Leanderturm (Üsküdar)
Leanderturm (Üsküdar)Foto-Quelle: ©MartinStauder

Der alte Fischer von Üsküdar

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Legende erzählt
von einem Wahrsager, der den Tod einer Prinzessin durch Gift voraussagte, deshalb der Vater sie in dem Turm einschloss....

Die tragischen Umstände, die zum Tod des Fischers Yasin Gül aus Üsküdar führte, hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. An jedem Tag fuhr er mit seinem Boot um die kleine Insel im Bosporus herum und schaute mit großer Angst auf den Leanderturm. Seine Tochter Dilayda hatte er darin einsperren müssen, denn ein verschmähter Liebhaber wollte sie vergiften. Jeden Tag hielt der Fischer Wache und fuhr einige hundert Mal um die Insel. Niemand durfte sie betreten und er wartete auf ein Lebenszeichen seiner Tochter. Irgendwann wird sie aus einem der Fenster schauen, hoffte Yasin. Doch das Mädchen war sehr unglücklich und schmollte einsam auf dem Boden in der Ecke ihres Zimmers. Ein Blick aus ihrem Fenster hätte sie nur noch trauriger gemacht. Der schöne Blick über das Wasser, die Minarette der Suleymaniye - Camii und das bunte Treiben der Schiffe auf dem Wasser- all das hätte sie nur noch trauriger gestimmt, war sie doch in diesem Turm gefangen und konnte keinen Anteil an dem bunten Leben ihrer Stadt nehmen. Sie war eine moderne junge Türkin, die ohne Kopftuch und mit leichter lebensfroher Kleidung im Istanbuler Nachtleben aufblühte. Yasin Gül hatte sich, als er Arife zur Frau nahm, einen Sohn gewünscht, damit er, wenn er sich zur Ruhe setzte, seinem Sohn das Boot überlassen konnte. Doch kam es anders und wie sollte es auch sonst sein. Niemand konnte die Zukunft vorhersehen und es war letzten Endes auch gut so. Arife und Yasin verbrachten eine glückliche Zeit mit ihrem kleinem Baby und es gab nichts Schöneres, wenn aus der Wiege diese schönen Laute zu ihnen hinüberflogen. Yasin liebte seine Tochter über alles und vergaß schnell, dass er sich einmal einen Sohn gewünscht hatte. Dilayda wuchs zu einer bezaubernden Frau heran und ging sogar zur Universität. Yasin kam mit dem modernen Leben ihrer Tochter nicht zurecht. Er gab sich damit zufrieden, wenn er Abends mit einem Glas Tee in der Hand über das Wasser schauen konnte und die Sonne hinter den Kuppeln verschwand. Dann wurde Yasin müde und erblickte in den Wellen das zerknitterte Gesicht des Mondes. Seitdem Dilayda ihre Tage einsam in den Turm verbringen musste, war auch das Unglück über den Fischer hereingebrochen. Weil er tagsüber nur um die Insel herumfuhr und nach einem Lebenszeichen ihrer Tochter spähte, hatte er den Fischfang vernachlässigt und konnte nichts mehr verkaufen und wer weiß, vielleicht ist seine Tochter längst vehungert. Yasin Gül wusste nicht mehr, wie lange ihre Nahrungsvorräte im Leanderturm noch ausreichen würden und vielleicht sind sie schon aufgebraucht oder das süße Baklavagebäck vergiftet und das süße Leben zunichtegemacht.

Eines Tages, es war um die Zeit, in der die Menschen Lämmer und anderes Getier opferten, da kam Yasin Gül ins Schwitzen. Ein Motorboot legte an der Insel an. Es war ein junger Mann an Bord. Er sprang vom Boot und ging auf den Turm zu. In einer Tüte hatte er ein Opferlamm versteckt. Es war irgendein Studienkamerad von Dilayda, der es gut meinte, denn es sprach sich herum, dass die Tochter des Fischers sich im Turm befinden soll. Die meisten Menschen in Istanbul glaubten aber, das sei nur ein dummes Gerücht. Yasin konnte den Mann aufhalten und von der Insel verscheuchen. Aber dieser Zwischenfall brachte dem Fischer noch ein mal klar vor Augen, in welcher Situation sich seine Tochter befand. Der Mann war gerade mit seinem Motorboot wieder weggefahren, da fing der Fischer an zu weinen. Sogar Kurban Bayrami wird ihr vorenthalten, nie wird sie jemals einen Fuß in Mekka setzen können. Diese Gedanken quälten ihn fürchterlich und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich in eines seiner Netze gelegt und sich in den Bosporus versenkt. Aber er wollte sich nicht versündigen und achtete den Koran. Und tötet euch nicht selbst!, so hieß der Vers, der ihn am Leben erhielt. Auch wenn er nicht wusste, was für einen Sinn das Leben seiner Tochter im Turm hatte, wusste er, dass alles, was geschaffen ist, nach Bestimmung erschaffen ist. Daran konnte er nichts ändern. Wie sollte er auch. Er war nur ein kleiner Fischer am großen Bosporus und das wollte er bleiben. So warf er seine Netze aus und sie füllten sich wieder. Abends ging er ans Ufer und hatte mehrere Eimer voll. Zackenbarsch, Merlan, Knurrhahn und wie sie alle heißen.

Sein bester Freunde war Armenier. Donnerstags kaufte er bei Yasin ein und an einem Ostersonntag lud Tigran, der Armenier, Arife und Yasin zum Chorováts ein. Mit Kartoffeln aufgespießte gesalzene und gepfefferte Lammstückckchen.
»Auf unserem Opferfest Kurban Bayrami essen wir auch Lammfleisch, bemerkte Yasin und zog mit seinen Zähnen ein Stück vom Spieß herunter.«
»Schade das Dilayda nicht bei uns sein kann«, jammerte Arifa und wischte sich eine Träne weg.
Tigran war sehr neugierig und Yasin kam nicht drum herum, ihm die Leidensgeschichte seiner Tochter zu erzählen.
»Ja, ich habe sie auch lange nicht gesehen und dachte schon, sie studiere in Ankara oder sogar im Ausland.«
»Dilayda ist so nah und doch so fern«, klagte Yasin und es wurde auf einmal so traurig, als ob Jesus noch nicht auferstanden wäre und er erzählte seinem Freund, dass ein Schwein Dilayda vergiften wolle, darum musste er sie verstecken. Daraufhin legte sich die Trübnis wie ein seidener Trauerflor über die Menschen in dieser kleinen Wohnung. Nach dem Essen verabschiedeten sich Yasin und Arifa. Tigran konnte es nicht fassen. Warum tut Allah solch einem Mädchen etwas an? Weil der Fischer und seine Frau Moslems waren, sagte er wirklich Allah und ihm fiel die Geschichte ein, in der Gott Abraham aufforderte seinen Sohn zu opfern. Tagrin war davon überzeugt, dass auch Dilayda ein Opfer war und eines Tages befreit sein werde. Für Yasin ist die Gefangenschaft des Mädchens eine Prüfung. Ja, so muss es sein, dachte er.


Tigran ließ seinen Freund aber nicht ohne Ostereier gehen. Zuhause angekommen zeigte er Arifa diese bunten Gebilde.
»Kann man die essen?«, fragte Afira und schaute ungläubig drein.
»Ich denke schon«, antwortete Yasin. Und plötzlich hatte er eine Idee. Er war sich sicher, dass Tigran seine Tochter niemals vergiften würde, die Eier also unbedenklich seien. Darum beschloss er, am nächsten Tag zur Insel zu fahren, um zum ersten Mal seit Langem wieder den Leanderturm zu betreten. Yasin Gül wollte seine Tochter mit einer Rose begrüßen und ihr die bunten Eier überreichen. Endlich hatte er einen Grund, den Turm zu betreten und hoffte, sie sei noch am Leben. In aller Frühe machte er sich auf. Die Eier packte er in ein Säckchen und warf den Motor an. Noch war es still auf dem Bosporus. Nur das Tuckern seines Bootes war zu hören. Die Minarette zeigten in die kühle Morgenbläue. Gleich wird der Muezzin das erste Gebet des Tages singen. Er gelangte zu der kleinen Insel, befestigte das Boot am Steg und schritt eilig zum Leanderturm. Er besaß den Schlüssel des Tores, doch anstatt ihn in die Hand zu nehmen, warf er einen neugierigen Blick in das Säckchen. Ein rotes, ein blaues, ein gelbes Ei. Er hatte keine Ahnung, warum die Eier bemalt waren, aber die Eier bedeuteten für die Armenien das neue Leben. Das wusste er.Tigran hatte es ihm gesagt. Das Leben nach der Auferstehung. Neugierde packte ihn und er hoffte, Allah habe ein Nachsehen mit ihm, denn als der Muezzin von der Şemsi Paşa Camii das Allah u Akbar, Allah u Akbar. Ash-hadu al-la Ilaha ill Allah, Ash-hadu al-la Ilaha ill Allah. Ash-hadu anna Muhammadan Rasulullaah. Hayya la-s-saleah, Hayya la-s-saleah. Hayya la-l-faleah, Hayya la-l-faleah. Allahu Akbar, Allahu Akbar. La Ilaha ill Allah zu singen begann, pellte Yasin Gül das Ei und hoffte, Allah möge ihḿ verzeihen. Gewöhnlich neigte er sich zu dieser Tagestunde Richtung Mekka, doch das bunte Osterei schaffte es, ihm zum ersten Mal mit dieser frommen Tradition zu brechen. Es musste so kommen, denn alles war vorherbestimmt. Yasin konnte den bescheidenen Geschmack des hartgekochten Eies nicht lange genießen, denn unerwartet brach er zusammen und verstarb. Arifa wartete am Abend vergebens auf ihn und verständigte die Polizei. Seitdem ihr Mann die Netze im Bosporus auswarf, sei er immer heimgekommen, sagte sie eindringlich dem Beamten. Und tatsächlich. Sie entdeckten ihn leblos auf der Insel, vor dem Tor des Leanderturmes. Einst versteckte sich James Bonds Gegenspielerin Elektra Kıng in diesem Gemäuer und Berkay Çelik, der zuständige Kommissar in diesem Fall, wusste das natürlich, aber dieser Fischer, was hatte er auf dieser Insel verloren? Kurzerhand ließ Çelik das Tor aufbrechen, den Schlüssel fanden sie erst später bei Yasin. Sie gingen in die obere Etage und sahen auf den Boden eine fast verhungerte Frau vor sich hinkauern, völlig abgemagert und die Haut brotrocken.

Sie wurde in einem Krankenhaus versorgt. Dem Kommissar Berkay Çelik teilte sie unter vier Augen mit, ihr Vater habe sie eingesperrt, weil sie einen Armenier heiraten wollte. Yasin Gül, der stundenlang Tod neben der Rose lag, die er seiner Tochter schenken wollte, hatte es nie in Erfahrung bringen können, wer dieser Armenier war. Hätte er es gewusst, dann hätte er seinen besten Freund verloren, denn dieser Armenier war Arsen,Tigrans Sohn. Als dieser erfuhr, Yasin komme zum Osteressen, sagt er zu seinem Vater, schenke Deinem Freund ein paar Ostereier. Tigran fand die Idee gut und Arsen spritze mit einer Kanüle heimlich das Gift in die bunten Eier. Wahrlich, sie sollten das Tor zu einem neuen Leben sein, zu einem Leben im Jenseits. Natürlich flog die Tücke auf. Arsen schmorte viele Jahre im Gefängnis und Dilayda wollte nicht den Mörder ihres Vaters heiraten. Arife hatte sich eines der bunten Eier unter dem Nagel gerissen und als Kommissar Berkay Çelik ihr mitteilte, die Eier, die ihr Mann verzehrt habe, seien vergiftet gewesen, nahm sie vor den Augen des Polizisten das bunte Ei aus der Schublade ihres Küchenschrankes und biss, ohne es vorher abzupellen, hinein.

©MartinStauder