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Mein erstes Blinddate in neuer Freiheit

Von wize.life-Nutzer - Samstag, 18.07.2015 - 09:50 Uhr

Sommer,
langsam streifte ich den Schwesternkittel von meinem Körper. Endlich, frei sein. Ein Leben ohne Krankheit, Alt sein und immer wieder Sterben, ein Leben in Freiheit, ohne Wecker und Anweisungen wann ich zu erscheinen, einzuspringen habe, immer wieder Absagen von Treffen mit Freunden, versäumtes lebendig sein.

Wir hatten viel telefoniert,
wenn ich vom angestrengten Spätdienst nach Hause kam, nicht zur Ruhe fand.
Er erinnerte mich an meine große Liebe, lockte mit selbstgebackenen Käsekuchen und Kirchen, wie ihn meine verstorbene Mutter so lecker machte.
So viel Vertrautes war in meinem Kopf, so viel Verlorenes was ich noch nicht losgelassen hatte…
So reiste ich für eine geplante Woche nach Leipzig zu einem Mann, den ich nicht kannte. Ein Blinddate voller Hoffnung und Erwartungen, die erste Woche der Freiheit, in meinem neuen Leben…

Leipzig
Der Zug hielt. Zwei Stunden Fahrt angefüllt mit Träumen, lagen nun hinter mir.
Alle stiegen aus. Niemand der auf mich zu kam, niemand der mich erwartete. Der Bahnsteig leerte sich. Allein gelassen, schaute ich mich um.
Ein sehr schlanker Mann mit kurzen Hosen, wuscheligem Haar, rotem Vollbart einen Stockschirm schwingend, eilte die Treppe hoch, direkt auf mich zu.

Das war er also...

Seine Stimme war mir vertraut. Also ließ ich zu, dass er meine Tasche nahm und wir gemeinsam, die Treppe runter, durch die Halle auf die Straße traten. Die Straßenbahn war, wie fast überall an Hauptbahnhöfen, schnell zu erreichen. Wir stiegen ein. Keine Ahnung wohin wir nun fahren würden.

Ich kannte nur seine Telefonnummer,
Leipzig war mir fremd.
Grauer Tag, graue Straßen, vorbei an der Universität, weiter ins Ungewisse. Er war ein guter Gesprächspartner, zeigte hierhin, wies mit dem Finger dorthin. Ich kam nicht zum Nachdenken, hörte zu, verdrängte das ungute Bauchgefühl. Als wir endlich ausstiegen, waren wir am Ende der Welt, so jedenfalls schien es mir. Vernachlässigte Altbauten, deren Wohnungen leer standen, ausgestorbene Straßen.

Eng standen die Häuser

in der kleinen Gasse nebeneinander. Dann betraten wir ein Haus mit großem Rundbogen.
Er erzählte mir, dass außer einige Geschäftsräume nur noch wenige Mieter hier wohnen würden.

Als wir die Wohnung betraten kam wieder die Erinnerung an meine große Liebe. Auf dem langen Flur das Sofa, von dem aus telefonierten wir oft. Auch in Leipzig, beim ihm, wurde von einem alten Sofa telefoniert, die Telefonschnur war überall zu kurz.

Ich seufzte, doch schon roch es nach frischen Kaffee. Der Tisch war hübsch gedeckt. In der Mitte Käsekuchen mit Kirchen. Aus dem Küchenfenster konnte man auf die Dächer der Altstadt Leipzig schauen. Die Nachmittagssonne bestrahlte sie und ein Hauch von Geborgenheit stellte sich ein. Ich war angekommen.

Später saßen wir in dem Zimmer, in dem ich schlafen sollte. Ein Zimmer mit Wohnstuben Charakter, das Raum bot für das Auflegen von Matratzen für eine Nacht – oder mehr?
Mit schnellem Blick informierte ich mich ob die Tür verschließbar sei.
Ich atmete auf. Meine Reisetasche war nur leicht geöffnet, um das Notwendigste auszupacken.

Es begann zu Dämmern.
Die alten Gaslaternen flackerten auf, warfen Schatten ins unbeleuchtete Zimmer. Kein Haus, in deren Wohnungen plötzlich Licht aufblitzte, ankündigte, dass Menschen in der Nähe sind. Stille, kein Laut kein Schritt war zu vernehmen, außer seine ruhige Stimme. Er erzählte aus seinem Leben. Ein Leben, das gerade tief im Drama einer verlorenen Liebe steckte. Dabei gestikulierte er mit seinen schlanken Händen. Sie unterstrichen seine Trauer und Sehnsucht nach dem Verlorenen.
Die Gaslaternen hatten ihre Nachthelligkeit erreicht. Ihr Lichtschein traf immer wieder diese Hände, die auf einmal sehr weiß und geisterhaft aussahen, meine Fantasie anregten. Während er erzählte starte ich gebannt auf sie.

Angst stieg in mir hoch.

Was ist wenn er so in seinem Schmerz verhaftet ist, dass etwas plötzlich aus ihm herausbricht. Was ist wenn diese Hände plötzlich nach mir greifen würden, sich um meinen Hals legen?
Niemand wusste wo ich war. Niemand würde meinen Schrei hören.
. Ich dachte, du musst ihn bei Laune halten, musst fragen, fragen, fragen, ihn erzählen lassen, mit ihm traurig sein, ihn trösten…
Wer die Chance hat sich zu öffnen wird sich müde reden und mir nichts tun, schob sich ein anderer Gedanke dazwischen. Ich wurde immer müder. Die Uhr zeigte bereits nach Mitternacht, der Tee war ausgetrunken.

Er stand auf,
kam auf mich zu, ging an mir vorbei um das Licht anzuschalten.
Für einen Moment hörte ich seine Stimme wie aus weiter Ferne, so laut pochte mein Herz. „Es ist spät geworden, du wirst müde sein. Lass uns schlafen gehen.“, sagte er wie befreit und verließ das Zimmer.
Ich sprang auf, drehte den Schlüssel im Schloss.
Dann legte ich mich auf die Matratze, um wach auf den Morgen zu warten.
Morgen werde ich wieder abreisen, dachte ich erschöpft.

Es klopfte an meiner Tür

Was ist wenn er einen zweiten Schlüssel hat. Erschrocken schaute ich zum Fenster. Ein Sonnenstrahl hatte den Weg auch in dieses Zimmer gefunden. Seine vertraute Stimme rief: Frühstück ist fertig!
Jetzt hatte mich auch der Kaffeegeruch erreicht. Ein wunderbarer Morgen öffnete sich über die alten Dächer von Leipzig.
Romantik pur, dachte ich und erkundigte mich ob er wüsste wann die Züge nach Berlin fahren. Er schaute mich an, lächelte.

Schweigend
fuhren wir zum Hautbahnhof. In der Morgensonne hatte die Altstadt eine besondere Ausstrahlung und wirkte doch so verloren. Wir lächelten ein wenig verlegen.
Auf dem Bahnsteig standen wir uns gegenüber. Er nahm mich in den Arm und flüsterte mir zu: „In der Nacht wäre ich gerne zu dir gekommen.“
Ich lächelte kokett und flüsterte ihm erleichtert zu: „Wir werden es wiederholen.“

Der Zug fuhr ein. Er begleitet mich zu meinem Fensterplatz, winkte noch einmal und verschwand im Tempo eines anfahrenden
D-Zuges für immer aus meinem neuen Leben.
©Margarethe N.

19 Kommentare

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WER nicht wagt, der nicht Gewinnt. Dennoch mutig guter Dinge und einfach so...einfach Hinein ins Abenteuer. Zuerst ungewohnt, der Gewohnheit über..irgendwann..kommt die Wiederholung! Danke liebe Margarethe, hat mir sehr gut gefallen..dein Beitrag. Liebe Grüße Tina
Danke dir, liebe Tina! Nix mit Widerholung. Das hat gereicht
Das Glaube ich dir dennoch..
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Hach, momentelang dachte ich, ich wüsste genau , wie es weitergeht - und so war es dann auch ... da fuhr ich mit dem Zug nach Würzburg etc. Hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe zeitnah auch einmal wieder etwas posten zu können. Bleib uns erhalten, bitte, ich freue mich ebenfalls auf mehr <3 Herzliche Grüsse und lieben Dank
Liebe Susanne, auch dir ein Danke. Ja poste mal wieder etwas, du fehlst in unsere kleinen Runde.
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Die Spannung, die eine gute Geschichte ausmacht, ist Dir großartig gelungen.
Das Für und Wider der Gedanken auch. Wirklich gut!
Danke Do,
dein Kommi macht mich froh. Deine Meinung ist mir wichtig
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Eine sehr schöne Geschichte einer gefühlvollen, mutiger Frau !
Herzklopfen von der Fahrt hin bis zu der Fahrt zurück... Margarete,
ich frage nicht ob du froh bist dass es so geendet hat oder warst du enttäuscht,, wahrscheinlich von beidem etwas, ich frage nur ob dis
eine mal gereicht hat und du könntest niemanden mehr dein Vertrauen schenken... Bleib uns, bitte, erhalten und schreib weiter, es ist eine Wonne es zu lesen. Danke dir!
Gordana
Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt.
Nein ich war nicht enttäuscht. Er war charmant und es wurde eine Geschichte - mehr nicht.
Liebe Grüße an dich
Du schreibst sehr schön, es hat mir gut gefallen, dennoch war ich ein wenig enttäuscht, dass aus der vorherigen Sympatie
oder ein wenig mehr, nach einem kurzem Treffen nichts mehr kam.......er ist sicher sehr traurig !
Lächle, dann wären wir uns nie begegnet
So leid es mir tut, ich habe das nicht verstanden
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Guten Morgen Margarethe, nachdem ich deine Geschiche gelesen habe überlegte ich -- erlebt oder erfunden? Dann las ich, dass es real war und bewundere dich noch für so viel Mut. Nie im Leben hätte ich mich getraut einem wildfremden Menschen zu besuchen. Du hast sehr schön und spannend geschrieben. Ich wünsche dir einen schönen Sonntag
Liebe Marga,
danke für deinen Kommentar. Heute würde ich es auch nicht mehr wagen. Ich denke es gibt Geschichten die wir erleben, um sie weiter zu erzählen, deutlich zu machen wie sehr wir manchmal gefühlsmäßig gesteuert werden. Sehnsucht nach Freude, Sehnsucht nach Verlorenem.
Ist das nicht auch die Grundlage für Verführungen überhaupt, frage ich mich jetzt gerade - auch hier im Netz? Was treibt die menschen dazu sich dem hier auszuliefern?
Danke für deinen Kommi
Auch für dich einen schönen Sonntag
Hallo, liebe Margarethe, Deine Art zu schreiben,erstaunt mich immer wieder. - Respekt- diese wunderschöne Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich hoffe, noch viel von Dir zu lesen. Herzliche Grüße zu Dir nach BerlinGisela
Noch einen schönen Sonntag
So spannend und gekonnt geschrieben liebe Margarethe, sodass ich beim Lesen hoffte, dass dir nichts passiert...
Lieber Ernst, das tut zweimal gut, dein Lob und deine Sorge
Lächle, das ist besser als ein Bestseller (für mich) liche Grüße
Danke für den , lächeln. liche Grüße zurück in deinen Tag...
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Liebe Margarethe,
beim lesen Deiner wunderbaren Geschichte, dachte ich, ich sei mitten drin. Eine Geschichte mit viel Gefühl, für den jeweiligen Moment, in welchem Du deine Ängste sehr real schilderst.
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