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16. Türchen: Die Hungerleider
16. Türchen: Die HungerleiderFoto-Quelle: ©Markus Plenk / www.pixelio.de

16. Türchen: Die Hungerleider

Beitrag von wize.life-Nutzer

Herbststürme waren vergangen. Die Adventszeit brachten wir tapfer hinter uns und der Weihnachtskalender wurde nicht angerührt. Am Heiligen Abend lagen drei Marzipankartoffeln auf unseren bunten Tellern, drei für mich, drei für meine Frau. Wir waren überglücklich. Die angebrochene Tüte hatte ich schön längst in der Vorratskammer versteckt. Möge sie dort bis zur nächsten Weihnacht ruhen. Susanne machte aber ein nachdenkliches Gesicht. »Die werden schlecht bis dahin!«, sagte sie und stocherte mit dem Löffel im Müsli herum, »wenn wir Kinder hätten, wären die Marzipankartoffeln längst verputzt.« Sie hatte natürlich recht wie meistens recht hatte und meistens waren wir einer Meinung, auch darin, dass wie nicht an den Feiertagen unsere Bäuche vollschlagen wollten, um dann im Januar mit der Miene eines Hungerleiders herumzulaufen und die Pfunde mit Gewalt herunterzuschinden. Wir hatten auch keine Lust, unsere Bäuche unter dicken Wintermänteln zu verstecken, unsere Freunde zu belügen, wir hätten über die Feiertage nicht zugenommen. Diese Lügerei wollten wir uns ersparen, außerdem ist es preiswerter schlank zu bleiben.

Vor Jahren noch genossen wir vorweihnachtliche Naschattacken. In der Adventszeit hockten wir im warmen Kerzenschein und knabberten an einem Butterkeks, träumten vom Christstollen, von Schokolade, Marzipankartoffen und Spekulatiuskeksen. Wir stellten uns vor, wie wir massenweise Christstollen mampften, denn natürlich hatten wir den Geschmack von früher noch in Erinnerung, Nachts wachten wir auf und vor unseren Augen hüpften Marzipankartoffeln wie Pflummibälle. Heißhunger hechelte durch unsere Körper und ließ uns keine Ruhe. Wir sprangen aus dem Bett und stürzten in die Vorratskammer.

Eines Nachts aber, meine Blase drückte viel zu spät und wachte erst gegen zwei auf und das brachte meine Laune auf einen Tiefpunkt. Die Marzipankartoffeln waren längst in Susannes Magen versenkt und mir blieben nur noch ein paar Kekse übrig. Verdammt. Ich griff in die Tüte. Das Rascheln hörte sich verboten an. Die Welt war im Tiefschlaf versunken und auf der vereisten Straße vor unserem Hause traute sich kein Auto mehr. Ich stand in der Küche wie ein armseliger Trottel und stopfte die vier oder fünf Kekse in meinen brüllenden Magen, zerkaute alles bis zum letzten Krümel. Die leere Tüte zerdrückte ich mit meiner Hand in den Mülleimer. Mir tat das innerlich weh, weil die Tüte leer und nutzlos war. Die Kekse kämpften mit der Magensäure ums überleben, nur der Geschmack blieb noch eine lange Zeit auf meiner Zunge.

Viele Jahre ging das so und in jedem September verkündeten die Regale der Gechäftee die frohe Botschaft. Christstollen lachten uns an. Es ist sicher nicht verkehrt, wenn man weiß, dass Jesus in der Heiligen Nacht geboren wurde, aber was hatten die Stollen damit zu tun? Jahrelang aßen wie Christstollen und wussten nicht, dass das Naumburger Innungsprivileg des Bischofs Heinrich I. von Grünberg im Jahre 1329 den Stollen in lateinischer Sprache erwähnte. Im 16. Jahrhundert tauchte eine deutsche Übersetzung auf, die den Stollen als lange Weißbrote aus einem halben Scheffel Weizen umschrieb, die, ich zitiere, alle Jar an des heiligen Crist - Abende , Zitat Ende, verzehrt wurden. Wie er damals geschmeckt hat, weiß heute niemand. Das brauchte uns aber nicht zu kümmern. Wir ließen sie alle auf unserer Zunge zergehen, egal ob Mandelstollen, Marzipan- Persipan- Mohn- Nuss- oder Butterstollen, Quarkstollen, Dresdner Christollen oder der Hofgeismarer Stutewecken, der mit Puderzucker bestäubt ist und das in Windeln gewickelte Christuskind symbolisieren soll. Ich fand das toll, und mal ehrlich, wenn wir zur Heiligen Kommunion Christstollen bekämen, dann würden wir wieder in die Kirche gehen. Allerdings hatten wir nicht die Macht die katholische Liturgie zu reformieren, und da wir diese Macht niemals hatten und niemals haben werden, aßen wir weiterhin Christstollen und dachten nicht mehr an die Krippe, an den Ochsen, den Esel, die Hirten und an die Weisen aus dem Morgenland. Wir freuten uns, wenn die Sommerferien vorübergingen und die Naschsaison begann.

Aber dann, eines Tages ging ich zu meinem Hausarzt und machte eine Routineuntersuchung. Ein Kanülenstich in die Armbeuge und das Blut floss in die Röhrchen. Natürlich hatte ich Angst, im Blutbild könne man Marzipankartoffeln entdecken. Mein Arzt stellte eine Gewichtszunahme und erhöhten Blutdruck fest. Natürlich wusste ich, dass 100 g Lakritze den Blutdruck in die Höhe treiben können, bei dieser Dosis auch mit Herzrhythmusstörung zu rechnen sei, allerdings habe ich nie Lakritze gegessen. Ich kann das Zeugs nicht ausstehen aber ich hoffte inständigst, im Blut könne man Spekulatiusskekse nachweisen wie eine Tüte Popkorn, nämlich gar nicht. Es dauerte aber einige Tage, bis ich die Laborergebnisse erfuhr. Ich nutze die Zeit und besorgte mir Informationen über die Auswirkung übermäßigen Zuckerverzehrs auf den menschlichen Körper und wurde schnell fündig: Unerklärliche Müdigkeit, Antriebs- und Energielosigkeit, Depressionen, Angstzustände, Magen- und Darmprobleme wie Völlegefühl, Blähungen, Durchfall und Verstopfung, Haarausfall, Hautkrankheiten, Pilzbefall, Nervosität, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche. Susanne musste ich beibringen, sie könne lästige Menstruationsbeschwerden bekommen. Der reinste Horror, wie der Beipackzettel eines harmlosen Medikamentes. Ich bekam Schiss und pfiff den nächsten Weißkitteltermin. Tags darauf ein Anruf. Na, wer wohl.

Ich betrat das Arztzimmers und vermied, der gelehrten Stirn ins Gesicht zu schauen. Ich setze mich auf den Stuhl und wartete. Herjeh, wann fängt der endlich an mit seiner Standpauke über mein versautes Blutbild?, dachte ich, doch der studierte Mann schob die Schreibtischschublade auf, kramte herum, es raschelte verdächtig und zum Vorschein kamen zwei Spekulatiuskekse. Er musste in meinem Blutbild Überbleibsel dieser Köstlichkeit festgestellt haben, anders war das nicht zu erklären. »Greifen Sie zu«, sagte er, und hielt mir die Knabberdinger vor die Nase, »wenn Sie aufhören, Süßigkeiten zu essen, können sie einen Diabetes Typus II vielleicht noch verhindern. Aber essen Sie in Ruhe. Das wird Ihr letzter Keks sein.«

Wir stellten unsere Ernährung um. Vollkornbrot, Soja, frische Rüben, Radi, Weißkohl, Fenchel, frische Äpfel und so weiter. Der Gang zum Bauernmarkt wurde zur Gewohnheit. Dort trafen wir eines Tages eine Veganfanatikerin und Susanne wurde eine Veganfanatikerin und ich ein Fanatiker. Unsere Kilos purzelten. Es dauerte nicht lange, da wölbten sich unter unseren Backen Gesichtsknochen hervor, als wollten sie sich durch die Haut pressen. Morgens schaute ich in den Badspiegel und dachte an einen Totenkopf. Wenn Susanne auf unserem alten Klavier Rachmanninoff spielte, hatte ich Angst, ihr spindeldürrer Körper würde beim Fortissimo auseinanderbröseln. Am Advent hockten wir im warmen Kerzenlicht, auf unserem Tellern lag ein Butterkeks, ein Butterkeks für mich, ein Butterkeks für meine Frau. Wir dachten an die guten alten Zeiten und es kullerten einige Tränen über unsere Hungerleidergesichter.

©MartinStauder


6 Kommentare

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Alles kann man mir verbieten, weil ich es eh nicht unbedingt gern esse, aber einen Dresdner Stollen nicht! Den lasse ich mir nicht nehmen, da eher wird Weihnachten abgeschafft.
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Oh Maddin mein schlechtes Gewissen regt sich wieder. Aber ich mache nur zu Festtagen wirklich eine Ausnahme. Aber dann schwelge ich in wirklich guten Köstlichkeiten. Im neuen Jahr ist wieder Disziplin angesagt. Aber dadurch halte ich auch meine Größe 38
Ich habe gerade Lebkuchen gegessen.
Ich vorhin einen Champagnertr üffel und heute Nachmittag zarte Lebkuchen
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Ich mag keinen Stollen. Versteht kaum einer.
Dank dir Martin, habe ich jetzt eine gute Argumentation.
Danke für deine Geschichte
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Köstlich! - Wo sind denn bloß meine Dominosteine geblieben???
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