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Kindheitserinnerungen  an  Irma

Kindheitserinnerungen an Irma

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 04.12.2015 - 16:26 Uhr

Aus meinem Poesiealbum:

" Lasst uns schwören und singen
in Nacht und Sturm hinein.
Deutsch bis zum Todesringen
Und nichts als Deutsch zu sein."
Zum Andenken an deine Freundin Irma V.
Kinderhaus, den 22.11.1939

Die übrigen Eintragungen in meinem Poesiealbum handeln vorwiegend von Rosen, Veilchen und Vergissmeinnicht.
Irma zog mit ihren Eltern im Frühjahr 1939 von Ladbergen in unsere Nähe.
Ich freundete mich mit ihr an. Sie war älter als ich, evangelisch und politisch "informiert".
"Mein Vater ist Nationalsozialist" - was immer das sein mochte - es hörte sich großartig an.
Für lange Zeit bedeutete Ladbergen für mich ein Ort, aus dem Nationalsozialisten kamen und evangelische Leute wohnten.
Im Sommer 1939 saßen Irma und ich auf der Bank vor dem Haus, in dem Irma wohnte. Der große asphaltierte Hof lag vor uns. Irma sagte mit wissender Miene : "Ich glaube, es gibt bald Krieg." ----"Wo, bei euch auf`m Hof?" meine Frage.
Mit meinen neun Jahren hatte ich keine Ahnung, was es bedeuten konnte: Krieg.

Mit Irma verband mich keine wirkliche Freundschaft, doch ich suchte ihren Kontakt.
Kein Kind wusste so gut Bescheid wie sie.
Im Krieg konnten wir im Saal einer Gastwirtschaft Filme sehen. Ich sah den Film: "Bismarck". Irma fragte mich: " Hast du den denn verstanden?" Ich behauptete "ja" und hatte Respekt vor ihr, denn allein die Frage bedeutete für mich, dass sie den Film mit all den politischen Hintergründen begriffen hatte.
Ich nervte meine Mutter mit meinem von Irma erworbenen "politischen Wissen". Mutti murmelte : " Is alles Quatsch."
Vater, ein Mitläufer und Parteigenosse, bekam von ihr die Drohung: " Komm bloß nicht mit so `ner braunen Uniform nach Hause."
Allerdings hätte Mutti nicht viel mehr sagen dürfen.
In unserer Schule wirkte nämlich seit 1942 der neue Rektor Bickmann, mein Klassenlehrer. Er stand vor uns mit erhobener geballter Faust hinter einem Stuhl, das rechte Bein über die Lehne und den Fuß auf den Sitz gestellt. Er hielt mit verbissenem Gesicht politische Vorträge und verherrlichte den Krieg. Das Gehörte wollte ich zu Hause anbringen. Das ging nicht. Mutti reagierte einfach nicht.
Sie guckte mich nur an und schwieg.
Sie grüßte auch niemals mit dem "Deutschen Gruß", was ich monierte.

Nach dem Krieg kam Herr Bickmann zu Mutti. Er wollte von ihr einen "Persilschein" , um wieder lehren zu dürfen.
Mutti warf ihm vor: " Sie haben mir das Leben schwer gemacht." Sie wies ihm die Tür.
Mit zwölf sagte ich zu Irma: " Ich will Führerin werden." " Ich sorge dafür, dass du auch Schaftsführerin wirst." Das klappte. Ich wurde eine Führerin ohne Gruppe. Wir trafen uns immer mittwochs. Die Dienstpflicht hätte ich nie versäumt. Gruppenweise spielten wir Brennball, Völkerball und anderes und wir sangen Lieder. Politische Schulung fand nicht statt. Ich denke, es war niemand von uns in der Lage, eine solche vorzunehmen.
In den einzelnen Stadtbezirken hießen die Jugendgruppen der Hitlerjugend bei den Jungen "Fähnlein" und bei den Mädchen "Jungmädelgruppe" Die Älteren ab 14 Jahren gehörten zum BDM, Bund Deutscher Mädel. Es gab die Gruppenführerin, die Scharführerin und die Schaftsführerin. Die "bestätigten" Führerinnen bekamen eine schriftliche Bescheinigung vom Bann und eine Kordel, die man an der Braunen Kletterweste von der Schulter zur Brusttasche trug oder auch zur weißen Bluse mit dem schwarzen Fahrtentuch. An den Kordeln erkannte man den Grad der Führerin. Es gab üni-rote, rot-weiße, uni-grüne und grün-weiße Kordeln. Die anderen Farben belegten die höheren Grade.
Auf dem Foto unserer Führerinnenschaft sehe ich, dass keine Führerin eine Kordel trägt.

Irma empfahl mir: "Bewirb dich doch für ´s Landjahrlager".(eine nationalpolitische Erziehungseinrichtung). Ihr hatte es dort gut gefallen. " Wo kann ich mich denn anmelden?" " Bei der Bezirksregierung."
Jedes Mädchen, das die Volksschule verließ, musste damals ein Pflichtjahr absolvieren. Das hieß, ich hätte ein Jahr im Haushalt einer anderen Familie arbeiten sollen. "Das mache ich auf keinen Fall", erklärte ich meiner Mutter. Sie wollte nicht, dass ich wieder wegfahre. Ich meldete mich dann doch an. Inzwischen wollte ich Landjahrführerin werden oder Gutsverwalterin in "unseren neuen Ostgebieten."
Im April 1944 kam ich ins Landjahrlager nach Banfe bei Laasphe im Sauerland.

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