Albdrücken
AlbdrückenFoto-Quelle: ©Marina Wiblishauser /www.pixelio.de

Albdrücken

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ein Horror war es immer, wenn der Wecker mich am frühen Morgen mit metallischem Gebimmel aus dem Schlaf riss, dieses Gebimmel sich wie auf einem rollenden rrrrrrrrrrrrrr festbiss, bis ich aus dem Schlaf erschreckt mit der Handfläche meiner Linken dem Graus ein Ende bereitete. Ein kräftiger Schlag auf das kühle Metall, dessen Kälte ich gar nicht spürte, weil ich immer noch an einem Traumfetzen hing. Der Wecker schwieg vorerst, zumindest für die nächsten vierzundzwanzig Stunden, aber die Fetzen flogen noch um mich herum, die große Faust und … beinahe hätte ich wieder auf das verfluchte Ding geschlagen. Der Wecker starrte mich stumm an. Die plötzliche Stille war erschreckend. Ich lag neben dem Pissbecken, an der Wand zurückgelehnt. Der Scheißkerl hatte meine Nase zertrümmert und dann der Wecker. Die Pause war zu Ende und wild schreckte ich hoch. Meine Nase blutete wie Sau. Du blöder Wichser, schrie ich und schlug auf den verfluchten Wecker, der mich unbarmherzig daran erinnerte, dass ich wieder in die Schule musste und mich von diesem Scheißkerl blöd anmachen lassen musste. Der Wecker hatte mich von diesem Traum zwar erlöst, aber die Schule war ein viel größerer Albtraum. Karsten malträtierte im Fahrradkeller mit einer Luftpumpe meine Eier. Schmerzgekrümmt lag ich auf dem Boden und der Arsch filmte mich mit dem Smartphone. Er zog sich das dann garantiert mit seinen Kumpels rein und machte eine Mordsgaudi draus. Ich sah den Wecker nicht mehr an und stieg aus dem Bett. Mutter sagte beim Frühstück, meine Klassenlehrerin, die Frau Hannelore Knipmeyer, habe gestern angerufen und gesagt, es kursiere ein Gewaltfilm auf Facebook und ich sei darauf zu sehen. Sie sagte wirklich Gewaltfilm, aber ich wusste, dass ich niemanden eine reingehauen habe. Mutter entschuldigte sich und sagte:
»Nein, auf dem Video soll zu sehen sein, wie ein Klasssenkamerad Dir in den Magen tritt. Warum hast Du nie davon erzählt? Ich erstatte Anzeige. Frau Knipmeyer schickt mir noch den Link des Videos.«
Ich wollte vor meiner Mutter aber nicht wie ein feiger Hund da stehen und schwor ihr:
»Ich poliere dem Karsten seine Fresse.«
Plötzlich musste ich an den Wecker denken, der so eine große Klappe hatte wie Karsten und ich stellte mir vor, wie das Ding zappelte. Der große Zeiger sah jetzt aus wie eine Nase und die Zahlen blinkten wie Karstens Augen. Es klingelte und ich sah sein aufgerissenes Maul, hörte, wie er mich auslachte und verspottete. In diesem Moment wusste ich, Karsten wird die Schule heute mit hässlich blauen Flecken verlassen.
»Mach bitte keine Dummheiten«, rief Mutter mir hinterher, aber ich hörte sie nur noch von weitem, denn ich hatte schon kräftig in die Radpedale getreten und bei jedem Tritt sah ich, wie meine Faust auf Karstens Nase schlug. Vor meinem Geiste zerfloss sie wie Ketch up auf einer glänzenden Currywurst.
Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass Frau Knipmeyer inzwischen die Polizei verständigt hatte, und als meine Faust die Nase meines Quälers zertrümmerte, kamen ausgerechnet in diesem Moment zwei Polizisten ins Klassenzimmer. Hinter ihnen Frau Hannelore Knipmeyer, die aus Verzweiflung die Arme über den Kopf schlug und schrie:
»Was machst Du da, dummer Junge?«
Diese Worte trafen mich hart. Vor der ganzen Klasse stellte sie mich bloß. Noch heute höre ich ihre Stimme. Ich höre sie in meinen Träume und wache jedes Mal schweißgebadet auf. Es war das letzte und einzige Mal, dass ich jemanden die Nase zertrümmerte und Frau Knipmeyrs quälende Sirenenstimme pflanzte mir nur einen guten Gedanken in meinen Schädel. Es musste immer auch einen anderen Weg als Gewalt geben.

©Martin Stauder