wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Weihnachtsträumereien

Von wize.life-Nutzer - Samstag, 12.12.2015 - 04:25 Uhr

An langen dunklen Winterabenden, verbringe ich viele Stunden an meinem Schreibtisch, träume in mich hinein, um mich herum werden sie lebendig, die Bilder der Vergangenheit. Ich wünschte, ich könnte sie berühren, die Menschen auf den Bildern.

Am Heiligabend 1998 begleitete ich meine Mutter zum Waldfriedhof, seit 1996 verbrachte sie ihr Leben in einem Rollstuhl. Zwei Schlaganfälle raubten ihr die Kräfte, ihren Sohn und meinen Bruder Georg, ohne fremde Hilfe auf dem Friedhof zu besuchen.
Es war ein kalter, sonniger Heiligabend mit klarer Luft. Ich zwängte meine Mama in einen Thermooverall, zwei warme Decken und Fausthandschuhe, schützten sie vor der Kälte.

Der Weg zum Friedhof war weit, ich glaube so 3 Kilometer, wir „rollten“ durch die Stadt, vorbei an Lichterketten und festlich geschmückten Häusern. Auf ihrem Schoß, lag ein selbstgebasteltes Gesteck für Georg, welches meine Mama einige Tage zuvor angefertigt hatte.
Auf der Autalbrücke legten wir eine kurze Rast ein, tranken warmen Tee, bis zum Friedhof waren es nur noch ein paar hundert Meter.

Georgs Grab befindet sich in Parzelle IV, Grabnummer 21, im Norden des Friedhofes, so mussten wir vom Haupteingang, über den ganzen Friedhof „rollen“, um an sein Grab zu gelangen.

Behutsam, legte ich das Gesteck auf sein Grab, entzündete die dicke rote Kerze, dessen Schein sich in Mamas Brille spiegelte.

Frohe Weihnachten, frohe Weihnachten, mein geliebter Engel, sagte Mama mit leiser Stimme.
Ich legte meinen Arm um ihre schmalen Schultern, für Momente wurde es still um uns herum, Momente einer tiefen Trauer, Liebe und Verbundenheit.

Ein mir liebgewordener Freund aus dem Kinderheim, erzählte mir als ich klein war, wenn Du einmal ganz doll traurig bist, musst Du schnell durch den Mund atmen, dann bleiben deine Wangen trocken.

In diesem Jahr werde ich wieder hinauf zum Waldfriedhof wandern, am Heiligen Abend.
Drei Gestecke werde ich mitnehmen, für Georg, für Papa und eines für meine geliebte Mama, wieder werde ich schnell durch den Mund atmen.


© Peter Böttcher

Mehr zum Thema

11 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
ich kann mich nur Harry anschließen...
Ich danke Dir, liebe Inga!
Von Herzen gerne, lieber Peter!
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Nun wäre jedes Wort zuviel.
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke für Deine Erinnerungen Peter. Gut geschrieben und ich fühle mit
Ich danke Dir, Helge
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Danke fürs Teilhaben an den, aufs Papier geflossenen Erinnerungen
Sehr gerne, Edelgard
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Gefällt mir! HG Juergen
Danke, Juergen
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren