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Grünes Seidenkleid

Minikrimi "Erinnern"

Von wize.life-Nutzer - Montag, 26.10.2015 - 04:42 Uhr

"Wenn ich mich doch nur erinnern könnte" Diesen Satz sagte sich die zehnjährige Emely Fischer immer häufiger, wenn sie versuchte, an ihre Mutter zu denken. Eine Erinnerung, die jeden Tag mehr verblasste. Bis auf einen Rauchquarzanhänger an einer langen Kette und einem grünen Seidenkleid, blieb nicht viel. Zu lange war ihre Mutter Marion schon verschwunden. Emely war gerade einmal sechs Jahre alt, als ihr Vater bekannt gab, dass Mami die Familie verlassen hätte - zwei Tage vor Weihnachten.
An diesem Tag begann ein hartes Leben für die kleine Emely. Daddys Anweisungen mussten strikt befolgt werden und Verstöße hatten immer häufiger Prügel als Konsequenz. Sie durfte nicht alleine in den Garten spielen gehen, musste immer pünktlich zum Essen erscheinen und wenn sie sich verspätete, musste sie ohne Abendessen ins Bett. Nicht einmal in dem großen Haus durfte sie sich frei bewegen. Der Dachboden war ebenso tabu, wie das Schlafzimmer oder der alte Hobbyraum ihrer Mutter.
Über Marion Fischer wurde in diesem Haus nicht gesprochen. Sie hatte die Familie verlassen und hatte auch in den Gedanken der verbleibenden Familie nichts mehr zu suchen. So die strengen Worte des Vaters. Eine glückliche Kindheit hatte Emely seit diesem Tag nicht mehr, aber das Schlimmste war, dass sie sich kaum noch an das Gesicht ihrer Mutter erinnern konnte. Alle Fotos wurden schließlich aus dem Leben ihres Vaters verbannt und das Bild der bösen Mutter, die es gewagt hatte, die Familie zu verlassen wurde gekonnt aufrecht erhalten.

Aber Kinder sind nun einmal neugierig und Emely versuchte alles, um die Erinnerung nicht ganz sterben zu lassen. Wenn ihr Vater nicht im Haus war, schlich sie sich in den verbotenen Hobbyraum ihrer geliebten Mutter und sah sich die alten Sachen an. Es musste doch etwas geben, dass ihr die Erinnerungen wieder bringen konnte. Aber bis auf ein paar Bücher und Nähutensilien gab es nicht viel, das ihr weiter geholfen hätte.

An einem trüben Sonntag Morgen wollte Emely die letzten Geheimnisse ergründen, die ihr bisher verborgen geblieben waren. Daddy schlief noch wie immer an jedem Sonntag und vor 10 Uhr würde er sich nicht einmal aus dem Bett bewegen. Sie war es schließlich gewohnt, selbst für ihr Frühstück zu sorgen. So schlich sie sich mit einem Schraubendreher ausgestattet auf den Dachboden, um auch den letzten Raum im Haus unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht fand sich ja dort ein Hinweis, wohin ihre Mutter gegangen war.

Für Kinderhände ist es nicht einfach, mit Werkzeug zu hantieren und es kostete Emely viel Kraft, um das Schlosse der schweren Holztür zu öffnen. Etwas, das sie besser nie getan hätte. Auf einem Lehnstuhl erkannte sie einen Skelett und zwei Dinge, die sie lange nicht gesehen hatte: Ein grünes Seidenkleid und eine lange Kette mit einem Rauchquarzanhänger. MAMI....
© Peter Leopold

6 Kommentare

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Habe auch erwartet,dass die Geschichte so endet und habe mich in das Kind versetzt ..Bekam richtig Schreck,als sie das Skelett entdeckt hat und ihr Ruf MAMI
Ein bischen Dramatik wollte ich ja auch reinbringen
ES hat Dir auch gelungen
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Wie grausam
Aber ich dachte mir das schon
Cést la vie...
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