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Das Lied der Heimat

Von wize.life-Nutzer - Dienstag, 31.03.2015 - 03:19 Uhr

Als Artur Dreyer den kleinen Bergarbeiterort mitten im Ruhrgebiet erreichte und die Sonne hinter den Förderanlagen, Hüttenwerken und Halden versinken sah, schien er auf einmal in seine alte sudetendeutsche Heimat versetzt zu sein, und ihm war, als müßte er bald den frohen Gruß der Kumpel von Joachimstal im Erzgebirge hören. -

Schon lange hatte er nicht solch starkes Heimweh gehabt. Vor Monaten packte es ihn eigentlich zum erstenmal mit erschütternder Kraft, ihn den sechzigjährigen Junggesellen. Damals ritt er über seine weiten kanadischen Besitztümer, die nach zuverlässigen Bohrungen Eisen und Erdöl bargen. Ganz plötzlich war er sich seines unermeßlichen Reichtums bewußt geworden. Doch seltsam, dieser Gedanke, der ihn früher berauscht hätte, konnte ihn nicht mehr überwältigen, er quälte und beunruhigte ihn höchstens. Artur Dreyer grübelte dieser Wandlung nach, konnte ihre Ursache aber nicht ergründen.

Den Abend hatte er im Klub verbracht. Er tat es eigentlich gewohnheitsmäßig, und er hatte gehofft, daß er von der Geselligkeit seiner Freunde angesteckt werden würde. Aber heute langweilte ihn die Unterhaltung der anderen, ihre Späße fand er fade, und so zog er sich in eine Ecke zurück. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, drehte er an der Einstellungsskala des Radiogerätes.

Plötzlich lauschte er gebannt einigen Takten und Worten eines Liedes nach, die nur verstümmelt über den Äther zu ihm kamen.

Für Artur Dreyer hatten diese wenigen gesungenen Worte dennoch genügt, drei Jahrzehnte seines Lebens auszulöschen und eine Brücke zu schlagen nach dem kleinen, stillen Gottesgab unter dem Gipfel des Keilberges im böhmischen Erzgebirge, wo er geboren war und aus welchem das Fernweh ihn getrieben hatte, als er noch ein junger Bursche war. Damals und schon früher hatte seine Mutter oft mit ihm und seiner Schwester das Lied gesungen, das jetzt in Bruchstücken an sein Ohr gedrungen war: "Da Sunn steicht hinterm Wald driem nei, besaamt da Wolkn rut, al jeder leecht sei Warkzeich hie on schwenkt zen Gruß sän Hut."

Die Clubkameraden schauten verwundert drein, als Artur Dreyer unvermittelt aufbrach, und einer lachte hinter ihm drein: "Er hat heute seinen sentimentalen Tag!"

Inzwischen fuhr der alte Junggeselle langsam in den Abend hinaus, immer nach Westen, wo die Sonne die letzten hohen Spitzen der fernen Berge rot färbte. Da summte Artur Dreyer das Lied, das der Freund seiner Eltern aus Gottesgab gedichtet und vertont hatte und das das Lieblingslied seiner Mutter geworden war: "'s is Feieromd, 's is Feieromd, es Tochwark is vullbracht, 's gieht alles seiner Hamit zu, ganz sachta schleicht da Nacht."

An diesem Abend faßte Artur Dreyer den Entschluß, endlich wieder einmal nach Deutschland zu fahren und sein Lebenswerk durch einen großen Feierabend in der Heimat zu krönen. -

Und nun war er hier im Ruhrgebiet - mitten im Herzen des blutenden deutschen Vaterlandes. Als er ankam und erfuhr, daß auch für ihn die sudetendeutsche Heimat unerreichbar blieb, dämmerte in ihm das Verständnis auf für die Leiden derer, die man von Haus und Hof vertrieben hatte, weil sie Deutsche waren. Tagelang irrte er verstört durch die zertrümmerten Städte. Er sah, wie die Not überall das Leben zu ersticken drohte, wie die Angst vor dem Kommenden allen Frohsinn zerschlug, wie sich Kinder um Brot zankten und wie Männer und Frauen vom Hunger in Verbrechen getrieben wurden.

Auch jetzt verfolgten ihn die schimmen Eindrücke in die stille Einsamkeit, in die er geflüchtet war, um klare Entschlüsse zu fassen. Herrlich, dieser milde Sommerabend! Dreyer war froh, daß wenigstens für einige Stunden der Lärm der Großstädte hinter ihm lag und er wieder die Stimmen der Natur vernehmen konnte, den Abenddank der Vögel, das Zirpen der Heimchen und den rauschenden Wind.

Er setzte sich an den Rand eines Feldweges. Drüben auf der Wiese rechten einige Frauen Heu zusammen. Wie würzig es duftete! Oft hatte er seiner Mutter als Kind bei solcher Arbeit geholfen. Das war lange her. Seine Eltern und seine Schwester waren gestorben, während er in der Fremde dem Glück nachjagte.

Bei der Arbeit schwatzten die Frauen dann und wann. Teile ihrer Unterhaltung drangen zu dem einsamen Mann herüber. Aber er achtete nicht darauf, so sehr grübgelte er der Verangenheit nach. Nun war die Sonne allmählich so tief gesunken, daß die höchsten Wolken verblaßten. Dreyer sah kaum, wie die Frauen ihre Arbeit beendeten, und zuckte zusammen, als sie sich gegenseitig zuriefen: "'s is Feieromd!"

Schade, die Frauen nahmen einen anderen Weg. Zu gerne hätte Dreyer mit ihnen gesprochen. Aber nacheilen mochte er ihnen nicht.

Im Gasthof "Deutscher Kaiser" machte der Wirt ein Fremdenzimmer für den ausländischen Herrn frei. Nach dem Abendessen, das Dreyer in der Gaststube einnahm, kam er mit einigen Bergleuten ins Gespräch. Zwei von ihnen waren Flüchtlinge, der eine stammte aus Schlesien, der andere aus dem Sudetenland. "Ich bin von Gottesgab", sagte Dreyer. "Sind noch viele von dort hier im Ort?"

"Hier ist alles voll von ihnen", sage sein Landsmann und blickte traurig drein. "Uns fehlt die Heimat. Nur wer sie verloren hat, weiß, was wir leiden. Wenn Sie Zeit haben, mein Herr, dann führe ich Sie morgen durchs Dorf."

Dreyer sagte dankbar zu, dann zog er sich in sein Zimmerchen zurück. Ein junges Mädchen hatte soeben die Betten frisch bezogen und eine Kübel Wasser auf den Waschtisch gestellt, als er eintrat.

"Wo bist du denn her, mein Kind?" fragte er gütig. "Aus Gablonz, mein Herr", lautete die Antwort, und das Mädchen wunderte sich, daß der Gast mitleidig murmelte: "Armes Ding."

Noch lange saß Artur Dreyer an diesem Abend am offenen Fenster. In der Ferne brannten die Feuer der Hochöfen, schwach drang das schrille Pfeifen der Lokomotiven und das Geklirr der Kipploren herüber. Im Dorf aber, irgendwo in einem Hause in der Nähe, sangen Menschen seiner Heimat das Lied seiner Mutter. Doch es klang gar nicht froh, sondern schwermütig und traurig: "Und überm Wald a Vögela, fliegt noch san Nastl zu. Vom Dörfel drübn a Glöckl klingt, dos mahnt: legt euch zer Ruh."

Jeder Strophe fügten sie den Kehrreim wie eine heimliche Klage hinzu: "'s is Feieromd, 's is Feieromd, es Tochwark is vullbracht, 's gieht alles seiner Hamit zu, ganz sachta schleicht da Nacht."

In dieser Nacht schlief Artur Dreyer schlecht. Schon am frühen Morgen stand er deshalb auf und ging ins Dorf hinein. Arbeiter kamen und gingen, junge Burschen und Mädchen radelten zur Zeche hinüber oder in die Fabrik, Einheimische und Fremde bunt durcheinandergewürfelt. Sirenen kündigten den Schichtwechsel an.

Da traf er seinen Bekannten vom Abend vorher, der zu ihm sagte: "Ich muß zur Schicht, ein Kollege ist krank geworden. Ich hätte Sie gern geführt. Aber dort kommt Schwester Christel, die aus Saaz stammt. Sie wird Ihnen gern behilflich sein."

Die Gemeindeschwester blieb stehen. "Natürlich nehme ich Sie mit, wenn Sie mich begleiten wollen."

Unterwegs sah und hörte Artur Dreyer mehr, als er für möglich gehalten hatte. Da liefen elternlose Kinder umher. Sie wären längst verwahrlost, wenn sich Schwester Christel nicht ihrer angenommen hätte. Hier stießen Witwen auf die Verständnislosigkeit der Einheimischen. Die Gemeindeschwester vermittelte. Immer und überall sprang sie zur rechten Zeit ein.

Als sie am Gemeindehaus vorbeigingen, sagte die Schwester: "Ich muß schnell mal nachschauen, was meine Alten machen!"

Er folgte ihr. Ein kleiner Raum zu ebener Erde war ihr Arbeits- und Wohnzimmer. Gerade wartete wieder eine junge Mutter mit einem schmalbrüstigen, blassen Kinde auf sie, um den versprochenen Lebertran abzuholen. Im Nebenzimmer erblickte Dreyer alte Frauen und Männer.

Schwester Christel flüsterte: "Lauter Flüchtlinge! Am Tage halten sie sich hier auf, weil ihre Unterkünfte zu erbärmlich sind und weil sie sich ja doch nicht selbst helfen können."

Dreyer setzte sich zu ihnen, aber ihr Schicksal war so hart und grausam gewesen, daß sie nur schwer darüber zu sprechen vermochten.

"Uns bleibt nur noch der Tod", sagte ein Ostpreuße, dem ein großes Gut gehört hatte und der nun in Lumpen ging und um Brot bettelte. Eine Alte aber, die mit einem spitzen Lächeln auf den Lippen auf Dreyer zukam, sang auf einmal mit brüchiger, dünner Stimme: "Gar mannichs Herz hot ausgeschlogn, vorbei sind Sorg' und Müh'n, un übers Grab ganz sachte zieht, a Rauschen drüber hin."

Unwillkürlich mußte Dreyer an seine Eltern und an seine Schwester denken, die schon lange zur großen Ruhe gekommen waren. Er hörte die freundlichen Worte der Gemeindeschwester, mit denen sie die alten Leute aufmunterte, und kam sich mit all seinem Reichtum erbärmlich und unnütz vor.

Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Er sprang erregt auf und rief: "'s ist Feierabend, das Tagwerk ist vollbracht! Jawohl, so soll es sein! Ich will dafür sorgen, daß die Alten den Feierabend ihres Lebens genießen können! Schwester, Ihnen verdanke ich es, daß auch mein Tagewerk gut enden wird!"

Hastig zog er sie hinaus und erklärte ihr, daß er Heime für die notleidenden Alten seiner Heimat gründen wolle und er bat sie, ihm dabei zu helfen. Dann erzählte er ihr, wie ihn das Lied seiner Mutter aus der Fremde in die Heimat geführt hatte.

von Paulus Langholf

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1 Kommentar

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Das Lied der Heimat......wunderschön geschrieben erinnert mich an Erzählungen meiner Mutter die aus Schlesien stammte und mich in meine Kindheit zurück versetzt. Ein schönes Gefühl.....weiter so.....
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