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Liebe zu Weihnachten

Von wize.life-Nutzer - Donnerstag, 25.06.2015 - 21:32 Uhr

Er saß oft in seinem Rollstuhl am Fenster zur Straße und sah dem bunten Treiben draußen in der Welt zu, an dem er nicht mehr so teilnehmen konnte, wie er eigentlich mochte. Er kam nur noch selten dort hin, nur dieses eine Mal im Monat, wenn sein Sohn ihn besuchte. Deshalb waren diese Stunden am Fenster auch ganz besonders wichtig für ihn. Er kannte die Menschen, die an seinem Haus vorüber eilten. Er kannte nun auch schon diese eine Frau, die täglich um viertel vor fünf mit gebeugtem Kreuz an seinem Haus vorbei schlenderte. Jeden Abend! Bei jedem Wetter! Man hätte die Uhr nach ihr stellen können, so zuverlässig war sie.

Auch heute schlenderte sie wieder die Straße entlang. Aber heute, am Vorabend zum ersten Advent, da war etwas anders. Er begann sich mehr Gedanken über diese Frau zu machen, als sonst; beobachtete sie regelrecht. Sie war attraktiv und er schätzte, dass sie in seinem Alter war. Der gebeugte Rücken schien aber gar nicht zu ihr zu passen. Für einen kurzen Moment konnte er ihr in die traurigen Augen blicken. Das berührte ihn so sehr, dass er versuchte herauszufinden, wohin ihre Blicke gingen.

Meist blickte sie dicht auf den Boden vor sich. Wenn sie aufblickte, galten ihre Blicke jedoch nicht den anderen Menschen, die eilig an ihr vorbei hasteten, sondern den Fenstern, aus denen das warme Licht in den kalten Abend leuchtete und fast wärme spendete. Er überlegte, weshalb sie wohl immer wieder zu den Fenstern schaute. Vielleicht war sie sehr einsam, beneidete die Menschen hinter den Fenstern, die das warme Licht direkt genießen konnten.

Er hing noch immer seinen Gedanken nach, als die Frau schon längst hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Die Gedanken … es waren nur Mutmaßungen; er wollte es aber genau wissen!

Am folgenden Tag, dem ersten Advent, packte er sich warm in seinem Rollstuhl ein und stand bereits um halb fünf kurz hinter seinem Gartentürchen um auf die Dame zu warten. Als sie pünktlich wie immer um 16:45 Uhr vorbei kam, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und sprach die Dame an.

„Guten Abend“ sagte er zu ihr aufblickend. Sie schaute sich irritiert um, weil sie nihct glauben konnte, dass sie gemeint war. „Heute ist der erste Advent“ fuhr er ruhig fort, obwohl er innerlich total aufgeregt war, „ich würde mich freuen, wenn sie meiner Einladung auf einen Kaffee oder einen Tee folge leisten würden.“

Sie sah ihn verdutzt an. Ihr Gesicht war noch viel hübscher, als er bisher hatte vermuten können. Sie sah seine schon rot gefrorene Nase und sicher nahm sie diese Einladung nur an, weil heute ein besonders kalter Ostwind wehte. Einerseits wollte sie ihn erlösen, denn es war ihr schon bewusst, dass er nur auf sie gewartet hatte, andererseits war sie auch etwas neugierig, wie sie in den Genuss dieser Einladung gekommen war. „Darf ich ihnen behilflich sein?“ fragte sie auf dem Weg zum Haus. Er nickte nur und sie ergriff beherzt die Griffe des Rollstuhls, um ihn langsam den Weg zum Haus hinauf zu schieben.

Nachdem sie die dicken Wintersachen abgelegt hatten, kochten sie in der kleinen Küche gemeinsam Kaffee. Er packte noch den Stollen aus, den ihm seine Schwiegertochter gebacken hatte, und man trank gemeinsam Kaffee und kam ins plaudern.

Angelika – so hieß die Dame – wollte alles genau wissen, weshalb ein kräftiger Mann wie er, der ihr auch sehr gut gefiel, in den Rollstuhl gezwungen war. Christoff erzählte ihr von seinem Arbeitsunfall, bei dem Nerven zertrennt wurden, erkundigte sich aber auch danach, weshalb sie alltäglich so alleine durch die Straßen laufen würde.

Man lernte sich sehr schnell kennen und die Themen wechselten öfter, so als würde man sich schon Jahrhunderte lang kennen. Schnell entstand eine tiefe Vertrautheit und man vergaß völlig die Uhr. Gegen 20 Uhr fragte Christoff, ob Angelika hungrig sei. Da er aber nicht auf einen Besuch zum Essen eingerichtet war, beschloss man den Pizza-Service zu bemühen. Eine gute Flasche Wein war immer im Haus. Erst lange nach dem Essen, es muss so gegen 23 Uhr gewesen sein, trat Angelika, dankend für den angenehmen Abend, den Heimweg an.

Christoff schaute ihr noch nach und musste feststellen, dass sie nicht mehr so gebeugt ging, wie die vielen Tage davor. Er freute sich darüber, freute sich aber auch über die Tatsache, dass Angelika am folgenden Tag wieder auf einen Kaffee vorbei schauen würde. Sie hatte sogar versprochen, einen Kuchen mitzubringen, den sie selbst backen würde.

In der Adventszeit kam Angelika nun täglich. Zuerst um 15 Uhr zum Kaffee und anschließendem spielen und reden, später auch um Zärtlichkeiten auszutauschen. Die Zeit, die man gemeinsam verbrachte, wurde immer mehr. Es kamen auch gemeinsame Tagesausflüge dazu, abendliche Veranstaltungen, kurz, alles was zu zweit doch wesentlich mehr Spaß macht und was sich keiner von beiden alleine getraut hätte. Sie, weil sie sich immer ausgeschlossen gefühlt hätte, und er, weil es nicht möglich war mit einem Rolli so einfach los zu rollen.

Die Zuneigung zwischen Christoff und Angelika wurde immer größer. Was uns manchmal so selbstverständlich erscheint war für die beiden immer etwas ganz besonderes. Man nahm nicht nur am Leben teil, man zelebrierte es.

Dann kam das Weihnachtsfest. Christoff hatte gar nicht lange gefragt, sondern kurzerhand zwei Zimmer gemietet und sagte ihr nur, dass sie am Heiligen Abend Punkt 10 Uhr bei ihm sein müsse. Und zwar mit einem Koffer in dem alles sein müsse, was sie für 5 Tage bräuchte. Warm sollten die Sachen unbedingt sein, denn es ginge in eine Gegend, in der es noch kälter sei.

So saßen sie mit einigen anderen Gästen an Heilig Abend im großen Saal des Hotels. Sie hatten einen kleinen Tisch von dem aus man gut das Programm und den großen Weihnachtsbaum sehen konnte. Nach dem Essen kam es zur Bescherung. Die Geschenke befanden sich alle unter dem großen Weihnachtsbaum und Hotelangestellte im Engelskostüm brachten die von den Hotelgästen vorher dort deponierten Geschenke an die Tische. Natürlich bekam auch Angelika ein Geschenk. Christoff wusste ja genau, was sie sich wünschte.

Es war nur ein sehr kleines Päckchen. Darin befand sich ein Etui, mit einer goldenen Kette, an der ein kleiner, goldener Bilderrahmen befestigt war. Als Angelika den Bilderrahmen aufklappte, sah sie das Bild ihres Gatten, den sie vor zehn Jahren durch eine schwere Krankheit verloren hatte. Tränen der Rührung standen ihr in den großen Augen, die sehr kindhaft, freudig und überrascht wirkten. Christoff nahm sie tröstend und liebevoll in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr „Frohe Weihnachten. Willst du meine Frau werden?“

Leider konnte ich nicht hören, was Angelika antwortete, da genau in dem Moment das Weihnachtsprogramm fortgesetzt wurde und das große Orchester „Drivin' home for christmas“ anstimmte. Aber die ohnehin schon großen Augen wurden noch größer.

Meine Geschichte endet hier, auch wenn nun gerade erst für zwei Menschen ein neues, gemeinsames Leben begann, dass durch Freude und Aktivität sowei eine tiefe Liebe geprägt war.

Liebe ist eben doch in jedem Alter möglich, es braucht nur etwas Mut.

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