Die Frau, die bei Rot über die Straße ging
Die Frau, die bei Rot über die Straße gingFoto-Quelle: ©Martin Stauder

Die Frau, die bei Rot über die Straße ging

Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie ging immer bei Rot über die Straße. Zuerst war mir das gar nicht aufgefallen, denn unser Ferrienappartement befand sich im vierten Stock. Wir frühstückten auf dem Balkon und sahen hinaus auf das Meer. Unten brausten Autos vorbei und wenn es mal nicht brauste, wusste ich, die Ampel war Rot. Doch plötzlich quietschen Bremsen. Ich sah über die Balkonbrüstung. Sie ging bei Rot über die Straße, eine Frau in einem roten Kostüm. Es hätte nicht viel gefehlt und ein Straßenkreuzer hätte sie über den Haufen gefahren. Ich lief zurück ins Zimmer.

»Bleib sitzen! Der Kaffee wird kalt!«, rief Petra mir hinterher.
Aber ich wühlte schon in Schubladen, im Kleiderschrank und so weiter. Irgendwo musste das Fernglas doch sein. Wenn mir in den Sümpfen ein Alligator vor die Nase lief, wollte ich solch ein Ungeheuer aus nächster Nähe betrachten. Schließlich fand ich das Fernglas unter meinen T-Shirts und hastete damit zum Balkon zurück.. Da war sie. Ganz nah vor mir. Sie ging zum Strand, knöpfte ihre Bluse auf und ließ den Rock hinunter. Mein Atem stockte. Sie stand dort mit einem knallbunten Bikini und verdrehte mir den Kopf. Und jetzt stellen Sie sich die Filmszene mit Ursula Andress vor, wie sie aus dem Meer steigt und Sean Connery den Kopf verdreht. Genauso war es auch jetzt, nur sah der Bikini von Ursula anders aus und der Film lief jetzt rückwärts. Ihr Hintern wackelte Richtung Meer. Plötzlich verschwand sie und ich erschrak, dachte, sie sei ertrunken, aber dann tauchte ihr Kopf hinter einer Welle wieder auf. Ich konnte sie nicht erkennen, aber das musste sie sein.

Petra wurde schon ungeduldig. Sie hatte sich den Urlaub anders vorgestellt und wollte in Ruhe frühstücken. »Was gibt es da zu sehen? Setz' dich wieder hin!«

Ich ließ vom Fernglas ab und drehte mich zu ihr. »Ich habe nur sehnsüchtig ins Meer geschaut. Mein Gott, es ist schon so lange her, als wir mal auf Amrum waren.«

»Amrum, haha. Auf was für Gedanken du kommst, tz, ausgerechnet Amrum. Wann fahren wir in die Everglades?«

Die Everglades! Wie konnte ich das vergessen. Ich hatte nur den Bikini im Kopf. »Das hat Zeit. Wir haben den ganzen Urlaub noch vor uns. Heute will ich ans Meer.«

»OK, wir wollen nichts überstürzen. Sag mal, hast Du überhaupt keine Angst?«

»Wovor?«

»Vor den Alligatoren.«

»Ach, Quatsch, Die Reiseleiter lassen uns nicht zu nahe heran. Darum habe ich doch das Fernglas mitgenommen.«

Wenn wir jetzt an den Strand gingen, könnte ich nah bei ihr sein, so nah wie an einem Alligator. »Worauf warten wir noch?«, fragte ich und begann den Tisch abzudecken..

Petra konnte sich wohl nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal den Tisch abgedeckt hatte und lächelte. »Was ist in Dich gefahren? So kenne ich Dich gar nicht.«
»Du bist von der Küchenarbeit beurlaubt«, prahlte ich. Allerdings bereute ich es sehr schnell, denn mir wurde klar, dass ich in den nächsten drei Wochen kostbare Zeit in der Küche vergeuden musste. Mit dem Geschirr ging ich in die Küche und beeilte mich. Petra schlüpfte unterdessen in ihren Badeanzug und zog die Klamotten darüber. Dann starrte ich wieder zum Meer hinunter, konnte sie aber nicht entdecken. Verflixt, vielleicht ist sie schon längst aus dem Wasser.

Wir stiegen in den Fahrstuhl, brausten hinab und überquerten die Eingangshalle des Hotels. Plötzlich hörte ich Reifen quietschen. Ich blickte durch die Glastür und sah sie kommen. Die Ampel!! Unter ihrem Arm trug sie das rote Kostüm. Sie ging direkt auf uns zu. Offenbar hatte sie ihr Handtuch vergessen, oder sie hatte es nicht nötig gehabt eines mitzunehmen. Ihr Haar war klitschnass, und als sich die Hoteltür öffnete, war mir so, als roch ich die salzigen Meerestropfen auf ihrer gescheidigen Haut.

»Hallo Schatz, ich ziehe mich nur noch schnell um«, rief sie dem Herrn an der Rezeption zu und mir schwindelte. Wie sollte ich das nur drei Wochen lang aushalten?


©Martin Stauder