Mohas Lächeln
Mohas LächelnFoto-Quelle: Barbara Hinkelbein

Mohas Lächeln

Beitrag von wize.life-Nutzer

Eigentlich ist heute ein guter, ein erfolgreicher Tag.

Moha und ich haben neben dem bürokratischen Wahnsinn ziemlich viel Spaß. "Deutschland sollte besser Papierland heißen" bemerkt Moha angesichts des Formularstapels, der vor uns liegt.
Mit seinem typischen schiefen Lächeln und dem dazu gehörenden kleinen Kopfwackeln prüft er – wie so oft – ob ich das lustig finde. 'Spaß, Barbara' soll das heißen.
Ich mag das an ihm, denn es ist so eine angenehme Art vorzufühlen, wie weit er mit seinen Witzen gehen kann. Klar, er kommt aus einer anderen Welt. Seine Art sich zurecht zu finden, meine Welt kennen zu lernen geht bei Moha über den Humor.

Wir sitzen in einem Cafe, die Sonne scheint heute, alles ist ein bisschen leicht.
Moha schaut sich um und kuckt ein paar Mädchen hinterher. Er ist 23 Jahre alt, logisch macht er das.
Er grinst mich an und sagt "Ich sollte eine Freundin haben." Ich antworte: "Wenn Du an der Uni hier bist, dann klappt das. Da kannst Du richtig angeben mit Deiner Klugheit. Dann bist Du der Oberheld."
Damit hab ich ihn schon öfter aufgezogen, denn der Weg bis zur Uni ist von tausendundeiner Hürde gepflastert. Zeugnis aus dem Arabischen übersetzen und beglaubigen lassen ist da noch das harmloseste.
Normalerweise ist das die Stelle, an der Moha zu einem möglichst geschickten Konter ansetzt.

Aber irgendetwas stimmt nicht. Mohas Gesicht. Ich trau mich nicht fragen, denn da ist ein Schatten über seine Augen gehuscht.
Nach einer unendlich langen Pause sagt er "Ich sollte heiraten."
"Du kannst heiraten." ist alles was mir einfällt.
Moha holt sein Handy raus, sucht und zeigt mir schließlich ein Foto. Da sitzt eine junge Frau auf einem Felsen und strahlt in die Kamera.

Er erzählt mir die Geschichte. Das Foto zeigt Doha, seit vier Jahren sind sie ein Paar. In Aleppo haben sie zusammen studiert. Sie haben sich verlobt, haben Pläne geschmiedet. Was für ein unermessliches Glück die beiden hatten, denn alles schien zu passen.
Und dann kam der Krieg.
Und dann kam die Wirrnis.
Mit viel Glück haben Moha und Doha sich im Libanon wieder gefunden. Dahin konnten sich beide mit Teilen ihrer Familie retten. Viele ihrer Lieben blieben zurück. Aber Moha und Doha haben ihr kleines Wunder bestaunt und so ganz viel einfach ausgeblendet. Es geht weiter mit uns, haben sie gedacht. Wir sind zusammen.

Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. Sagt Moha traurig. Denn jetzt bin ich hier in Deutschland. Wo Doha ist weiß er nicht. Sie schreibt nicht mehr. Wahrscheinlich, weil sie ihm nicht mehr schreiben kann.

Das Glück dauert manchmal nur einen winzigen Moment, genauso wie das Unglück.
Pause.

"Die Krankenkasse hat den ersten Namen von meinem Bruder geschluckt" sagt Moha. "Er heißt jetzt Herr mit Vornamen. ER kann jetzt Frau heiraten."

Es wäre nicht Moha, wenn er es nicht schaffen würde auch aus diesem Gespräch mit einem Lächeln heraus zu kommen – wenn es diesmal auch ein wenig trauriger ist als sonst.

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