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Frohe Weihnacht
Frohe WeihnachtFoto-Quelle: Fotocommunity.de

Frohe Weihnacht

Beitrag von wize.life-Nutzer

Schon über vier Stunden saß er im dezemberlichen Nieselregen vor dem großen Kaufhaus. Die Passanten eilten an ihm vorüber und nur ab und zu blieb einer kurz stehen, um ihm ein paar Groschen in die spärlich gefüllte Blechdose zu werfen. Er hatte den breitkrempigen Hut weit über die Stirn gezogen. Das Regenwasser sammelte sich im nassen Filz, um dann schlußendlich auf die Knie der abgewetzten Hose zu tropfen.

So wie Jakob heute hier saß, in heruntergekommenen Klamotten, mit leerem Blick, unrasiert und in verwahrlostem Zustand, würde wohl kaum einer ahnen, daß er noch vor einigen Jahren Maschinenbauingenieur und ein treusorgender Familienvater war. Als dann seine Ehe scheiterte, man sich trennte, die Kinder seiner Frau zugesprochen wurden, fiel er in ein großes Loch. Der Alkohol komplettierte seinen Absturz noch. Seitdem lebte er auf der Strasse. Er hatte schon lange resigniert, denn seine Lage schien ihm aussichtslos. Er teilte sein Schicksal mit etlichen anderen Tippelbrüdern, von denen jeder Einzelne seine ganz eigene Geschichte hatte.

Vor dem Kaufhaus war auch die kleine, siebenjährige Laura mit ihrer Mutter unterwegs. Gerade hatte die Mutter eine Nachbarin getroffen und unterhielt sich mit dieser am Straßenrand. Laura sah den bärtigen Mann dort am Hausrand gelehnt sitzen und starrte ihn unverwandt an. Er sah so traurig aus, dachte sie. Ihre linke Hand, tief in ihrem Mäntelchen vergraben, umklammerten den kleinen Strohstern, den sie heute, mit etlichen anderen, in der Schule gebastelt hatte. Es war ihr schönster Stern, der, welcher ihr am besten gelungen war. Mit wenigen Schritten war sie bei dem Bettler angekommen. Sie nestelte an ihrer Manteltasche und kramte ihren Strohstern hervor. Langsam bückte sie sich und legte den Stern vorsichtig zu den vereinzelten Groschen in die Dose. "Frohe Weihnacht", flüsterte sie dem Mann zu, während sie sich aufrichtete. Ein Leuchten ging über Jakob`s Gesicht und ihr war, als zögen in diesem Moment winzig, glitzernde Sterne durch seine Seele. "Danke, meine Kleine, dies wünsche ich dir auch von Herzen", entgegnete Jakob und für einen kurzen Augenblick dachte er an seine beiden kleinen Mädchen und eine Träne bahnte sich ihren Weg und tropfte, zusammen mit den Regentropfen, auf die schon völlig durchnässte Hose...


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3 Kommentare

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Diese Geschichte berührt mich sehr, liebe Monika! Ich kenne auch Menschen die alles verloren haben und sehe sie inmitten unserer Überflussgesellschaft irgendwo sitzen. Hinter jedem Einzelnen verbergen sich bewegende Schicksale. Viele davon sind unschuldig in diese Situation gekommen.
Mitgefühl können Kinder am besten, wir müssen uns manchmal daran erinnern lassen.
Wie recht du hast,Renate!
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Schöne, anrührende Geschichte. Kinder sehen oft hinter die Fassade. Erwachsene haben das in ihrer Hektik schon lange verlernt. Dankeschön Monika
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