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Denkwürdige Begegnung
Denkwürdige BegegnungFoto-Quelle: Peter A.

Denkwürdige Begegnung

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die U-Bahn war überfüllt. Ich wollte nur kurz in die Innenstadt, um etwas zu besorgen, und war froh, noch einen Platz ergattert zu haben.

Flüchtig sah ich mir die Leute an und mein Blick blieb an meinem Gegenüber hängen. Nicht an seinem Gesicht oder an ihm, als Person, vielmehr, wie magisch angezogen, an den winzigen Stummeln, die aus seiner dicken, ärmellosen Weste herausstanden. Bestürzt über das Gesehene und, ja, auch ein wenig beschämt, schaute ich sofort in eine andere Richtung. Doch schon kurz darauf suchten meine Augen wieder diese Stelle, als wollten sie sich vergewissern, ob sie auch richtig gesehen hatten, wanderten aber diesmal zum Gesicht weiter und musterten schließlich die gesamte Gestalt. Ein schlanker, fast schlaksiger Mann mittleren Alters, die Haare schon ergraut, saß entspannt und gelassen da und hatte offensichtlich meine Blicke nicht bemerkt. Ich konnte nicht umhin, noch einmal diese armlosen Schultern zu betrachten, als ob es ringsumher nichts anderes zu sehen gegeben hätte.

Als ich meinen Blick wieder abwendete, gingen mir tausend Fragen durch den Kopf. Wie kann er nur im Leben zurechtkommen? Muss er nicht ständig betreut werden? Er kann ja nicht mal seine Hose zum Pinkeln öffnen. Lebt er mit jemandem zusammen? Kann eine Frau einen derart behinderten Mann lieben? Ist er verzweifelt, verbittert?
Wieder schaute ich kurz in sein Gesicht und fand keinerlei Anzeichen dafür, dass er unglücklicher wäre, als irgendein anderer. Ich musste mich dazu zwingen, nicht mehr diese Armstummeln anzustarren, doch meine Gedanken ließen sich nicht stoppen. Wie viel ihm im Leben verwehrt bleibt, ging mir durch den Sinn. Meine eigenen Sorgen und Nöte erschienen mir plötzlich so geringfügig und nichtig.

An meiner Haltestelle angekommen, stieg ich rasch aus und wollte die Gedanken endlich abschütteln. Da drang ein feines, wunderschön melodisch gepfiffenes Lied an mein Ohr. Ich lauschte freudig berührt der Melodie, „only you“ erkannte ich sofort. Nach kurzem Zögern drehte ich mich um... hinter mir schlenderte der armlose Mann, fröhlich sein Liedchen pfeifend.
„Sie können aber kunstvoll pfeifen“, sagte ich zu ihm, als er mich überholte. „Ach, das mach ich nur hobbymäßig“, meinte er, und ein zauberhaftes Lächeln überstrahlte sein Gesicht.

Renate Massari
Foto von Peter A.