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Kindheitserinnerungen      Auf dem Lande

Kindheitserinnerungen Auf dem Lande

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 09.10.2015 - 14:15 Uhr

Der Bauernhof liegt in der Aabauernschaft Laer. Einsam, mitten in der Landschaft, an der Grenze zu Westenfeld, der Bauernschaft von Altenberge.Hier lebten nicht nur Tante Änne und Onkel Josef, auch ihre Kinder Maria, Hilde, Bernhard, Josef, Norbert und Karl. Nur Karl ist jünger als ich. Der kriegsgefangene Franzose Joseph gehörte einige Jahre mit zum Gefolge.
Höchstens einmal in der Woche kamen Leute vorbei. Tante Änne stand oft am Fenster und guckte raus. Falls mal ein Radfahrer den einsamen Weg entlang fuhr, fragte sie sich laut :"Wo will der denn hin?"
"Wir fahren nach Laer," sagte Vater sporadisch im Sommer. Er pumpte die Fahrräder auf und los ging es. Meine Schwestern kamen ins Körbchen an Muttis und Vaters Rad. Ich durfte schon selbst radeln.
In den Schulferien blieb ich einige Wochen in Laer.Gern half ich bei der Arbeit im Haus, im Garten und auf dem Hof. Jeder musste mit anfassen.
Abends nach dem Essen durften wir spielen: Pottdeckel werfen, ein Versteckspiel. "Du wirfst den Topfdeckel, soweit es geht. Derjenige, der suchen muss, holt ihn und legt ihn in den Kreis. Während dieser Zeit verstecken sich die anderen," erklärte mir Karl.
Ein beliebtes Spiel: Vorn auf den flachen Teil einer Kornwanne wird ein Topf mit Wasser plaziert, die Wanne mit dem höheren Teil in Springrichtung auf die Weide gestellt. "Du springst über die Wanne hinweg, setzt dich mit Schwung auf den erhöhten Rand, sodass das Wasser über dich hinwegspritzt, wenn der Topf durch die Wucht nach vorn geschleudert wird." "Ob ich es je schaffen werde?"

Sonntags gondelten wir früh mit dem Kutschwagen nach Laer. Alma, das beste Pferd, zog die Kutsche. "Warum ist Alma solch ein gutes Pferd?" "Weil es schön aussieht und so gute Hufe hat, dass es keine Hufeisen braucht," erklärte mir Karl stolz. In der Nähe der Kirche durfte Alma zu Voss in den Pferdestall; sich ausruhen und Hafer fressen; die Kutsche blieb stehen; wir pilgerten in die Kirche. Nach der Messe kaufte Tante Änne die Lebensmittel ein, die sie selbst nicht herstellen konnten. Frau Treuss schob mich ins Hinterzimmer:" Da steht für dich Kakao und Zucker-Zwieback." Onkel Josef genehmigte sich mit den Männern bei Voss einen Schnaps.
Irgendwann nahm uns der Kutschwagen mit den Lebensmitteln auf; wir rollten heim.
Besonders im Winter freute ich mich auf das Frühstück mit herrlichem von Tante Änne gebackenen Bauernstuten, der so gut duftete -noch heute suche ich (vergeblich) nach dem Stuten, der so schmeckt und duftet wie der von Tante Änne - der selbstgemachten Butter und dem nicht zu beschreibenden Knochenschinken, der vorher lange im Wiemen über dem Herdfeuer gehangen hatte, und auf die Spiegeleier.
Im Backhaus steht heute noch der Steinbackofen, auch eine Werkbank. 1941 bekam der Hof Elektrizität. Ab da standen die Petroleumlampen zur Zierde auf dem Sims. Der Steinbackofen geriet in Vergessenheit. Der Elektroofen siegte. "Der Stuten schmeckt anders," bemerkte ich.
Das Herdfeuer knisterte. Hier zu sitzen, mit dem Püster die Glut anzupusten in die Glut zu träumen, wärmte mich und meine Seele.
Meine Kusinen saßen in der Stube. Ein Holzfeuer bullerte im Ofen. Sie bestickten Wäsche, Decken und Handtücher für die Aussteuer. Auch häkelten sie große und kleine Tischdecken und Klapperdeckchen. Manchmal lasen sie in spannenden Romanheften und Büchern. Später las auch ich die Bücher von Hedwig Courts-Maler. An Winterabenden, wenn dann noch die Männer unter der Hängelampe am Tisch saßen und Karten spielten, war es besonders gemütlich in der Stube. Irgendwann ging Tante Änne in den Vorratskeller, kam mit ihrer Schürze voll verschrumpelter Äpfel zurück, verteilte sie.
Ein Schmausen und Schmatzen erfüllte den Raum.
Tante Änne litt unter ihrer vielen Arbeit. Mit schräg zur Seite gesenktem Kopf ging sie durch die große Bauernküche und seufzte.
Sie war gutmütig. Sie erfüllte uns jeden Wunsch. Onkel Josef, ein kluger freundlicher Mann traf alle Entscheidungen gezielt. Ich schätzte und respektierte ihn. Doch er schnitt seine Fingernägel an seinen großen ledernen Arbeitshänden mit dem Schälmesser.
Er starb 1951 am einem Gehirntumor. "Er ist von einer Leiter auf den Kopf gefallen," sagte Hilde.
An der Werkbank fertigte Onkel Josef Holzschuhe, die ich gern trug. Sie waren warm.
Gern hätte ich im Winter solche Schuhe zu Hause getragen. Mutti erlaubte es mir nicht. "Du darfst mit deinen Gummisohlen nicht auf die Schlinderbahn," sagten die Kinder. Ich stand am Rand und musste zuschauen.
Tante Änne sprach meistens Münsterländer Plattdeutsch. Mit dem Hochdeutschen stand sie auf Kriegsfuß.
Gern und wohlwollend betrachtete sie ihr Spiegelbild im dreiteiligen Spiegel der Kommode, die in der Upkammer ihres Schlafzimmers stand. "Macheret, kuck mal, steht mich der Hut chut zu Chesicht?" fragte sie mich, als sie einen neuen Hut probierte, den sie wohl durch ein Tauschgeschäft, es war 1945/46, erworben hatte. Ich mit meinen 15 Jahren sah sie an und sagte lapidar:" Der sieht aus wie deine anderen Hüte."
Die Kornähren mit der Mähmaschine oder mit der Sense geschnitten, stellten die Frauen und Männer zusammengebunden zum Trocknen auf. Beim Einfahren saß ich auf dem Pferd, das den Wagen zog. Ich lenkte es von Puppe zu Puppee, guckte stolz in die Runde. Die Leute luden die Ballen auf den Wagen. Sie mussten gut gepackt werden, damit sie unterwegs nicht herunterfielen. Mit der hochbeladenen Fuhre ging es zum Hof.
Die Bündel lagerten nun auf dem Boden der Scheune, bis der Drescher kam.
Das Dreschen erlebte ich als spannende Sache. Direkt neben der Luke stehend, - der wichtigste Posten, - gab ich die Garben mit einer Forke weiter an die Dreschmaschine,die unter mir stand. Wie das Stroh duftete! Die Atmosphäre ist mir noch sehr nah.
Auch beim Melken der Kühe und Füttern der Schweine empfand ich Behagen. Mit Vorliebe mistete ich den Stall aus.-
Ich wollte Bäuerin werden.
Ohne Sattel zu reiten, war selbstverständlich. "Tretet hinterm Schweinestall den Misthaufen fest," sagte Onkel Josef zu uns. Alma gefiel das wohl nicht. Sie warf mich ab. Enttäuscht rannte ich ins Haus und weinte.
Ein anderes Mal saß ich auf Alma, die an einer Stürzkarre angeschirrt war. Josef stand auf der Karre. "Fahr los!" rief er mir zu. Eine Weile ging alles gut. Ich schaute mich um. "Ob mich Fritz wohl sieht?" Fritz, der Nachbarjunge stand auf dem Hof, an dem ich vorbeiritt. - Alma ging ruhig. - Plötzlich scheute sie; fing an, schnell zu laufen. Ich zog an den Zügeln - wollte sie bremsen. Sie fing an zu galoppieren. "HÜ, hü," ich riss an den Zügeln, hatte Angst, runterzufallen. Josef schaffte es, von hinten auf das Pferd zu springen und es zum Stehen zu bringen.
Seitdem gehe ich Pferden aus dem Weg. Das Reiten gab ich für immer auf.
Abends gingen wir von Nest zu Nest. Wir sammelten die Eier in einem Weidenkörbchen. Die Hühner legten an verschiedenen Stellen ihre Nester an: im Heu, im Stroh in der alten und neuen Scheune, im Schweinestall oder auf der Tenne, einmal auch in einem alten Gig, der wie die Kutsche, im "Chickchang" stand.
"Hier ist ein Nest mit 20 Eiern," jubelte ich, Ich war beim Verstecken spielen fast hineingefallen.
Später baute Onkel Josef ein Hühnerhaus mit großem Nestkasten.
Maria zog Gänse auf und verkaufte die geschlachteten Tiere zu Weihnachten. Die Eier veräußerte sie im Laufe des Jahres. Ich sehe sie noch heute durch die große Küche gehen:" Ihr kriegt kein Ei davon zu essen."
Sie heiratete Stefan aus Lippborg.
Mit Hilde verbindet mich heute noch Freundschaft. Sie heiratete in den Fünfzigern den Witwer Paul mit drei Kindern in Meggen im Sauerland. Ihr eigenes Kind Ute starb 1963 siebenjährig an einem Gehirntumor und dann erblickte ihr Sohn Holger 1967 das Licht der Welt, Sie baute direkt neben der Kirche ein Haus und führte in eigener Regie ohne kaufmännische Vorkenntnisse mit Erfolg ein Lebensmittel-Feinkostgeschäft, das sie bis übers Rentenalter hinaus lenkte.
Bevor sie heiratete, leitete sie zeitweise mit Maria den Haushalt in Laer. Zwischendurch erlernten die beiden abwechselnd bei anderen Familien die Hauswirtschaft. Onkel Josef erlaubte ihnen nicht, einen Beruf zu erlernen. " Das ist unter dem Niveau einer Bauerntochter."
Hilde kochte besonders gute Erbsensuppe. Falls mittags Suppe übrig blieb, gab es abends zum Rest Pfannkuchen. Hm, wie gut das schmeckte.
Hilde, stets gut gelaunt, saß im Kuhstall beim Melken, sang mit kräftiger Stimme laut und schrill ihre Küchenlieder. "Fern im Süd das schöne Spanien", eines ihrer Lieblingslieder, sang sie extrem falsch. Später imitierte ich sie bei Geburtstagsfeiern und Partys mit der "Spanischen Kuh." So heißt in unserer Familie inzwischen dieses Lied. Es war immer eine Lachnummer. "Du bist gemein", sagte sie zu mir bei einem meiner Vorträge. Sie lachte sich kringelig.
Bernhard, der eigentliche Hoferbe, hatte ein steifes Bein. Deshalb konnte er den Hof nicht übernehmen.1944 verlor es sein Leben auf dem Weg zur Arbeit während eines Bombenangriffs im Münsterschen Hauptbahnhof.
Josef übernahm den Hof, heiratete 1954 Maria aus Altenberge. Zu der großen Bauernhochzeit, die einzige, die ich je erlebte, war ich eingeladen. Etwa 150 Personen: Nachbarn, Verwandte und Bekannte saßen an reich gedeckten Tischen in der großen Scheune und auf der Tenne. Es gab viel Schnaps und andere Getränke.
Norbert betrieb in Münster einen Gemüse-Großhandel und ist mit Margret verheiratet. Ich treffe die beiden oft in der Stadt beim Bummeln.
Karl heiratete die Bäuerin Trudis in Lippborg. Ich mochte ihn am liebsten. Er war witzig.
Joseph, der Franzose, verschwand ohne Abschied, einfach so, kurz bevor der Krieg zu Ende war. Alle waren nett zu ihm gewesen. "Warum sitzt er beim Frühstück und Mittagessen allein am großen Tisch in der Küche?" fragte ich Hilde. "Wir dürfen nicht mit Kriegsgefangenen am Tisch sitzen. Das hat die Regierung so angeordnet. "Aber die merkt das doch gar nicht, wenn er bei uns am Tisch sitzt." Es könnten Kontrollen kommen Wir werden bestraft, falls wir erwischt werden.
Tante Änne starb 1987 89-jährig. Bei der Beerdigung war ich zum letzten Mal in Laer,und auf dem Hof, der sich schon damals sehr verändert hatte. Ich möchte nicht sehen, wie er heute aussieht.

Im "besten" Zimmer am großen festlich gedeckten Tisch fanden ab und zu "Visiten" mit Verwandten oder Nachbarn statt. Die Besteckbänkchen aus Silber imponieren mir heute noch.

Vorn, dem Wohnhaus gegenüber, lag die Obstwiese mit Apfel-und Birnbäumen. "Sag mal, Hilde," fragte ich sie kürzlich am Telefon, "da stand doch früher mal einen Bienenhaus!?" "Ja, sogar ein großes." "Wer hat denn damals geimkert?" "Der Opa". Ach, ja, den gab es ja auch, den hatte ich ganz vergessen. Wann ist der denn gestorben?" "Etwa 1938/40 ich weiß es nicht genau." Opa, mit dem weißen Vollbart, saß immer, eine lange Pfeife rauchend, in der Stube neben dem Ofen, seine Füße manchmal auf einem Stövchen.

Hinter dem Haus saß ich oft in der aus Baumwurzeln aufgeschichteten Grotte mit Blick in den Apfel- Kirsch- oder Pflaumenbaum. Auf dem Brunnen mit klarem Wasser in der Mitte des Gartens lag ein Holzdeckel.
Geharkte Weg bedeuteten Wochenende und für mich feierliche Stimmung.
An der Seite des Hauses, vor dem Tor zum Weg, standen mehrere Pfirsichbäume; sie trugen mickrige Pfirsiche. Meine Gedanken an die mit Buchsbaum eingefassten Gemüse-und Blumenbeete rufen Kindheitserinnerungen wach. Hinten im Garten erntete ich Stachelbeeren, Himbeeren, schwarze und rote Johannisbeeren. An der rechten Seite zur Schweinewiese hin existierte die Kuhle mit Wasser. Über der Kuhle ein Steg, auf dem die Frauen im Sommer am Waschtag die großen Teile der Wäsche ausspülten. Anschließend legten sie die Wäschestücke zum Bleichen auf die Wiese entlang der Kuhle unter den Pflaumenbäumen.- Später war die Kuhle verschlammt.-
Manchmal half ich bei der "Großen Wäsche". Das hieß: Ich stand auf dem Hof an einem großen Bottich mit Seifenlauge und rubbelte Strümpfe auf einem Waschbrett.
Tante Änne sah ich häufig mit Melkhut auf dem Kopf im Garten arbeiten.
Am Sonntag zeigte sie den Besuchern die Blumen, den Salat und das Gemüse. Für mich unvergessene Bilder, wie dir Nachbarn über die geharkten Wege spazierten, interessiert die gepflegten Gartenstücke betrachtend.

Ich bin dann doch nicht Bäuerin geworden.

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