Luc und Marthe (14) - Der Herbst des Lebens
Luc und Marthe (14) - Der Herbst des LebensFoto-Quelle: creativpool: raboisen 16: 20095 hamburg

Luc und Marthe (14) - Der Herbst des Lebens

Beitrag von wize.life-Nutzer

Auch in dem kleinen französischen Örtchen hatte der Herbst seinen Einzug gehalten. Im gleißenden Herbstlicht strahlte der Park in seiner ganzen Pracht. Gleich einem goldenen Teppich säumten die am Boden liegenden Blätter die Wege.

Luc und Marthe trippelten Hand in Hand durch diese zauberhafte Landschaft, die ihnen tagtäglich ein Genuss war und ein Muss, um beweglich zu bleiben. Langsam näherten sie sich dem kleinen Weiher, auf dem ein Schwanenpärchen seine Runden zog. Marthe nestelte an ihrer Manteltasche und zog dann das trockene Brot aus derselben und warf es dem Schwanenpaar zu, so wie an jedem Morgen. Danach setzten sich die zwei Alten auf „ihre“ Bank, die ganz nahe am Weiher gelegen war.

Innig legte Luc seinen Arm um Marthe und zog sie etwas an sich. Ist der Herbst nicht etwas Wunderbares, sinnierte er. Alles ist vergänglich. Die Natur ist den Jahreszeiten unterworfen - auch sie muss sich anpassen, Abschied nehmen um neu zu werden, so wie auch wir, eines Tages, meine Liebe. Der Herbst des Lebens hat auch uns schon in seiner Hand, lass uns den Rest noch genießen, solange die Zeit noch reicht. Liebevoll tätschelte er Marthe`s Wange dabei und sie kuschelte sich mit einem kleinen Seufzer noch enger an seine raue Joppe.

So saßen sie noch eine ganze Weile still und atmeten tief die frische, klare Herbstluft ein. Sie mussten nicht mehr reden, denn beide wussten, dass auch ihre Tage gezählt waren. Sogar Sterne haben ihre Lebenszeit, brennen aus, vergehen. So wird auch der Strom ihres Lebens, in dem sie schwimmen, in das große Meer münden, irgendwann, wenn die Zeit dafür da ist.

Der Wind blies ein Blatt vom gegenüber liegenden Baum und Luc musste plötzlich an Rilke denken, dessen Gedichte er so liebte: «Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir an: Es ist in allen. Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Foto: creativpool: raboisen 16: 20095 hamburg