Olga
OlgaFoto-Quelle: ©MartinStauder

Olga

Beitrag von wize.life-Nutzer

»Ich muss noch mal zurück!«
Er schaute auf die Armbanduhr.»Wie lange soll ich hier warten?«
»Einen Augenblick. Gleich bin ich wieder da.« Sie lief zurück in den Supermarkt.

In der Früh sah es im Kühlschrank recht bescheiden aus. Der Einkaufswagen war aber gefüllt bis oben hin und er hatte alles im Kofferraum verstaut. Emmentaler, Gouda, Streichkäse, zwei Gläser Marmelade, ein Stück Butter, Milch und Schokolade. Sogar eine Riesenpackung Toilettenpapier, Tampons, die neuste Fernsehzeitschrift und all möglichen Pipapo. Er klappte den Kofferraum zu und sie schnappte sich den leeren Einkaufswagen, rollte ihn an seinen Platz zurück und verschwand in dem Laden. Für einen Augenblick. Sie musste aber einen ausgedehnten Augenblick gemeint haben, denn der Stundenzeiger seiner Armbanduhr drohte sich der nächsten Ziffer zu nähern. Ja, er war altmodisch. Heute schaute man, wenn man die Uhrzeit wissen wollte, aufs Smartphone oder ins E-Book. Aber er konnte sich nicht von seiner Uhr trennen. Immerhin ein Erbstück. Mutter erzählte damals, sie hätte die Uhr schon getragen, als sie mit Vater ihre letzte Reise unternahm. Nach Russland. Das war vor sieben Jahren. Nowgorod, Susdal, St. Petersburg und so weiter. Die Uhr tickte in der Straße, wo Dostojewskij einst gewohnt hatte, sie tickte in Kirchen und Museen, sie tickte in den Weißen Nächten, die mein Vater nur mühsam überstand, weil er schnell müde wurde.

Und jetzt? Die Uhr tickte wahnsinnig. Er starrte auf den Sekundenzeiger und wartete auf den Moment, in dem sich der große Zeiger einen Schritt vorwärts quälte. Nur einen Augenblick, sagte sie. Er aber stand auf Kohlen. Schließlich musste Regina aus dem Kindergarten abgeholt werden. Pünktlichkeit war für ihn ein hohes Gut, ein Akt der Höflichkeit und er nahm es sehr genau damit. Ihm war es wie ein kalter Graus in das genervte Gesicht der Kindergärtnerin sehen zu müssen, die sich doch nur so schnell wie irgend möglich in die Arme ihres Freundes schmeißen wollte und ihr Kerl nur wegen seiner Unpünktlichkeit am geheimen Treffpunkt sehnsüchtig auf sie warten musste. Vielleicht hatte er auch eine so schöne Armbanduhr und zappelte wie ein Nervenbündel im Takt des Sekundenzeigers. Letzte Woche erklärte er der frischgebackenen Erzieherin, er sei immer pünktlich, nur seiner Frau fiel in der Stadt immer dies und das noch ein, was sie unbedingt einkaufen müsse, um glücklich zu sein. »Aber ich bin an sich immer pünktlich!«, versicherte er und sah flehend in ihre Kastanienaugen. Beinahe wäre er vor ihr auf die Knie gefallen. Sie war einfach so niedlich. Gerne hätte er ihr jeden Wunsch erfüllt, auch den Wunsch, wenigstens einmal fünf Minuten früher zu erscheinen, damit sie ihren Freund nicht lange zappeln lassen musste. Jedenfalls bildete er sich ein, sie müsse einen Freund haben. Schließlich läuft so eine Schönheit nicht lange alleine herum und gleich war schon wieder der Sekundenzeiger einmal um das Zifferblatt herumspaziert. Drei Minuten. In drei Minuten steckte Regina ihren Kopf über den Zaun und hielt Ausschau nach ihrem Vater. Ja, so war es immer. Er parkte vor dem Haus, stieg aus dem Wagen und Regina rief: »Papi kommt!«. Die Erzieherin warf unterdessen einen kurzen Blick auf die Uhr. Beim letzten Mal verriet sie ihren Vornamen. Sie war es gewohnt, so angeredet zu werden. Schließlich machten es die Kinder auch so.Trotzdem erschrak er, als aus ihren Lippen der Name Olga hervorquoll. Zwei Vokale und zwei lächerliche Konsonanten, die ihn erzittern ließen. Natürlich kannte Olgas Rache. Mutter hatte davon erzählt. Olgas Mann Igor fiel im Krieg gegen die Drewljanen, aus diesem Grunde die Heilige in mehreren Racheakten 5000 Leute ihrer Gegner ermorden ließ. Eine Delegation von Drewljanen ließ sie in einer Badewanne in Feuer aufgehen, und als er den Namen Olga hörte, waren seine Träume, mit dieser Erzieherin wenigstens ein einziges Mal in einer Badewanne zu plantschen, für alle Zeiten hinweggefegt. »Wir müssen hier verschwinden«, sagte er zu seiner Tochter.

Plong – der Stundenzeiger. Wieder ist eine Minute herum. Nur für einen Augenblick wollte sie verschwinden. Und jetzt? Wie viele Augenblicke vergangen sein mochten, wusste er nicht zu sagen. Vielleicht hatte sie etwas mit dem Filialleiter. Ich muss sie fragen, ob sie was mit dem Filialleiter hat. Ich muss..., dachte er. Dieser Gedanke pochte durch seinen Kopf, wie ein Sekundenzeiger, der niemals stehen bleiben wollte. Schon wieder dreißig Mal getickt. Eine halbe Minute, und … Endlich, sie kam zurück. Nein, sie lief sogar.
»Du, Ingo, wir sind abends zum Essen eingeladen.«
»Bei wem?«
»Stell dir vor. Igor arbeitet hier an der Kasse und ist mit Olga zusammen. Die aus dem Kindergarten.«
»Und die haben uns eingeladen?«
»Ja, Olga hat es schon lange versprochen.«
»Diese Olga wird mich umbringen, weil wir wieder zu spät kommen. Hast du mal auf die Uhr geschaut?«
Auch wenn es niemand glauben mag. Sie hatte wirklich ihre Armbanduhr um.
»Oh, je«, sagte Helga, »worauf wartest Du noch?«