19. Oktober 2014
19. Oktober 2014Foto-Quelle: ©Martin Stauder

S-Bahn auf Irrfahrt oder wie das Böse in die Welt kommt

Beitrag von wize.life-Nutzer

Wo bitte geht’s nach...?

Beinahe hätte er „Nirgendwo“ gesagt, aber plötzlich stockte er. Der Mann an der Info prustete gelangweilt aus dem Mund und schielte unter seine Augenbrauen. Viele Kunden hatte er schon abfertigen müssen.Eine Frau um die dreißig, die unbedingt um 15.00 Uhr in Remagen bei ihrer Großmutter bei Kaffee und Kuchen sitzen musste, und dann war da noch der Idiot, der dem Mann am Schalter verarschen wollte, er habe morgen um 11.00 Uhr ein Vorstellungsgespräch bei der Deutschen Bundesbahn und müsse abends in München sein. Seitdem Onkel Karl ihm eine Märklin-Eisenbahn geschenkt hatte, die immer um den Kreis fuhr,wollte er unbedingt Lokführer werden. Natürlich war das gelogen. Er wollte sich mit seinem „Schönes -Wochenende-Ticket“ eine ICE-Berechtigung ergaunern, um auf dem Oktoberfest einen drauf machen.

Heute war auch Herr Egon Wiesenecker am Informationsschalter. Im letzten Moment hatte er sich zusammengerissen und nicht „Nirgendwo“ herausposaunt, sondern ganz vorsichtig das Reiseziel durch seine Lippen gepresst und wartete gespannt auf die Reaktion. „Dort fährt kein Zug hin!“, hämmerte es über den Tresen. Sein Ziel, geschmolzen wie Butter. Geahnt hatte er das, trotzdem war er erschrocken und er sah sich irgendwo in einem Nirgendwo enden. Er werde niemals heimkommen. Marianne rief er nicht an. Sie bereitete sich geistig vor mit ihrem Gatten „Polizeiruf 110“ anzuschauen. Sie pflegte ihn gerne unter ihrer Kontrolle. Wenn Egon ein paar Minuten zuviel mit Nachbarin Silvia Lederer sprach, drohte sie: „Wenn Du was mit dem Flittchen anfängst, schneide ich mir die Pulsadern auf.“ Egon hatte ihr versprochen, pünktlich um 20.10 Uhr heimzukehren, es sei denn, er komme in einem Strudel von Naturgewalten, dagegen könnte er nichts machen, dass aber heute Lokführer streikten, hatte er nicht wahrhaben wollen.

Die Stimme des Mannes hallte in seinem Kopf nach. „Dort fährt kein Zug hin!“ - „Dort fährt kein Zug hin!“ - „Dort fährt kein Zug hin!“ ….. - er werde nicht weit kommen und seine Ehe muss eine Kraftprobe aushalten. Der Mann am Schalter schlug vor, den Zug nach Mainz zu nehmen, 12.56 Uhr. „Nach Frankfurt ist es dann nur noch ein Klacks und sie haben die halbe Strecke überwunden.“Beruhigend. Egon schaute auf die Uhr. Acht Minuten und eilte los.Die Treppen hoch zum Bahnsteig und er erinnerte sich, Frankfurt hat einen Sackbahnhof, er wollte aber nicht ein einem Sack verschwinden.Klaustrophobie. Die Treppen zu Hause, die neun Stockwerke, überwander spielend. Biologisch gesehen war er einige Jahre unter dem Chronologischen, trotzdem, er wollte in Frankfurt nicht verschluckt werden und irgendwo im Nirgendwo stranden, in einer Zeitschleife, in einem Schwarzen Loch oder sonst wo.

Angst, nackte Angst. Auf der Strecke bleiben, Durststrecke, Hunger, langes Warten, auf das Gepäck aufpassen, Gepäck ins Schließfach, Flaneur der Nacht, endlos, ziellos, obdachlos. Mit der Mittelrheinbahnüberwand er er die Entfernung bis Mainz. Dann stand er auf Gleis 4 und war in der Realität angekommen. Der Sackbahnhof stand ihm bevor.Marianne ahnte nichts von dem Dilemma. Er warf sein Handy auf die Gleise und die S-Bahn fuhr darüber und stoppte. Er stieg ein. S-Bahn, das große S bedrohlich wie Schlitterbahn, Sackbahn, Scheißbahn. Jedes verfluchte Wort schien dieser Bahn gerecht werden.Marianne hätte ihm ins Telefon geschrien, er wolle sich in der versauten Sexbahn amüsieren. Garantiert hätte sie Sexbahn mit Reeperbahn verwechselt, ganz bestimmt. Solchen Mist wollte sich Egon nicht anhören. Er war immer treu. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Türen schlossen automatisch, die Bahn fuhr los. Es gab kein Weg zurück. Er hoffte, die S 8 sei keine Sexbahn, in der Schaffnerinnen mit entblößten Brüsten an seinem Fahrschein knipsten und ihn wie auf der Kaiserstraße anmachten : „Hallo Süßer, wie wärs mit uns zwei.“ Natürlich kannte er die Straße, auch wenn er niemals dort gewesen war. Eine nackte Schaffnerin und mein Verstand rutscht in die Hose, dachte er und Schweiß rann von seiner Stirn

Überdem Himmel legte sich ein seidenschwarzer Schleier. Er sah aus dem Fenster. Alles in Schwarzweiß getaucht. Das Tuch verschluckte die Sonne. Die Bahn stöhnte über rostiges Stahl, es knirschte fürchterlich., sie schwanke nach rechts und links, legte sich wie eine Harley Softail Deluxe schräg in eine Kurve, sodass Egon vom Sitz fiel und seine schwere Reisetasche aus der Ablage purzelte, direkt auf seinen Schädel. Egon sah von oben herab auf seinen Körper. Errührte sich nicht mehr und plötzlich war alles dunkel. Nur schlitzäugige Neonröhren sausten vorbei. Gleise sprangen unter den Rädern weg und prallten gegen die Tunnelwand. Ein kräftiger Sog saugte die Bahn in unendliche Tiefe. Fenster klirrten, ein eisiger Wind fegte über den Leichnam, der hin- und herschleuderte. Die Fahrt ins Ungewisse gipfelte in einem freien Fall, die Waggons mit erbarmungslos lautem Getöse irgendwo im Erdinnern auf Grund aufschlugen. Die Neonschlitzaugen lösten sich auf. Nur Schwärze gähnte. Sogar der Wind erschrak vor dieser Finsternis und setze seinen Atem aus. Entsetzliches Schweigen, die vergangene Zeit nicht abzuschätzen war. Zeit und Raum waren hier bedeutungslos und plötzlich begann der Wind wieder zu heulen und erhitzte sich zum Feuersturm. Die Sitze im verbeulten S-Bahn-Schutthaufen verpufften und das Metall glimmte rotglühend auf, bis es geschwärzt vor sich hindampfte Ein widerlicher Geruch biss sich durch das Erdloch, ein leises Stöhnen war zu hören, wie ein Tier, das erbärmlich verendet. Auch wenn jemand Egon zu Lebzeiten gekannt hätte, er hätte seine Stimme nicht erkannt. Sie hatte nichts Menschliches mehr, so schrecklich anzuhören, dass bei diesem Klang ein jeder freiwillig sein Herz aus der Brust gerissen hätte. Doch niemand war da, der das Stöhnen hören konnte. Nur der Teufel selbst. Mit seiner Satansbahn holte er sich hin und wieder eine verirrte Seele, um in geschlechtlicher Vereinigung das Böse zu zeugen. Es gibt nicht Böses, außer man zeugt es. Dem Satan sei das gegönnt und wenn Ihr in Mainz in die S 8 steigt, dann wisst ihr jetzt, was Euch erwartet.

©Martin Stauder