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Denkwürdige Begegnung
Denkwürdige BegegnungFoto-Quelle: Peter A.

Denkwürdige Begegnung

Von wize.life-Nutzer - Dienstag, 11.11.2014 - 21:59 Uhr

Die U-Bahn war überfüllt. Ich wollte nur kurz in die Innenstadt, um etwas zu besorgen, und war froh, noch einen Platz ergattert zu haben.

Flüchtig sah ich mir die Leute an und mein Blick blieb an meinem Gegenüber hängen. Nicht an seinem Gesicht oder an ihm, als Person, vielmehr, wie magisch angezogen, an den winzigen Stummeln, die aus seiner dicken, ärmellosen Weste herausstanden. Bestürzt über das Gesehene und, ja, auch ein wenig beschämt, schaute ich sofort in eine andere Richtung. Doch schon kurz darauf suchten meine Augen wieder diese Stelle, als wollten sie sich vergewissern, ob sie auch richtig gesehen hatten, wanderten aber diesmal zum Gesicht weiter und musterten schließlich die gesamte Gestalt. Ein schlanker, fast schlaksiger Mann mittleren Alters, die Haare schon ergraut, saß entspannt und gelassen da und hatte offensichtlich meine Blicke nicht bemerkt. Ich konnte nicht umhin, noch einmal diese armlosen Schultern zu betrachten, als ob es ringsumher nichts anderes zu sehen gegeben hätte.

Als ich meinen Blick wieder abwendete, gingen mir tausend Fragen durch den Kopf. Wie kann er nur im Leben zurechtkommen? Muss er nicht ständig betreut werden? Er kann ja nicht mal seine Hose zum Pinkeln öffnen. Lebt er mit jemandem zusammen? Kann eine Frau einen derart behinderten Mann lieben? Ist er verzweifelt, verbittert?
Wieder schaute ich kurz in sein Gesicht und fand keinerlei Anzeichen dafür, dass er unglücklicher wäre, als irgendein anderer. Ich musste mich dazu zwingen, nicht mehr diese Armstummeln anzustarren, doch meine Gedanken ließen sich nicht stoppen. Wie viel ihm im Leben verwehrt bleibt, ging mir durch den Sinn. Meine eigenen Sorgen und Nöte erschienen mir plötzlich so geringfügig und nichtig.

An meiner Haltestelle angekommen, stieg ich rasch aus und wollte die Gedanken endlich abschütteln. Da drang ein feines, wunderschön melodisch gepfiffenes Lied an mein Ohr. Ich lauschte freudig berührt der Melodie, „only you“ erkannte ich sofort. Nach kurzem Zögern drehte ich mich um... hinter mir schlenderte der armlose Mann, fröhlich sein Liedchen pfeifend.
„Sie können aber kunstvoll pfeifen“, sagte ich zu ihm, als er mich überholte. „Ach, das mach ich nur hobbymäßig“, meinte er, und ein zauberhaftes Lächeln überstrahlte sein Gesicht.

Renate Massari
Foto von Peter A.

37 Kommentare

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Liebe Renate.
Behinderte wollen nicht bemitleidet werden.
Behinderte wollen nicht nur dabei sein.

Behinderte wollen akzeptiert werden, so wie sie sind und mitten dabei sein im Leben.
Denn einzig und allein sind WIR, die Gesunden, diejenigen, die sie daran behindern, so zu sein, wie sie sind.

Vollwertige Menschen.

DAS sagt dir wohlwollend eine liebende Mutter eines Behinderten.
Liebe Doris,
das ist mir durchaus klar, aber wenn man in so eine Situation kommt, ist man eben doch ein wenig befangen, auch erschüttert. Diese Befangenheit abzulegen und sich ganz natürlich zu verhalten gelingt nicht immer sofort.
Danke für Deinen kompetenten Kommentar!

Gern geschehen.
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Moin renate, schöne Geschichte und ähnlich geht es mir auch immer mal wieder! Ich selbst als mensch, der mit schmerzen geplagt ist und wenn ich dann beizeiten frage 'warum', so ich zb die 20 jahre ältere nachbarin sehe, die besser kann als ich. Dann sage ich mir, selbst mitleid bringt nix, es gibt sooo viele, denen es schlechter geht, als dir selbst! Mir begegnet im zug oft ein blinder mann, einmal führte ich ihn die Treppen hinunter und kaum auf dem Bahnhofs vorplatz sagte plötzlich der blinde mann "sie sind aber auch sehr krank'! Ich staunte und fragte wieso? Nun, sie laufen doch absolut schlecht! Ich hatte lediglich locker meine rechte Hand an seinen Oberarm gelegt, ihn zu führen und er raffte das, was gesunde im allgemeinen nicht erkennen!
Danke für Deinen Kommentar, Rena!
Es ist wahrlich das höchste Gut, einigermaßen gesund und beweglich zu sein, aber es gibt wohl immer noch shlimmere Schicksale, als das eigene.
LG
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...ich kann nur das buch "Lotta ,wundertüte " dazu empfehlen,von ihrer mutter geschrieben...
Danke für den Hinweis, Marlies!
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...ja,und weiter...der äußere eindruck kann nämlich täuschen...
Was weiter? Hier endet die Geschicht und auch die Begegnung...
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Es gibt Menschen, die über sich selbst hinauswachsen. . Ihr Leben ist so voller Schicksalsschlägen, aber sie finden immer einen Weg, wie sie ihre Lebensfreude wiederfinden. Solche Menschen begeistern mich immer wieder. Du hast uns eine Erlebnis das zum Nachdenken anregt wunderbar beschrieben...........lg Rita
Danke, Rita, es freut mich, dass Du es nachempfinden kannst.
Es hat mich so beschäftigt, dass ich es unbedingt aufschreiben musste. Der fröhlich pfeifende Mensch hat mich innerlich so berührt und mir klar gemacht, dass es an uns selbst liegt, ob wir in unserem Leben Freude und Zufriedenheit finden.
LG Renate
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Oft sehen wir eine Situation anders als der Betroffene, der alles andere braucht als Mitleid. Wir aber sind entsetzt - ja letztlich über uns. "Ich würde in einer solchen Situation verzeifeln" denken wir dann vielleicht. Das hilft aber dem anderen nichts. Ganz im Gegenteil sollte auch er suchen, den Sinn in seinem Leben zu finden - was natürlich nicht leicht ist angesichts anderer Menschen, die sich negativ äußern, angesichts des Gedankens: Warum bin ich anders als die anderen?
Was Contergan-geschädigte angeht, so denke man an Thomas Quasthoff, der ein begnater Bariton ist (leider aufhören mußte) oder Michael Schlubeck, ein virtuoser Panflöten-Spieler mit 20 cm langen Armen.
Oder an Menschen, die ganz ohne Arme und Beine geboren sind und heute z.B. als Psychotherapeuten arbeiten. Viktor Frankl hat solch einen Fall beschrieben.
Man könnte deren Situation auch so sehen, daß sie eine ganz besondere Aufgabe in ihrem Leben zu lösen haben, ja daß sie daran innerlich wachsen können, wenn sie es als Aufgabe erkennen und annehmen. Und daß wir sie durch unsere Gedanken, ja unsere gesamte Einstellung nur fördern sollten.
Danke Emil!
Du hast einen ganz neuen Aspekt in die Geschichte gebracht, über den es sich lohnt, nachzudenken.
Für mich war diese Begegnung unter anderem ein Anstoß, mein Leben zu überdenken und mich über Wahrnehmung auseinander zu setzen.
LG
Großartig. Wir sollen ja alles wahrnehmen, was uns das Leben als Anstoß bietet und mit der Empfindung spüren, was uns das sagen kann.
Wir hatten selbst sechs Jahre lang ein dialysepflichtiges Kind und dabei genügend Gelegenheit, über Schicksal nachzudenken.
Bei meiner Arbeit im Kinderhospiz lerne ich manchmal Schicksale kennen, die kaum faßbar sind. Aber die Betroffenen brauchen alles andere als Mitleid. Und wenn es gelingt, dem anderen klar zu machen, daß sein Schicksal einen übergeordneten Sinn haben kann, dann kann er es vielleicht leichter ertragen.
Ich denke an ein Beispiel von Viktor Frankl: Wenn wir einem Hund mit dem Finger zeigen, wo er hinlaufen soll, so wird der Hund nicht nach der Richtung gehen, die ich ihm als Mensch zeige, sondern er wird nach dem Finger schnappen, weil er den Sinn meines Fingerzeiges nicht versteht.

Liebe Grüße
Emil
Danke für die ausführlichen Anmerkungen!
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Renate ein schöner und wichtiger Beitrag für alle Menschen die gehandicapt sind.
......und auch für Menschen ohne Handicap
Danke Hega, Dein Kommentar freut mich sehr.
Es war ein spontaner Einfall, dieses Erlebnis aufzuschreiben und ich finde es schön, dass es etwas auslöst.
Ich hatte in meinem Beruf öfters mit Behinderten zu tun und kenne die Reaktion der "Normalos". Manchmal sind sie richtig peinlich. Deshalb finde ich auch Inklusion so unheimlich wichtig. Kinder sind einfach anders.........
Das habe ich auch erlebt, dass Kinder spontan und unvoreingenommen reagieren, und den Eltern das peinlich ist, obwohl nichts Falsches an ihrem Verhalten ist. LG.
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So wünsche ich mir das Zusammenleben, wie es der Mann gezeigt hat.
Normalität im Sinn von akzeptieren, wie ein Mensch ist, denn : die Würde des Menschen ist unantastbar...!! Das gilt für alle, unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat, schwarz, weiß oder gelb ist, unabhängig an welchen Gott er glaubt und so weiter....
Danke, Frietel, für Deinen Kommentar.
Ich bin ganz Deiner Meinung, auch wenn ich zugeben muss, dass es mich in diesem Falle etwas verunsichert hat, ich aber im nachhinein froh war, ihn angesprochen zu haben. Ich werde diese Begenung immer in Erinnerung behalten, und, wer weiß, er mich vielleicht auch.
Die Verunsicherung ist normal, wenn man solche Begenungen nicht gewohnt ist ! Aber Ansprache löst meist verkrampfte Situationen.
Auch die Frage "kann ich Ihnen helfen" und das Akzeptieren jeglicher Antwort löst oft Verkrampftheiten und Unsicherheiten.
Dir eine gute Nacht, ich muß jetzt schlafen, bin ziemlich k.o. Melde mich morgen wieder.
Gute Nacht Frietel, ich bin auch gleich weg, muss ja morgen früh raus!
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Eine schöne Geschichte zum nachdenken, und zum inne halten. Durch meine Arbeit in einem Kindergarten mit einer Integrationsgruppe, habe ich die Kinder kennen gelernt. Bei den Erwachsenen ist das natürlich nicht so leicht zu akzeptieren und doch können sie sehr glücklich sein.
Danke Kunigunde! Es freut mich, dass sie Dir gefällt, hab' sie erst am Samstag erlebt.
Ganz liebe Grüße
Renate
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Danke Renate für diese schöne Geschichte. Sie hat mir den Morgen verschönt und mir mal wieder gezeigt, wie glücklich wir über das Leben sein sollten
Das freut mich sehr, Brigitte!
Ich habe lange nichts mehr geschrieben und gemerkt, dass ich ziemlich außer Übung bin.
Aber diese Begegnung am Samstag musste ich unbedingt aufschreiben.
Danke für Dein Interesse!
Schön, dass du wieder schreibst. Ich will auch immer wieder, doch die Muse will mich nicht küssen.
Das war auch nur 'ne Eintagsfliege, was Prosa angeht.
Gedichte fallen mir im Augenblick leichter. Aber alles kommt wieder, auch der Musenkuss!
Dann schreib doch Gedichte. Ich habe zwar viele Geschichten im Kopf doch fehlt mir die innere Ruhe, die zu Papier zu bringen.
das kann ich verstehen, Brigitte! In meinemKopf tummelt sich auch so einiges.
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