wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Von einem, der auszog, den Blackout zu lernen

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 09.12.2015 - 13:50 Uhr

Von einem, der auszog, den Blackout zu lernen

Nach einer schöpferische Pause von knapp zwei Jahren beschloss Goran, sich wieder in die Schreibgruppe des Netzwerkes "seniorbook" einzubringen. Das Thema für den Monat Dezember lautete: Blackout. Das war irgendwie unerfreulich, da er gar nicht genau wusste, was dieser Begriff genau meinte. Aber gut, er hatte sich vorgenommen, wieder etwas zu schreiben, und wollte sich auch daran halten.
Als Goran noch ein junger Student war, kostete das Beschaffen von Informationen noch viel Zeit und Mühe. In seinem alten "Universal Lexikon" wurde er selten fündig, also musste er zur Uni fahren und dort stundenlang in der Bibliothek herumsuchen. Doch heute, dank Internet, war nichts einfacher, als an irgendwelche Informationen über alle mögliche Themen zu kommen. Allein deshalb liebte er das "Netz". Also: google öffnen, "Blackout" eingeben, dann, wie meistens, bei wikipedia anklicken. Interessant, es gibt also auch noch die Begriffe Brownout, Whiteout, Greyout und Redout. Aber nicht abschweifen, bitte!
Goran las den gesamten Artikel über den "Aussetzer" und lehnte sich genüsslich zurück in dem Bewusstsein, dass die moderne Zeit doch nicht nur Negatives hervorgebracht hatte - was er sonst häufig dachte, da die Menschen gerade dabei waren, das Leben auf ihrem Planeten zu zerstören.
"Wohlan denn, jetzt lass Dich von der Muse küssen und dann mit gespitzter Feder frisch ans Werk", schalt sich der passionierte Grübler, nachdem er mal wieder längere Zeit über die Umweltverschmutzung und deren Folgen nachgedacht hatte.
Doch was war denn jetzt passiert? Es war knapp eine halbe Stunde her, seitdem er den Artikel gelesen hatte, aber: er konnte sich an nichts erinnern! Das durfte doch nicht wahr sein!
Nun war Goran seit über vier Jahren ehrenamtlich in der Betreuung demenziell Erkrankter tätig und litt - wie viele seiner Kolleginnen - gelegentlich unter der Angst, irgendwann ebenfalls dement zu werden. War es etwa schon soweit? "Nein, das muss ein zufälliger Aussetzer sein", dachte er sich. Als alter Esoteriker glaubte er jedoch nicht, dass "Zufälle" zufällig passieren, aber egal, diese Gedanken müssen jetzt erst einmal nach hinten geschoben werden! Er sagte im Stillen die Telefonnummern seiner besten Freunde auf. Es klappte wie immer - die waren aber doch auch im Langzeitgedächtnis gespeichert, erinnerte er sich, und bei beginnender Demenz sind als erstes Lücken im Kurzzeitgedächtnis auffällig.
Goran ermahnte sich: "Jetzt mach' mal nicht die Pferde scheu und wiederhole das Ganze!" Gesagt, getan. Einmal, zweimal, dreimal - immer das Gleiche: kaum hatte er den Artikel über den Blackout gelesen und auf sein Schreibprogramm umgeschaltet, war alles, was er gerade gelesen hatte, wie ausradiert. Einfach weg. Es war nicht zu fassen! Er wechselte zu anderen Suchmaschinen, hatte jedoch auch dort keinen Erfolg.
Goran hatte in seiner Jugend viele "Science Fiction" Romane gelesen, glaubte insgeheim, dass die Geschicke dieser Welt von den "Illuminaten" oder einer anderen Gruppe alter, schwerreicher Männer beeinflusst werden, und seit Edward Snowden und den Telefonabhöraffären sah er George Orwells "1984" in Riesenschritten auf sich zukommen. Erst gestern hatte er eine Dokumentation über die "Welt der Düfte" gesehen und dabei erfahren, dass beispielsweise gewisse Banken ihre Raumbelüftung mit einem Duft versehen, der den Wohlfühlfaktor der Kunden steigert. Ihm fiel ein, dass schon vor Jahrzehnten das Gerücht umging, dass in Filmen einzelne Bilder bestimmter Getränke eingeblendet würden, so kurz, dass nur das Unterbewusstsein diese Bilder wahrnimmt. Oder waren es psychologische Experimente gewesen? Egal, nicht so wichtig im Moment. Viel wichtiger war: sollte die "herrschende Kaste" einen Weg gefunden haben, über das Internet das Bewusstsein der Nutzer zu beeinflussen? Und falls ja: warum soll ich nichts über den "Blackout" erfahren? Liegt es an dem Begriff oder an meiner Person?
Goran zwang sich zur Ruhe. Geh' logisch vor! Er rief Gewargis, seinen "Bruder im Geiste", an, da dieser sich gerne als "Küchenpsychologe" betätigte und damit seinen Leuten gehörig auf den Geist ging - er analysierte nämlich permanent ungefragt deren Verhalten. Weil er nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, sagte er scheinheilig: "Sag mal, Gewargis, Du bist doch so eine Art Universalgelehrter. Was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff "Blackout"? Als Antwort folgte ein zehnminütiger Vortrag, von dem Goran jedes Wort verstand. Dadurch senkte sich sein Blutdruck wieder auf ein erträgliches Maß, und er schöpfte neue Hoffnung.
Doch kaum hatte er den Hörer aufgelegt, war alles wieder weg, wie ausgelöscht. Er konnte sich an den Anruf erinnern, auch an die üblichen Floskeln, die zwischen ihm und Goran geflossen waren, aber alles, was mit dem Blackout zusammenhing, war wie weggeblasen. Goran war den Tränen nahe. Werde ich verrückt oder gibt es doch eine Verschwörung? Sollte dann auch schon das Telefon infiziert sein? Das würde mich nicht wundern! Wer weiß schon, was in den geheimen Labors dieser Welt so alles entwickelt wurde?
Zitternd goss sich Goran einen doppelten Single-Malt-Whisky ein. Es war zwar noch früh am Abend, aber das musste jetzt sein.
In der Hoffnung, dass nicht schon jede Wohnung weltweit durch irgendwelche Richtmikrofone oder ähnliche, in Satelliten verborgene Instrumente abgehört wird, rief er seine alte Kumpelin Manuela an und fragte, ob er sie besuchen könne. Sofort. Sie bejahte. Er packte die angebrochene Whiskyflasche ein, legte vorsichtshalber noch eine zweite dazu und machte sich auf den Weg.
Am nächsten Morgen hatte Goran einen fürchterlichen Kater. Schnell zog er die Bettdecke wieder über den Kopf, in dem es wie in einem Hammerwerk klopfte und dröhnte. Nach und nach kam die Erinnerung an den gestrigen Tag. Er wusste, dass Manuela und er den gesamten Whiskyvorrat gekillt und sich den ganzen Abend über "seinen" Blackout unterhalten hatten. "Oh Mist", stöhnte er, "ich weiß genau, dass ich gestern Abend alles über den Blackout wusste, aber jetzt weiß ich nichts mehr. Ich fürchte, ich habe einen totalen Filmriss!"

(c) Georg Lackmann

Konstruktive Kritiken sind ausdrücklich erwünscht!

29 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
den letzteren Blackout kann ich gut nachempfinden und über die anderen sollte sich Goran nicht so viele Gedanken machen. Es gibt eben Sachen, die das Gehirn absolut nicht speichern will.
aber du hast es sehr toll beschrieben . Gefällt mir gut.
Danke, liebe Brigitte! Es freut mich, dass es Dir gut gefällt.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Es ist wirklich verhext. Ich habe blackout auch gegoogelt und bei mir ist eine ganz andere Geschichte herausgekommen. Viel kürzer als deine und leider nicht so witzig.
Herzlichen Dank, Marga!
Ich wollte Deine Geschichte lesen, habe sie aber nicht gefunden. Hast Du sie schon veröffentlicht? Falls ja: wo steht sie?
Hallo Georg, die konntest du gestern auch nicht finden. Ich musste sie noch nach Fehlern prüfen und habe sie gerade erst frei gegeben. Sie steht bei Kultur und Unterhaltung, wie alle meine Geschichten. Liebe Grüße
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hi Gewargis, ja der Alkohol und der Filmriss. Deine Geschichte spiegelt wider, was die Menschheit als Blackout deuten bzw. mit dem Wort einfach so hinwerfen, ich habe mich in einigen Stellen wiedergefunden
Danke, Eva!
Ja, wenn übermäßiger Alkoholgenuss eine Flucht aus der Realität ist, dann ist der Filmriss sicherlich das Tüpfelchen auf dem "i". Früher habe ich auch versucht, vor mir selber wegzurennen und kenne Filmrisse aus eigener Erfahrung, aber mittlerweile habe ich erkannt, dass das nicht geht, und meide seit ein paar Jahren den Alkohol. Letztlich ist mein Leben dadurch reicher geworden.
Mir geht es genauso, ich war einmal so betrunken mit Filmriss. Ich habe mich so geschämt, das ist schon lange her. Ab und zu ein Glaschen Wein zum Essen, mehr nicht. Freue mich, dass Du uns gefunden hast. LG Eva
Danke, Eva, ich freue mich auch, wieder dabei zu sein.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Schön, dass Du Georg, alias "Gewargis", deine schöpferische Pause unterbrochen hast. Deine kurzweilige Beschreibung des Blackouts wäre uns sonst entgangen. Bewundernswert, wie du diesen Begriff mit deiner Geschichte eingerahmt hast.
Recht herzlichen Dank, Ursula!
Sprichst Du aramäisch oder hast Du "gegoogelt"?
Weder noch Georg, das war nur ganz spontan von mir geschrieben Aber sag mal, wie möchtest du nun genannt werden? Aramäisch - da würde mich jetzt interessieren wie das klingt.
Da ich mal ein bißchen experimentiern möchte, kannst Du mich zur Zeit ruhig Gewargis nennen. Das spricht man in aramäisch so aus: ܓܘܪܓܝܣ
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Lieber Georg,
Dir sitzt der Schalk im Nacken, einfach köstlich.
Liebe Grüße, Peter
Lieber Peter,
es freut mich sehr, dass Dir die Geschichte gefällt.
Bis bald, Georg
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Hallo Georg,
eine tolle Black out -Geschichte!
Habe mich herrlich amüsiert und freue mich schon auf weitere Geschichten von Dir.
Vielen Dank, Inga!
Diese Kompliment gebe ich gerne an Dich zurück.
Danke, Georg!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Äußerst amüsant zu lesen, vielen Dank! Das wird mich jetzt in den Schlaf begleiten - ob ich morgen noch weiß, worum es ging?
Herzlichen Dank, Angel!
Ich bin ein neugieriger Mensch: Hast Du Dich gestern - was ja das Morgen von vorgestern war - erinnern können? An ... ? Woran nochmal?
Weiß ich nicht mehr. Aber ich wusste noch, dass du 'ne tolle Geschichte geschrieben hast. Ist doch wenigstens was und noch nicht alles verloren.
Das Gute daran: ich hab' sie gleich nochmal gelesen und jetzt weiß ich 's immer noch.
Womit Du klar bewiesen hast: Du trägst Deinen Namen zu Recht!
Oh Georg, wenn ich wüsste, wie das geht, würde ich ihn sofort ablegen und in einen gutbürgerlichen verwandeln. Dieser Name war 'ne sog. Schnapsidee.
Wie wäre es mit Angelika König?
Spaß beiseite: Nur hier bei sb oder auch im wirklichen Leben?
Bei sb kannst Du doch im Profil Deinen Namen ändern. Oder ist dann alles "Alte" futsch?
Ich werde es mal bei mir ausprobieren.
Da, siehst Du, es geht doch! Nenn Dich doch anfangs "... ... alias Angel Queen", bis jeder weiß, wer Du bist.
Kann ich eben leider nicht. Bei mir sind diese Felder nicht veränderbar, möglicherweise hat man das neuerdings gesperrt. Muss mich vielleicht doch mal direkt an die Admins wenden. Danke für die Anregung, wenn 's geklappt hat, werde ich dir einen Gruß schicken. Da wirst du staunen ...
Werde ich dann sagen: " Ach, DUUUUUU bist das?"
Bin gespannt.
Wirst sicher sagen: "Ziemlich phantasielos!"
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren