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Von einer ganz bestimmten Art des Singens

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 26.04.2015 - 18:46 Uhr

[f][/f]„Da war ein Wald und wir waren viele Kinder mit zwei Erwachsenen. Wir lachten und es gab kein Besser oder Schlechter zwischen uns. Es gab nur dieses Lachen und den Moment. Dann kam die Dunkelheit. Sie kam unerwartet und überraschte uns, nachdem wir lediglich ein wenig mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Niemand hatte eine Taschenlampe bei sich, noch hatten wir die Natur berücksichtigt, als wir uns zu spät auf den Rückweg machten.“

Diese Geschichte beschreibt Erinnerungen von Lydia. Bei den Kindern handelt es sich um Pflegekinder einer Jugendfreundin von Lydias Mutter. Alle tragen geistige und/oder körperliche Behinderungen. Lydia verbrachte viele Ferien mit ihnen und war in besagtem Sommer einfach glücklich über die Tatsache, dass ihre Freunde nun auch einen Teil von ihrer Welt kennen lernen würden.
Die Angst, welche in der unvorhergesehenen Dunkelheit des Waldes von Kind zu Kind sprang wie die Vorstellung von Schatten in einem leer stehenden Haus, das keinen Bewohner findet, legte sich um jedes einzelne der neun von ihnen. Auf dem freien Feld wäre der Himmel noch zur Hälfte hell und sichtbar, das wusste Lydia. Bis zu ihrer Hütte im Tal jedoch, würden sie ausschließlich durch belaubtes und dunkles Gelände kommen. Damals war Lydia 9 Jahre alt.
Nachdem die beiden Erwachsenen Frauen die kleinen Kinder, deren Alter aufgrund ihrer Behinderungen nicht ihrem physischen entsprach, wie Lämmchen in fühlbare körperliche Nähe gebracht hatten, wurde Lydia beauftragt vom Bauer Lorenz Licht zu holen. In diesem Moment empfand sie Abwehr, war sie doch selbst nur ein kleines Lämmchen und hatte Angst. Andererseits war sie stolz, dass man ihr diese Aufgabe anvertraute. Schließlich rannte sie los, um das Licht für die Anderen zu holen. Ihr Herz und sein Klopfen waren laut, die Luft nicht ausreichend. Vorbei und hindurch jagte sie an ihren im Kopf erzeugten Vorstellungen von dem, was hinter den Bäumen nicht erkennbar war. Bei der ersten Wiese angekommen beachtete Lydia die Champignons ebenso wenig wie die Füchse, die sie mit ihrem Vater auf genau dieser Lichtung schon häufig nach der Dämmerung beobachtet hatte. Zwei Drittel des halben Weges waren geschafft. Ihr hingegen kam es vor, als wäre sie fast schon in Sicherheit - beim Bauer Lorenz, der das Licht hatte.
Lydias in den Ferien allgegenwärtige Gummistiefel ließen sie schlickschwer traben und viel langsamer vorankommen als sie es wollte. Den Asphalt der Landstraße erreichend, begann ihr Lauf freier zu werden. Von hier aus waren es noch 2 Kilometer und wie sie es gelernt hatte, lief sie auf der linken Seite. Platschend und stoisch eroberte sie Meter für Meter die stetig schrumpfende Distanz. Von hinten näherten sich Lichter, die Lydia zwar bei einem hin und wieder in den Rücken geworfenen Blick bemerkt, jedoch aus der Ferne als ungefährlich eingeschätzt hatte. Das Fahrzeug wurde langsamer, um vollends zu stoppen, nachdem es sie überholt hatte. Ihrem ersten Instinkt folgend, sprang sie in den Graben, der das angrenzende Feld von der Straße trennte und landete Hüfttief in matschig, kaltem Wasser. Diese Art von Angst war anders als die, welche sie zuvor im dunklen Wald empfand. Bei dieser hatte sie das Gefühl unmittelbar handeln zu müssen. Dennoch verblieb Lydia starr in der Dunkelheit. Ihr Körper gefroren, ihre Gedanken laut und ihr Atmen leise. Geräusche wollte sie nicht verursachen und da ihre Gummistiefel sich mit Wasser gefüllt hatten, war es ihr kaum möglich einen Fuß anzuheben ohne die Stille zu stören.
„Lydia!?“ hörte sie die ihr bekannte Stimme von Tante Tillie rufen. Tillie, zwar nicht ihre leibliche Tante, lebte damals ca. 5 Kilometer von der Hütte ihrer Eltern im Wald entfernt und war ihr aufgrund der Herzlichkeit, welche nicht selten durch eine Umarmung ihres stattlichen Körpers Ausdruck fand, ebenso lieb wie die Tatsache, dass in ihrer Stube, in welcher sich trotz honiggetränkter Fliegenfänger die Fliegen nicht weniger amüsierten als menschliche Besucher, immer ein Glas mit rahmiger und, so schien es ihr, noch Euterwarmer Milch für sie bereit gestellt wurde.
„Tante Tillie! Hier bin ich! Ich kann nicht raus, weil die Gummistiefel voll Wasser sind.“ Als nächstes wurde Lydia geblendet, hörte Tante Tillie auf Eifeler Platt fluchen, welches zu einer Mundart gehört, derer Lydia bis heute nicht mächtig wurde, um von ihr auf dem Bauch liegend aus dem Graben gezogen zu werden. „Tante Tillie, die anderen stecken im Wald fest. Ohne Licht. Ich muss zum Bauer Lorenz und Licht holen!“
Tillie drückte die kleine Lydia, durchnässt und besudelt wie sie war, an sich und ihr Geruch von Stall und Leben waren nach durchstandener Angst wohl der Grund, warum sie zu weinen begann. Lydia ein wenig schüttelnd fragte Tillie mehrmals: „Wo? Wo sind diese Menschen?“
Nachdem alles erklärt war, packte Tillie die zitternde Lydia samt der Wasser- und Schlammgefüllten Stiefel in ihren Wagen, wendete ihn auf der schmalen Landstraße wie nur Trecker erfahrene Eifeler Bäuerinnen es können und bog nach gefühlten wenigen Sekunden in den Feldweg ab, welcher zur Hütte von Lydias Eltern und somit zu den wartenden Kindern führte.
Der Wagen holperte über den unregelmäßig Aufgekippten Schotter aus dem nahe gelegenen Steinbruch, kam auf Höhe der Fuchswiese in ein Schlingern, welches Tillie bis auf ein Lydia zuerkanntes Lächeln unbeeindruckt ließ, schließlich zum Wald, um beim Eintreten in seine Dunkelheit in Schritttempo samt Fernlicht überzugehen. „Noch zwei Kurven, dann sind wir da, Tante Tillie!“ Und so war es. Noch vor der zweiten Kurve konnte Lydia ihre Freunde selbst durch die geschlossenen Scheiben hören. Es schien, als würden sie singen und Ihr Gesang war Furcht erregend. Mit Inbrunst, wie treffsicherer Schieflage intonierten sie:
„Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein...“
Bei Jan und Hein und Klaas und Pit, brachte jedes der Kinder zudem noch seine ureigene Reihenfolge der Namen in diese individuelle Vertonung ein. Sie sahen die Lichter des Autos wohl eher als umgekehrt, denn der Gesang, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen durfte, verstummte in genau dem Moment, in welchem die Scheinwerfer die von Lydia vorhergesagte zweite Kurve erleuchteten. Allerdings nur, um in eine hohe Tonlage ohne Silben zu wechseln.

Wie ein zu dick gewordener Baumstamm standen sie dort mitten auf dem Waldweg und sangen. Lebendig, frei von Absichten, außer der, dass sie glücklich sein wollten.
© Martina Marie


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Einen Herzlichen Dank an Alka Selzer für die zur Verfügung Stellung dieses wundervollen Coverfotos.

Link zum Foto
https://www.seniorbook.de/profil/alk...0b9658b45da

Weitere Fotos von ihr sind hier zu finden
https://www.seniorbook.de/profil/alk...ichte-fotos

12 Kommentare

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Liebe Martina Marie,

... das ist eine wunderschöne und zu Herzen gehende Geschichte.

Liebe Grüße

Bärbel
Danke liebe Bärbel,
es freut mich, dass Du die Geschichte gelesen hast und noch mehr, dass Du sie fühlst.
Ein Gruß von Herzen
Martina
Gerne liebe Martina, konnte mich richtig reinversetzen.

Herzlicher Gruß zurück und einen schönen Abend

Bärbel
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Ach Du Liebe,
wie schön hast Du das geschrieben...Ich konnte bei der Schilderung mit allen Sinnen dabei sein.
Darf ich Dich fragen,ob ich sie zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Unterricht verwenden darf?
Und gerne habe ich Dir das Foto überlassen und das gilt selbstverständlich auch für Deinen nächsten Beitrag...
Umärmel Dich und verspreche ein wenig Werbung zu machen.
Bussi Ingrid
Danke schön Du Liebe,
Selbstverständlich darfst Du meine Worte in Deinen Unterricht einfliessen lassen. Alleine Dein Anliegen, lässt mich ebenso stolz sein, wie Lydia es wohl war, nachdem sie losrannte.
Sei feste umarmt
Martina
SB hält mich...nein, ich lasse mich durch SB vom Packen abhalten...hab gute drei Tage,ich fahre nach Tangermünde an die Elbe...aber das weißt Du schon,oder?
Nee noch nicht. Ist aber zweitrangig, denn Du wirst mit visuellen Schätzen zurück kommen - egal wo Du hinfährst.
Dann sag ich Dir hier CIAO und bis bald.Lass es Dir gute gehen...
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Wunderbar! Die Gefühle von Lydia kann man sehr gut mitfühlen, so gut hast du sie beschrieben ;^)
Ich freu mich schon auf die nächste Geschichte von dir!
Vielen Dank!
Deine persönliche Einschätzung ist mir wichtig, Frank.
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