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Mohas Lächeln

Mohas Lächeln

Von wize.life-Nutzer - Montag, 03.11.2014 - 12:13 Uhr

Eigentlich ist heute ein guter, ein erfolgreicher Tag.

Moha und ich haben neben dem bürokratischen Wahnsinn ziemlich viel Spaß. "Deutschland sollte besser Papierland heißen" bemerkt Moha angesichts des Formularstapels, der vor uns liegt.
Mit seinem typischen schiefen Lächeln und dem dazu gehörenden kleinen Kopfwackeln prüft er – wie so oft – ob ich das lustig finde. 'Spaß, Barbara' soll das heißen.
Ich mag das an ihm, denn es ist so eine angenehme Art vorzufühlen, wie weit er mit seinen Witzen gehen kann. Klar, er kommt aus einer anderen Welt. Seine Art sich zurecht zu finden, meine Welt kennen zu lernen geht bei Moha über den Humor.

Wir sitzen in einem Cafe, die Sonne scheint heute, alles ist ein bisschen leicht.
Moha schaut sich um und kuckt ein paar Mädchen hinterher. Er ist 23 Jahre alt, logisch macht er das.
Er grinst mich an und sagt "Ich sollte eine Freundin haben." Ich antworte: "Wenn Du an der Uni hier bist, dann klappt das. Da kannst Du richtig angeben mit Deiner Klugheit. Dann bist Du der Oberheld."
Damit hab ich ihn schon öfter aufgezogen, denn der Weg bis zur Uni ist von tausendundeiner Hürde gepflastert. Zeugnis aus dem Arabischen übersetzen und beglaubigen lassen ist da noch das harmloseste.
Normalerweise ist das die Stelle, an der Moha zu einem möglichst geschickten Konter ansetzt.

Aber irgendetwas stimmt nicht. Mohas Gesicht. Ich trau mich nicht fragen, denn da ist ein Schatten über seine Augen gehuscht.
Nach einer unendlich langen Pause sagt er "Ich sollte heiraten."
"Du kannst heiraten." ist alles was mir einfällt.
Moha holt sein Handy raus, sucht und zeigt mir schließlich ein Foto. Da sitzt eine junge Frau auf einem Felsen und strahlt in die Kamera.

Er erzählt mir die Geschichte. Das Foto zeigt Doha, seit vier Jahren sind sie ein Paar. In Aleppo haben sie zusammen studiert. Sie haben sich verlobt, haben Pläne geschmiedet. Was für ein unermessliches Glück die beiden hatten, denn alles schien zu passen.
Und dann kam der Krieg.
Und dann kam die Wirrnis.
Mit viel Glück haben Moha und Doha sich im Libanon wieder gefunden. Dahin konnten sich beide mit Teilen ihrer Familie retten. Viele ihrer Lieben blieben zurück. Aber Moha und Doha haben ihr kleines Wunder bestaunt und so ganz viel einfach ausgeblendet. Es geht weiter mit uns, haben sie gedacht. Wir sind zusammen.

Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. Sagt Moha traurig. Denn jetzt bin ich hier in Deutschland. Wo Doha ist weiß er nicht. Sie schreibt nicht mehr. Wahrscheinlich, weil sie ihm nicht mehr schreiben kann.

Das Glück dauert manchmal nur einen winzigen Moment, genauso wie das Unglück.
Pause.

"Die Krankenkasse hat den ersten Namen von meinem Bruder geschluckt" sagt Moha. "Er heißt jetzt Herr mit Vornamen. ER kann jetzt Frau heiraten."

Es wäre nicht Moha, wenn er es nicht schaffen würde auch aus diesem Gespräch mit einem Lächeln heraus zu kommen – wenn es diesmal auch ein wenig trauriger ist als sonst.

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22 Kommentare

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Barbara, ich habe diese Geschichte erst heute entdeckt, aber sich sehe, sie ist immer noch so aktuell wie zuvor. Wie alle anderen Geschichten und Kommentare von Dir hat auch sie mich sehr angerührt. Ich wünchte mir, es gäbe noch ein paar mehr von Deiner Sorte, denn an den Kommentaren zu dieser Geschichte kann man erkennen, dass Du es mit ganz einfachen Worten schaffst, die Hetzer und Hassprediger zum Schweigen zu bringen. Du bist für mich - und nicht nur für mich - wie ein Silberstreifen am dunklen Horizont. Das macht Mut und Hoffnung. Danke!
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Moha hat, troz allem was ihm widerfahren ist, Glück. Er hat Dich an seiner Seite. Ich weiß, Du wirst alles tun, ihn hier glücklich werden zu lassen. Ich würde Moha bei unserem nächsten Treffen gerne kennen lernen.
Die Einladung geb ich an Moha gleich morgen weiter.
Ich glaube, Du wirst ihm mögen Rosi.
Glück, so sehe ich das, ist ein Multiplikator, wenn wir es teilen. Und weißt Du, wer mich darauf gebracht hat ... Du!
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Danke für diese Geschichte von Moha und ich wünsche ihm so sehr, dass sein trauriges Lächeln ein fröhliches Lachen werden kann. Denn was würden wir lieber tun, als mit ihm gemeinsam zu lachen. In unser Herz haben wir ihn ja schon geschlossen und ich wünsche ihm von Herzen alles erdenklich Gute für eine wunderbare, glückliche Zukunft...
Moha erzählt wirklich ungern von seiner Flucht und allem, was damit zusammen hängt.
Er lacht lieber und erreicht damit mein Herz. Wie schön es ist, wie sehr es mich erreicht, dass hier einige (Du) ihn allein durch meinen kurzen Beitrag auch ins Herz schließen, das kann ich gar nicht in Worte fassen.

Ich danke Dir Hildegard!
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Ich bin sicher, dass Moha auch irgendwann glücklich wird. Und Du wirst ihm dabei helfen, das glaube ich bestimmt. Ich drücke ihm alle Daumen.
Danke Brigitte!
Einmal angefangen, ist es nicht schwer für mich. Alles was ich mache ist, ihm zuzuhören und Eigeninitiative zu ergreifen.
Ich hab selbst keinen Schimmer gehabt, wie schwer es ist, unser Deutschland zu verstehen.

Da meldet sich zum Beispiel die GEZ und Moha fragt zu Recht: 'Ich hab gar kein Fernsehen, warum schreiben die mir. Und wer ist das denn, Barbara?'
Allein das zu erklären war interessant und auch wieder witzig seine Reaktion:
'Dann weiß die GEZ von all den Zimmern hier in der Unterkunft? Weil alle haben den Brief bekommen. Wie geht das?'

Moha ist nicht unglücklich, was ich auch nicht wirklich nachvollziehen kann. Mir ginge es bescheiden, nach allem, was er erlebt hat. Er lebt, ich glaube das allein macht ihn schon glücklich.
Alles andere wird er wahrscheinlich mit sich, seiner Familie und hoffentlich mir ausmachen ... wenn er soweit ist.
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Liebe Barbara, schön und gut, dass Du so etwas veröffentlichst. Es gibt bei uns so viele Mohas und Dohas, die unsere Hilfe brauchen und wenn es nur Kleinigkeiten im alltäglichen Leben sind. Große Klasse. LG Eva
Ich habe tatsächlich lange überlegt, ob ich es veröffentlichen soll, weil ich Angst vor negativen Kommentaren hatte.
Es zeigt sich bisher: keiner von 'diesen Menschen' hat mich oder Moha angegriffen. Das allein ist schon viel wert für mich

Es gibt tatsächlich viele Mohas und Dohas. Wir - ich - muss nicht viel tun, um ihnen zu helfen. Es ist so leicht, ich hätte das auch nicht gedacht.

Ich danke Dir Eva!
Barbara, man muss auch mal mutig sein und das veröffentlichen, was einem so sehr brennt. Es rüttelt auch ein wenig auf, nicht nur immer an sich selbst zu denken, wo jetzt so viele auf der Flucht sind und unsere Hilfe benötigen. LG Grüsse und gute Nacht Eva
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ich wünsche Moha alles Gute! Danke fürs Teilnehmen
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ich bin gerührt, wenn ich so eine Geschichte lese.
Bei uns gab es auch solche Zeiten, die aber fast
in Vergessenheit geraten sind.
Danke Bele!
Leider wird viel zu schnell vergessen. Es wird auch leicht übersehen, dass Krieg und Flucht immer auch eine Geschichte aus tausenden Einzelschicksalen ist.
Mich bereichert es, dass ich die Möglichkeit habe mich mit einigern dieser Schicksalen persönlich zu beschäftigen.
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Eine schöne kleine traurige Geschichte, Barbara. Wie wird sie wohl weiter gehen?
Und wieder einmal muss ich denken: Was geht es uns in Deutschland doch so gut!
Das ist auch mein Empfinden Cornelia! Uns geht es ziemlich gut. Wenn ich mich mit Moha unterhalte, dann sehe ich das deutlicher als sonst.

Ich bin selber gespannt, wie die Geschichte weiter geht ... ich werd versuchen mehr über ihn und mich zu schreiben.
Ja, mach das Barbara.
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Danke Barbara, dass du uns daran teilhaben lässt
Das mach ich sehr, sehr gerne!
Ich freue mich auf mehr
Kommt Claudia ... ich werd weiter über Moha und mich schreiben
Wunderbar
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