, renne ich schon in die Firma....
Mein Vater steht mit meiner Mutter im Eingang und sagt: Giovanni! Schon wieder.... und zu mir: Was soll ich mit Dir machen?
Seine Stimme ist ernst...seine Augen traurig aber ganz weich..ich gebe ihm einen Kuss und sage ER wartet...

Schon bin ich weg...meine Mutter ruft hinterher...Luisa! wir gehen!

Ich höre schon nicht mehr, bin schon auf der Treppe nach oben und folge dem Zigarrengeruch....Großvater ist nicht in seinem Büro...er hat Besuch.

Ich bleibe in der Tür stehen und warte bis er mich sieht und seine Arme ausbreitet....der Besucher lacht, ich kenne ihn gut und grüße fröhlich.

Der Großvater greift nach meinem Ranzen und der Besucher sagt: die Unterbüx?
Wir nicken ernst und beeilen uns...denn schon sind Schritte auf der Treppe zu hören...meine Mutter kommt.

Großvater fragt schnell, hast Du etwas essen können? Ich schüttele den Kopf und sage...zu langsam...

Jetzt steht er auf und geht meiner Mutter entgegen.
Ich halte seine Hand und warte....Er schaut sie ernst an und sagt nur: Du kannst schon hoch gehen, Luisa bleibt bei mir.

Schnell verabschieden wir den Besucher und verschließen uns in seinem Büro...in seiner Schublade ist schon etwas für mich vorbereitet...Lass Dir Zeit, sie ist weg.

Den ganzen Tag habe ich darauf gewartet, diese Zeit mit ihm...wir reden über meine Großmutter, er sagt...sie hätte so wie Du die Unterbüx gehasst.

Kurz vor 18.00 Uhr steht mein Vater vor der Tür und ruft mich...es ist Zeit, wir müssen nach oben!

Ich verabschiede mich von meinem Großvater und sage leise....bis morgen früh. Er antwortet nur...nur Mut!

Mein Vater reicht mir seine Hand, versucht ernst zu schauen und sagt leise: Ich habe mit Giovanni gesprochen…ab Morgen bringt und holt er Dich jeden Tag. Ihr müsst nur auf die Unterbüx achten!

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